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„Köpfen war was für die obere Schicht“: Christoph Schnitzer gibt Rückblick auf die Tölzer Polizeigeschichte

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Von: Felicitas Bogner

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Trotz Hitze kamen etwa 25 Personen zu dem Vortrag des Tölzer Autors Christoph Schnitzer (li.) in den Kleinen Kursaal. Er erzählte von traurigen, kuriosen und teils lustigen Geschichten über die Polizeiarbeit in der Kurstadt. Polizei war im Stadtmuseum
Trotz Hitze kamen etwa 25 Personen zu dem Vortrag des Tölzer Autors Christoph Schnitzer (li.) in den Kleinen Kursaal. Er erzählte von traurigen, kuriosen und teils lustigen Geschichten über die Polizeiarbeit in der Kurstadt. Polizei war im Stadtmuseum © mk

Der Bad Tölzer Autor Christoph Schnitzer fesselte kürzlich sein Publikum bei einem unterhaltsamen Vortrag über die Geschichte der Tölzer Polizei.

Bad Tölz – Vor 50 Jahren wurde die Tölzer Stadtpolizei aufgelöst und mit der damaligen Landpolizei fusioniert. Das nahm kürzlich der historisch versierte Tölzer Autor Christoph Schnitzer gemeinsam mit dem Kreisbildungswerk zum Anlass für einen Rückblick auf die Geschichte der Tölzer Polizei. Bei einem Vortrag im Kleinen Kursaal lauschten die Zuhörer – unter ihnen auch einige pensionierte Polizisten aus dem Tölzer Land – erst gespannt dem geschichtlichen Schwenk, ehe sie über die teils skurrilen, teils traurigen Erzählungen staunten.

Schnitzer holte weit aus – denn Zeugnisse zumindest einer „polizeilichen Arbeit“ im Tölzer Land reichen laut seinen Recherchen bis in die Frühzeit zurück. „Auch wenn die Quellenlage nicht gesichert ist, hat es eine Form der Polizeitätigkeit schon immer gegeben“, sagte er. So habe es beispielsweise um 1616 bereits Wächter für vier Gassen und zwei Türme gegeben.

Kreisbildungswerk organisiert Vortrag mit Tölzer Autor Christoph Schnitzer

Dazu berichtete Schnitzer, dass der frühere Stadtarchivar Joachim Press 1972 bei seinen Forschungen zur frühen Geschichte der Polizei zu Tage gebracht habe, dass es bereits 1584 ein Gefängnis unterhalb der Stadtpfarrkirche – dort, wo das heutige Metzgerbräu ist – gegeben habe.

Überdies sei anhand eines Gerichtsfalls von „Landstreicherei“ klar geworden, dass man zu jenen Zeiten im Strafvollzug große Unterschiede hinsichtlich des sozialen Standes gemacht habe. „So war Köpfen nur etwas für die obere Schicht“, sagte Schnitzer mit einem süffisanten Unterton. Untere Schichten seien gehängt worden. Und zwar dort, wo es heute nahezu jeden Touristen, der nach Bad Tölz kommt, für ein Selfie hinzieht: Auf dem Kalvarienberg. Die zweite Tölzer Richtstätte sei dort gewesen, wo heute das Josefistift steht.

Frühes Gefängnis unterhalb der Stadtpfarrkirche

Es sei dem früheren Polizeibeamten Johann Ertl aus Lenggries zu verdanken, so Schnitzer, der bei jedem Satz seine Quelle -– solang bekannt – würdigend nannte, dass die Geschichte der örtlichen Gendarmerie dokumentiert wurde. Demnach sind 1883 erste schriftliche Spuren einer Gendarmerie in Benediktbeuern zu finden. Es habe ab diesem Jahr auch Schriftverkehrszeugnisse zwischen den Stationen in der Jachenau und Lenggries und der Tölzer Hauptstation gegeben.

Die Zuschauer lachten über Schnitzers Darbietung der damaligen Beamtenstrukturen. Er zitierte ein Schreiben zwischen den Stationen. Darin stand die explizit festgehaltene Regel: „Gibt es eine neue Bestimmung, löst diese immer die alte Bestimmung auf“, stehe in einer Weisung von 1905. „Irgendwie hat sich daran bis heute nichts geändert“, sagte eine Zuhörerin kichernd in die Runde.

1914 verkündete Polizeibeamter mit Glocke in der Straßen den Beginn des Ersten Weltkriegs

Die Aufgaben der Polizei waren über all die Jahrhunderte wohl auch immer anders geregelt. So sei 1914 ein Polizist und Amtsdiener mit der Glocke bimmelnd durch die Tölzer Straßen gelaufen, um den Beginn des Ersten Weltkriegs zu verkünden. „Damals war jede Kommune in Bayern verpflichtet, eine Person zu haben, die Polizist und Amtsdiener war“, erklärte Schnitzer. Sprich, er war halb Polizist und halb Angestellter des Magistrats.

1928 wurde das Gebäude für die Landpolizei in der Bahnhofstraße errichtet, berichtete Schnitzer. Denn bis zur Fusionierung vor 50 Jahren arbeiteten die getrennten Polizeien partnerschaftlich zusammen. Die Stadtpolizei war im heutigen Stadtmuseum untergebracht. „Die Darstellung im ,Bullen von Tölz‘ ist also gar nicht so falsch. Dort ist das Kommissariat von Benno Berghammer hier positioniert“, schmunzelte Schnitzer, bevor er dann aber zu einem düsteren Kapitel überleitete.

Denn im Dritten Reich waren Stadt- und Landpolizei wirksame Instrumente in den Händen der Nazidiktatur gewesen. „In Halbmonatsberichten mussten die Beamten einen Fragenkatalog zur Bevölkerung und deren politischer Einstellung, religiöser Feste und jüdischen Umtrieben ausfüllen und an höhere Stellen zur Auswertung schicken.“

Polizei war im Stadtmuseum

Neben den dunklen Tagen der Polizei brachte Schnitzer auch auf humorvolle Art heitere und schräge Begebenheiten zutage. Etwa ein ungewöhnlicher Diebstahl. Eine Dampfwalze wurde in Lenggries entwendet. Tage später allerdings – ordnungsgemäß geparkt – am Max-Höfler-Platz von der Polizei gefunden. Im Juli 1958 hatte die Stadtpolizei beispielsweise die Aufgabe, die Fußgänger darauf aufmerksam zu machen, dass die neu angebrachten Verkehrsampeln für Fußgänger an der Kreuzung an der Isarbrücke nicht nur zur Zierde da seien, sondern bitte beachtet werden müssen.

So fing er das Interesse der Zuschauer auch mit Geschichten der Verbrecherjagd ein. Dabei habe – egal wie hart die Jungs auch unterwegs waren – immer ein Credo gegolten: „Gauner und Polizisten haben sich gegenseitig gekannt, miteinander gesprochen und respektiert“, sagte Schnitzer. Als Rausschmeißer amüsierten sich die Zuschauer auch über die Geschichten über Betrunkenenfahrten von ehemaligen Lenggrieser Bürgermeistern im Jahr 1960. „Einen Namen“, so Schnitzer augenzwinkernd, „darf ich aus datenschutzrechtlichen Gründen aber nicht nennen.“ So kam es zu einer kleinen Anekdote nach der anderen. Bis zum Schluss der Referent langsam mit ehemaligen Tölzer Polizeibeamten ratschend den Saal am Vichy-platz verließ.

Weitere Information

Kriminalgeschichten und deren Hintergründe hat Christoph Schnitzer in seinem Buch „Mordsgeschichten aus Bad Tölz und dem Isarwinkel“ niedergeschrieben. Erhältlich im Internet. ISBN-13 : 978-3000124211

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