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Familienerbstück: Die Krippe von Inge und Wolfgang Friedl stammt aus dem Jahr 1933.

Weihnachtliches Wohnzimmer

Kleine Freuden, große Fragen: Was ihre Krippe einem Tölzer Ehepaar bedeutet

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In Zeiten, in denen Krippen an Bedeutung verlieren oder sich in Freizeitparks verwandeln, hält ein Tölzer Ehepaar sein historisches Modell bewusst einfach. Die Miniaturlandschaft lässt Inge und Wolfgang Friedl über die große, weite Welt nachdenken.

Bad Tölz – Bevor Inge Friedl erklärt, was der 11. September 2001 mit der Familienkrippe zu tun hat, verlässt sie das Wohnzimmer. Ihr Mann Wolfgang, 74 Jahre, weißes Haar, kariertes Hemd unter dem gestreiften Pullover, bleibt sitzen vor der grünen Miniaturlandschaft. Das dunkelbraune Häuschen mit dem bemerkenswert großen Jesuskind ist älter als er selbst.Im Jahr 1933 bekam einer seiner Brüder das Herzstück der Krippe von der Tante geschenkt. Mit drei Jahren. Mit elf starb er. „Ich habe ihn nie kennengelernt“, sagt Friedl.

Das Besitzstück des Buben hat den Zweiten Weltkrieg überlebt, es stand lange auf dem Klavier in Friedls Elternhaus in Freilassing im Berchtesgadener Land. Über die Jahre sind Bäume, Felsen, ein Teich und eine Brücke dazugekommen. Heute steht die Krippe so groß wie ein Einzelbett unter den Fenstern – und für so vieles, was das Ehepaar in seinem Leben beschäftigt hat. Für kleine Freuden und große Fragen.

Apropos: Inge Friedl kommt mit einer grünen Mappe zurück. Sie packt ein Heft aus, auf dem steht: „Mensch sein! Was ist das?“ Es ist der Titel einer Wanderausstellung mit 100 Exponaten und Gedanken aus 22 Ländern. Inge Friedl begleitete sie von Norddeutschland nach Italien. „Die Bilder sind unter den Eindrücken des Terroranschlags in New York entstanden“, sagt sie. Es gehe um Schattierungen des Menschseins: „Die einen töten, die anderen retten. Was steckt alles in uns?“

Liebe zum Detail: Für die Blätter der Bäume hat Wolfgang Friedl Majoran verwendet.

In Inge Friedl steckt eine passionierte Malerin. Das Treppenhaus ist voll mit ihren großen, bunten Werken, in denen Uhren abstrahiert und als Motiv für die Zeit immer wiederkehren. Die Grundidee zur 9/11-Reihe inspirierte sie schließlich zur Gestaltung des Krippen-Hintergrunds: Nur ein Teil des Erdballs prangt im Oval hinter der christlichen Inszenierung – doch die ganze Welt ist gemeint. „Einerseits spiegelt die Krippe Geborgenheit und Heimat. Aber uns muss auch klar sein, dass wir nicht alleine sind und uns nicht abkoppeln können“, sagt die 75-Jährige.

Ein Teil der Krippe stammt von Europas höchstem Vulkan

Immer wieder blickt die Frau mit dem meerfarbenen Schal und dem österreichischen Akzent gedanklich über den Krippenrand hinaus. Ihr Mann bleibt näher am Objekt: „Der Hintergrund wird oft stiefmütterlich behandelt. Viele hängen nur einen blauen Vorhang auf“, wirft er ein. Wolfgang Friedl beschäftigt sich viel mit der praktischen Umsetzung der Miniaturwelten – schließlich ist er Vorsitzender des Tölzer Krippenvereins. „Bei manchen Figuren wurde der Kopf wieder drangeleimt“, erzählt er. Die anspruchsvollste Arbeit stecke aber in der Botanik. Und damit meint Friedl nicht die Steine, die aus Rügen, der Bretagne oder vom höchsten Vulkan Europas, dem Ätna, stammen. „Es kann dauern, bis man die passende Wurzel für einen kleinen Baum findet.“ Für die detailgetreue Gestaltung hilft es, beim Krippenverein zu sein. Sonst kommt man vermutlich nicht sofort auf die Idee, die Wurzel mit Leim zu besprühen und Majoran als Blätter drüberzustreuen.

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Die Kreativität kennt heute keine Grenzen, sagt Brauchtumsexperte Michael Ritter. „Manche Krippen füllen ganze Zimmer und erinnern eher an Freizeitparks oder Spielzeug-Eisenbahn-Welten.“ Ritter weist darauf hin, dass das eigentliche Geschehen, Christi Geburt, bei allzu vielen Protagonisten untergeht. Kritisieren will er den Tatendrang der Hobbybastler aber nicht: „Ich finde es großartig, wenn die Menschen so engagiert sind.“ Nachdenklich stimmt Ritter eher die Tendenz, dass Krippen bei vielen Familien an Bedeutung verlieren. „Für manche sind sie nur ein weiteres Deko-Objekt.“

Die ersten Weihnachtskrippen gab es – im Großformat – in Kirchen und Klöstern. Im Zuge der Aufklärung distanzierte sich die Gesellschaft bewusst von vielen religiösen Bräuchen. Kaiser Josef II erließ 1782 sogar ein Krippenverbot. „Aber er hat genau das Gegenteil erreicht“, sagt Ritter. „Viele Leute haben sich dann kleine Krippen zu Hause aufgestellt.“

Das Exemplar der Familie Friedl hat sich heuer leicht verändert. „Wir haben einen Berg versetzt“, erklärt das Paar. „Der Stein war letztes Jahr zu nah am Hintergrund. So kam die Weite der Wüste nicht heraus.“

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