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Historischen Moment in Hongkong miterlebt: Der aus Königsdorf stammende Schriftsteller Christopher Kloeble verbrachte zweieinhalb Monate in der chinesischen Sonderverwaltungszone und schildert seine Eindrücke von der Protestbewegung.

Königsdorfer Schriftsteller Kloeble in Hongkong

„Studenten haben ihr Testament gemacht“

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Der Schriftsteller Christopher Kloeble spricht im Interview über seinen Hongkong-Aufenthalt in bewegten Zeiten.

Königsdorf/Hongkong – Die Welt blickt seit Monaten auf Hongkong. Es gibt Massenproteste gegen die Peking-nahe Administration unter Carrie Lam. Die Menschen haben Angst, dass die liberale Rechtsordnung und die weitgehende Autonomie in der chinesischen Sonderverwaltungszone vom autoritären chinesischen Staat ausgehöhlt werden. Der aus Königsdorf stammende Schriftsteller Christopher Kloeble erlebte die Situation bis Ende November hautnah vor Ort. Er verbrachte mit seiner Familie zweieinhalb Monate in der Stadt. Seine Frau, die Schriftstellerin Saskya Jain, unterrichtete Kreatives Schreiben an der Hong Kong University, Kloeble hielt Vorträge und Lesungen. Im Telefon-Interview mit dem Tölzer Kurier berichtet der 37-Jährige, der sich aktuell in Neu-Delhi aufhält, von seinen Erfahrungen.

Herr Kloeble, haben Sie und Ihre Familie vor der Entscheidung, für eine Zeit nach Hongkong zu gehen, wegen der aktuellen Lage gezögert?

Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir gehen sollen – gerade weil wir eine zwei Jahre alte Tochter haben. Aber unsere Kontaktpersonen vor Ort sagten uns, dass es in den Medien zwar schlimm aussieht, aber dass das alltägliche Leben normal weitergeht. Es gab bereits Proteste, zu dem Zeitpunkt waren sie aber noch nicht so gewalttätig. Außerdem ist Hongkong eine große Stadt. Selbst wenn an einem Ort 100 000 Menschen auf die Straße gehen, heißt das noch nicht, dass man in einem anderen Viertel etwas davon mitbekommt. Protestiert wird ja auch in Moskau oder Paris.

Und wie haben Sie die Situation in Hongkong dann erlebt?

Einen Großteil der Zeit war es tatsächlich so, dass wir von den Protesten kaum etwas bemerkt hätten, wenn wir nicht den Fernseher eingeschaltet hätten. Aber es gab auch mal die Situation, dass plötzlich 20 Polizeiautos mit Blaulicht an uns vorbeigefahren sind und wir uns gefragt haben: Was ist jetzt wieder passiert? Oder andere Eltern auf dem Spielplatz haben gesagt: „Wir haben gehört, es gibt Ausschreitungen, und es wird Tränengas eingesetzt. Weil heute der Wind aus dieser Richtung weht, solltet Ihr mit dem Kind lieber nach Hause gehen.“

Hat Sie das nicht sehr verunsichert?

Wir haben uns insgesamt sehr wohlgefühlt, haben keine Aggression uns gegenüber wahrgenommen. Natürlich haben wir uns auch von den Protesten ferngehalten. Es gab Tage, da haben wir viele schwarz gekleidete Menschen mit Atemmasken in eine bestimmte Richtung gehen sehen. Dann sind wir natürlich nicht unbedingt hinterhergelaufen.

Die Protestbewegung veröffentlicht offenbar auch im Internet Karten mit den Orten, an denen jeweils aktuell demonstriert wird.

Ja, aber sprachlich habe ich diese Karten nicht genau verstanden. Wenn ich aber gesehen habe, dass in einer Gegend besonders viele Symbole, wie rote Ausrufezeichen, bellende Hunde und Polizeiautos, eingezeichnet waren, sind wir dort an diesem Tag lieber nicht hingegangen. Mit der Zeit hat es auch zugenommen, dass die Metro attackiert wurde und bestimmte Strecken lahmgelegt wurden. An solchen Tagen sind wir nicht so weit weggefahren, denn wir wollten nicht irgendwo stranden – vor allem nicht mit Kind.

In einem Artikel in der FAZ schreiben Sie auch, Sie hätten es vermieden, Weiß zu tragen, um nicht für einen Anhänger der Regierung gehalten zu werden.

Ja, wir haben uns nicht einseitig weiß oder schwarz gekleidet und sind auch nicht unbedingt mit Atemmasken oder mit Regenschirmen – dem Symbol der Protestbewegung – auf die Straße gegangen. Man weiß schließlich nie, auf wen man trifft und was der andere denkt. Wie begründet diese Angst war, weiß ich aber nicht.

Am Ende haben Sie den Aufenthalt in Hongkong vorzeitig abgebrochen. Warum?

Die Universität wurde von den Protestierenden besetzt und danach offiziell geschlossen. An einem Tag war zum Beispiel auch eine Route zum Flughafen blockiert. Wir wollten da in keine blöde Situation kommen. Zudem standen die Bezirkswahlen an. Man wusste vorher nicht, wie sie ausgehen und dass alles so friedlich bleiben würde – das hat viele unserer Freunde überrascht.

Welche Stimmung haben Sie in der Stadt im Gespräch mit den Menschen wahrgenommen?

Wir haben die Menschen nicht direkt mit der Frage konfrontiert, auf welcher Seite sie stehen. Ich denke, für uns als Außenseiter war da eine gewisse Sensibilität angebracht. Aber manchmal haben Taxifahrer von selbst angefangen, etwas zu sagen, und auch von Seiten der Studenten hat man manches mitbekommen. Generell waren die Sympathien der meisten Hongkonger auf Seiten der Protestierenden. Insgesamt war eine Zerrissenheit zu spüren, eine zunehmende Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.

Sie haben auch geschrieben, dass Sie hinter den Protesten neben den politischen Forderungen nach Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auch soziale Ursachen sehen.

Ja. Da sind zum einen die Forderungen der Protestbewegung, etwa, dass die Polizeigewalt aufgeklärt werden muss. Aber auch ein anderer Aspekt fließt mit ein, ich weiß nicht, wie bewusst. Es gibt in Hongkong einen gesellschaftlichen Riss. Außer Taxis ist alles irrsinnig teuer, am allerschlimmsten ist es bei den Immobilien, im Verhältnis viel teurer als in London oder New York. Wir haben von der Universität ein Apartment mit eineinhalb Schlafzimmern gestellt bekommen. Alle haben zu uns gesagt. „Das ist ja ein wahrer Palast!“ Wir haben Familien kennengelernt, in denen beide Eltern einen guten Job haben, und die es sich trotzdem nicht leisten können, in der Stadt zu wohnen. Viele Menschen haben das Gefühl, auf verlorenem Posten zu sein, und fragen sich: Wo soll das noch hingehen? Diese Verengung der Lebensverhältnisse führt zu einem Unglück und einer Unzufriedenheit. Das ist sicher Teil der Mischung, die zu den Protesten geführt hat.

Mit welchem Gefühl für die Zukunft von Hongkong haben Sie die Stadt verlassen?

Nicht mit dem Gefühl, dass dort der Untergang der Zivilgesellschaft bevorsteht. Noch dazu hat die internationale Gemeinschaft ein viel zu großes Interesse an Stabilität in Hongkong, es ist zu wichtig als internationaler Handels-Umschlagplatz. Andererseits ist es sehr unwahrscheinlich, dass eines der beiden Lager so schnell aufgibt. Ich habe gesehen, dass junge Studenten ihr Testament gemacht haben. Sie sind bereit, für die Ziele der Protestbewegung zu sterben.

Auf jeden Fall haben Sie einen historischen Moment in Hongkong miterlebt.

Ja, und das zum zweiten Mal. Ich war mit 13, 14 Jahren schon einmal in Hongkong, Mein Vater hatte dort beruflich zu tun, ich habe ihn begleitet. Das war ein halbes Jahr vor der Übergabe an China. Die lehrreichste Erfahrung für mich war, wie fragil die Lage in einem Land sein kann. Wir denken, wir leben in liberalen, demokratischen Gesellschaften und fühlen uns manchmal zu sicher. Aber wer weiß: Vielleicht sitzen in 18 Jahren die Menschen in Hongkong vor dem Fernseher und wundern sich, was in Berlin alles los ist.

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