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Fleischbeschau: Aus Tierwohl-, Klimaschutz- und Gesundheitsgründen fordern viele Experten, den Fleischkonsum zu reduzieren. Ob eine Erhöhung der Mehrwertsteuer das richtige Mittel dafür ist, bleibt umstritten. 

Höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch

„Das kommt ja nicht den Bauern zugute“

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Die einen sehen in einer höheren Mehrwertsteuer auf Fleisch Abzocke, die anderen einen wichtigen Vorstoß in Sachen Klimaschutz.  Im Landkreis gibt es viel Kritik.

Bad Tölz-Wolfratshausen – 19 statt 7 Prozent Mehrwertsteuer auf Fleisch: Im Landkreis stößt dieser Vorschlag weitgehend auf Ablehnung – ob man nun beim Metzger, der Ernährungsberaterin oder beim Bauern nachfragt.

Schon rein aus gesundheitlichen Aspekten sagt die Ernährungswissenschaftlerin Angelika Spöri aus Egling: „Es ist ganz klar, dass wir deutlich weniger Fleisch essen sollten.“ Einmal pro Woche Fleisch: Das reiche auf alle Fälle völlig aus – so wie es früher den meisten Familien der Fall gewesen sei. „Und da war es auch begrenzt auf 50 bis 60 Gramm.“ Eine vegetarische Ernährung sei ebenfalls eine gute Alternative. Wer sich vegan ernährt, müsse auf einige Aspekte achten: etwa darauf, genügend Hülsenfrüchte zu essen und einmal im Jahr den Vitamin-B12-Haushalt zu kontrollieren.

Lieber Agrarindustrie in die Mangel nehmen

Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Fleisch lehnt Spöri dennoch ab. „Das würde ja das gute, hochwertige Stück Fleisch, das durchaus zu befürworten ist, noch teurer machen. Ich fürchte, viele Kunden würden dann erst recht auf Billigprodukte zurückgreifen.“ Aus Sicht der Eglingerin sollte die Politik besser die Agrarindustrie, die auf Dumpingpreise abziele, in die Mangel nehmen.

Für eine Reduzierung des Fleischkonsums plädiert Josef Weber, Seniorchef der gleichnamigen Lenggrieser Metzgerei, naturgemäß nicht. „Jeder soll essen, was ihm schmeckt und was ihm guttut“, sagt der 71-Jährige. „Wenn ich nur Salat essen würde, hätte ich keine Kraft zum Arbeiten – dann könnte ich höchstens den Boden kehren“, sagt er und lacht.

„Das wäre reine Abzocke“

Er hält dementsprechend nichts davon, Fleisch künstlich zu verteuern, bis sich zum Beispiel Rentner kein Fleisch mehr leisten könnten. Gerade eine höhere Mehrwertsteuer komme ja nicht den Bauern zugute – „dann wäre es ja okay“ –, sondern dem Staat. „Das wäre eine reine Abzocke der Bevölkerung.“ Wichtig ist Weber aber auch, dass Fleisch nicht „billig verschleudert“ wird, sondern dass Tiere „sauber gepflegt und behandelt“ und tiergerecht gehalten werden. „Das gehört auch belohnt.“ In der Metzgerei Weber werde noch selbst geschlachtet, und für Josef Weber gilt dabei der Grundsatz, den er vor 55 Jahren als Lehrling vermittelt bekam: „Blutig ist dein Amt, drum übe es menschlich aus.“

Für Friedl Krönauer, den Kreisvorsitzenden des Bund Naturschutz, ist es „unstrittig, dass unser Fleischkonsum zu hoch ist und eine Reduktion sein muss“. Nur: „Welcher Weg dorthin der richtige ist, das weiß ich nicht.“ Wenn die Mehrwertsteuer angehoben wird, hat auch Krönauer die Befürchtung, dass viele Verbraucher dann „mehr zu Billigprodukten greifen“. Zudem müsse die soziale Komponente berücksichtigt werden. „Es darf nicht so sein, dass sich nur noch finanziell Bessergestellte Fleisch leisten können.“

Hoffen auf Bewusstseinswandel

Besser würde es dem Schlehdorfer gefallen, wenn im Fleischpreis Faktoren wie die Gewässerverschmutzung und Bodenbelastung „eingepreist“ würden, die speziell in der Massentierhaltung verursacht werden. Vor allem aber hofft Krönauer auf einen Bewusstseinswandel hin zu „ausgewogener Ernährung und Wertschätzung von Produkten“. Daher sei er auch froh, dass aktuell eine Diskussion über Fleischkonsum angestoßen wurde. „Vielleicht sind wir ja in zwei bis Jahren schon weiter.“

Eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch: Aus Sicht von Peter Fichtner wäre das „eine reine Alibiaktion“ und sogar „verlogen“. „Solange der höhere Preis nicht beim Bauern ankommt, ist das abzulehnen“, sagt der Kreisobmann beim Bayerischen Bauernverband. Die Folge wäre nach seiner Einschätzung, dass sich der Handel vermehrt im Ausland mit billigem Fleisch eindecken werde, um seine niedrigen Preise zu halten.

Fichtner sieht Vorstöße zu solchen Einzelmaßnahmen in „gewaltigem Widerspruch“ zu politischen Entscheidungen, über die weit weniger diskutiert werde: etwa dem geplanten Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten. „Dafür, dass sie uns deutsche Fahrzeuge abkaufen, lassen wir dann von dort hunderttausende Tonnen genmanipulierten Mais und hormonbehandeltes Fleisch ins Land. Und durch diesen Mengendruck sinkt der Fleischpreis wieder.“

Auch den gesellschaftlichen Druck, weniger Fleisch zu essen, sieht Fichtner kritisch. „Wir sollten da nicht in ein Schwarzweiß-Denken verfallen. Es ist ein Unterschied, ob ich zum Beispiel den ganzen Tag am Schreibtisch sitze oder auf dem Bau arbeite. Manche setzen sich dafür ein, dass man den Tieren Schatten spendet, aber der Zimmerer darf den ganzen Tag auf dem Südseiten-Dach in der Sonne stehen und soll dann abends bitte kein Fleisch essen.“

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