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Schwungvoll: Anita Rieder und Ralf Löffler aus Lenggries sind begeisterte Volkstänzer.

Tradition aus dem 19. Jahrhundert

Kocherlball am Kurhaus: Walzer um 6 Uhr morgens

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Volkstanz für Frühaufsteher: Der vierte „Kocherlball“ am Tölzer Kurhaus war am Sonntag gut besucht. Er erinnert an eine Tradition der Hausbediensteten im 19. Jahrhundert.

Bad Tölz – Franz Mayrhofer legt die Geige kurz aus der Hand, um zu sinnieren, was hier eigentlich gerade passiert. Um 6 Uhr morgens hat der Mann mit schmaler Brille und freundlichem Lächeln an diesem Sonntag zum ersten Mal an seinem Instrument gezupft. „Um diese Zeit gehen Musiker sonst meistens erst ins Bett“, sagt er und lacht. Heute nicht: Denn es ist Kocherlball am Tölzer Kurhaus. Das ist der Tag, an dem Menschen in Tracht auf der grünen Wiese im Kurpark tanzen. Allerdings nur zur Eröffnung: Der erste Tanz zum Tölzer Schützenmarsch um 6 Uhr morgens führt auch über den Rasen. Danach ziehen die Tänzer auf die Terrasse des Kurhauses um.

Der Volkstanz für Frühaufsteher ist keine Maßnahme der Gesundheitsindustrie. Nein, er geht zurück auf eine Tradition der „Kocherl“: Im 19. Jahrhundert trafen sich die Hausangestellte zum Tanz, bevor sie ihren Dienst bei den höheren Herrschaften antreten mussten.

Der Tölzer Kocherlball: Bilder

Zu den höheren Herrschaften am Kurhaus gehört Tanzmeister Peter Hoffmann. Bevor Mayrhofer seinen acht Musiker-Kollegen den Takt vorgibt, erklärt Hoffmann den jeweiligen Tanz: „Der erste Schritt geht nach links, beim dritten führen wir die Dame außen herum“, sagt er – und dann geht’s auch schon los. Die Gruppe „I Musicanti Bavaresi“ spielt – in kleinerer Besetzung auch als „Moarhofer Geigenmusi“ – mehrere salonfähige Walzer, aber auch mal eine flotte Polka.

Anita Rieder und Ralf Löffler bringen den meisten Schwung mit. Während er in Lederhosen konzentriert führt, hat die Frau mit dem hellgrünen Dirndl ein breites Lächeln im Gesicht. Die beiden Lenggrieser sind Volkstanz-Profis, vorletzte Woche tanzten sie vor dem Wiener Stephansdom, oft sind sie auch auf Veranstaltungen in Tirol. „Wenn hier was ist, muss man hingehen“, sagt Löffler. Rieder findet, Volkstänze im Tölzer Land seien sehr rar. „Wir wären bereit, da was anzuschieben.“ Sie erfreut sich auch am gesundheitlichen Aspekt: „Bei den Schrittfolgen muss man sich geistig anstrengen. Das ist Hochleistungssport in unserem Alter“, sagt die Frau, die Ende 50 ist.

Seit 1989 gibt es den Kocherlball in München

Elisabeth Thalhuber macht gerade Pause unter einem der großen Schirme auf der Terrasse. Sie ist 65 – und tanzt seit 50 Jahren mit Leidenschaft. „Das ist wunderbar hier, man fühlt das volle Leben“, sagt die Benediktbeurerin. „Und jedes Jahr kommen mehr Leute.“ Den ersten Tölzer Kocherlball gab’s 2014 zum 100. Jubiläum des Kurhauses. Damals kamen einige in historischen Kostümen und legten Dienstboten-Kleidung an. 2017 hat sich niemand als „Kocherl“ verkleidet. Beim Ball, der am Chinesischen Turm in München bereits 1989 wiederbelebt wurde, geht es für die meisten vor allem ums Tanzen. „Aber in der Sonne sitzen und zuhören ist auch schön“, sagt die Tölzerin Rita Reiter. Vor drei Jahren war sie noch ganz alleine dagestanden, heute prostet sie fünf anderen an ihrem Tisch zu.

Tanzmeister Peter Hoffmann ist zufrieden mit der Veranstaltung: „Alle machen wunderbar mit“, sagt der Münchner. Der Kocherlball in Tölz, er scheint eine echte Institution zu werden.

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