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Das Interesse war riesengroß: 400 Tölzer kamen ins Kurhaus zur Podiumsdiskussion der vier Tölzer Bürgermeister-Kandidaten.

Kommunalwahl 2020

Vier gewinnt: Über 400 Tölzer diskutieren mit den Bürgermeister-Kandidaten 

„Das war eine klasse Veranstaltung“, raunte ein Politiker dem Reporter beim Hinausgehen zu. Die mehr als 400 Tölzer, die zur Podiumsdiskussion mit den vier Bürgermeister-Kandidaten ins Kurhaus gekommen waren, waren wohl ebenfalls zufrieden. Über Gewinner und Verlierer wurde im Nachgang jedenfalls noch lange diskutiert.

Bad Tölz – Etwa 70 Prozent der Besucher hatten die Hände nach oben gereckt, als die souveräne Moderatorin des Abends, Veronika Ahn-Tauchnitz, fragte, wer denn schon seine Wahl getroffen habe. Blieben also 30 Prozent, die von vier äußerst korrekt auftretenden Kandidaten überzeugt werden wollten. Ein wenig mehr Pep, ein Quäntchen mehr Angriffslust, um das eigene Profil zu schärfen, hätten dem Quartett gut getan. Es war ein Schlagabtausch mit gebremstem Schaum sozusagen. Dennoch war der Abend erkenntnisreich.

Bezahlbares Wohnen

„Bezahlbarer Wohnraum ist das Topthema“, griff Redaktionsleiterin Veronika Ahn-Tauchnitz zum Start das bei einer Vorab-Internet-Umfrage am meisten genannte Anliegen der Tölzer heraus. Der Bedarf zum Wohnungsbau ist da. Aber, so wie Geretsried, 700 Wohnungen in den nächsten Jahren zu schaffen, das sei nicht der Weg. „Damit generieren wir nur Zuzug“, sagte Ingo Mehner (CSU) und plädierte für schrittweisen städtischen Wohnbau.

1,2 Prozent Bevölkerungswachstum pro Jahr sei jetzt schon zu viel, ist Franz Mayer (Grüne) überzeugt. Im Badeteil seien neue Wohnungen zu zwei Drittel an Nicht-Einheimische gegangen. „Das bringt uns nicht weiter.“ Ansonsten sieht er die Stadt mit gezielten Wohnbauprojekten wie an der Osterleite (günstig) und Zwickerwiese (für besser verdienende einheimische Familien) auf einem guten Weg.

Schon vom Stadtbild und Flächenbestand her sei Tölz nicht so für Geschosswohnungsbau geeignet, warf Michael Lindmair (FWG) ein. Das bislang oft unkontrollierte Bauen etwa im Badeteil, das auch Mehner angemerkt hatte, will Lindmair mit der Ausschreibung von Wohnbauprojekten verhindern. Dabei soll die Erfüllung städtischer Wünsche Voraussetzung für freien Wohnungsbau sein. Auch eine städtische Wohnbaugesellschaft kann er sich vorstellen.

SPD-Mann Michael Ernst weiß im Stadtbereich viele Flächen, die Privatleuten gehören. Auf diese zuzugehen und Wohnbauprojekte anzustoßen, ist sein Weg. Der gelernte Zimmerer hält auch günstigen Holz-Ständerbau sowie Tiny-House-Siedlungen für denkbar, um kurzfristigen Bedarf zu decken.

Erbbaurechtsmodellen (Frage von Andreas Büchl aus dem Publikum) konnte nur Mayer etwas abgewinnen, der selbst in einem Haus auf Erbpacht lebt.

ÖPNV verbessern

„Mit dem Bus kommen sie zwar heute ins Kurhaus, aber nicht mehr heim“, gab Veronika Ahn-Tauchnitz eine Steilvorlage zum Thema ÖPNV. Für Mayer sollten Kleinbusse zwischen wichtigen Stadtzentren das normale Stadtbusnetz ergänzen. „Die großen Busse fahren oft leer herum.“ Kleinbusse würden auch Ernst gefallen. „Bezahlt werden müssen die aber auch“, warf Mehner ein. Das sieht auch Lindmair so, der das Modell Anrufsammeltaxi favorisiert. „In Rosenheim funktioniert das einwandfrei.“

Einig war sich das Quartett, dass kostenlose Busse für Senioren und Schüler wie in Wolfratshausen nicht nötig seien. „90 Cent pro Fahrt für einen Jugendlichen ist zumutbar“, sagte Mehner. „Ein funktionierender ÖPNV ist wichtiger“, meinte Lindmair.

Taubenloch und Gries

Da wartet wohl Arbeit aufs Bauamt. Mehner, Maier und Lindmair sind sich einig, dass die Parkplätze am Taubenloch bleiben sollen. Nur Michael Ernst hält den Wegfall angesichts des nahen Kolber-Parkplatzes für vertretbar.

Im Gries werden nach der von allen begrüßten Stadtteilsanierung 45 Stellplätze gestrichen. Ernst würde zur Entlastung bei den Stadtwerken ein Parkhaus hinstellen. Lindmair schlägt Parkdecks auf zwei Ebenen vor. Mayer denkt ebenfalls an eine Erweiterung des Stadtwerke-Parkplatzes. Er erinnerte auch an die Idee eines zweiten Isar-Stegs. Dann könne man auch das Parkhaus Bockschützstraße nutzen. Mehner schlägt erst einmal einen Test vor: Einen Tag das Gries sperren und beobachten, wo dann geparkt wird.

Radfahren in Tölz

„Ein bisschen Furcht“ hat Moderatorin Ahn-Tauchnitz immer dann, wenn sie am Moraltpark oder entgegen der Einbahnregelung in der Hindenburgstraße radelt. „Das ist gefährlich.“ Anders als viele Kritiker ist Franz Mayer der Meinung, dass die Stadt schon einiges in Richtung Fahrradfreundlichkeit bewegt hat. In der Hindenburgstraße habe seine Fraktion aber einen abmarkierten Radweg vorgeschlagen, nicht die jetzige Lösung. Mayer ist auch für einen Radweg in der Nockhergasse. Die Engstelle Irlbeck-Haus „ist lösbar“.

Michael Lindmair würde in ganz Tölz Tempo 30 einführen. „Dann fährt der Radler mit dem Autoverkehr mit.“ Das in Tölz oft praktizierte wechselseitige Parken „ist ein Unding“. Am Isarkai würde er zudem gerne einen Radfahrer-Anlaufplatz schaffen. Das prominent gelegene Klohäuschen soll dafür verlegt werden. Ingo Mehner würde als Stadtoberhaupt Radachsen quer durch Tölz definieren, die für wenig Geld und mit kleinen Maßnahmen deutlich verbessert werden könnten. Michael Ernst verweist auf die im Arbeitskreis Radeln bereits ausgearbeiteten Konzepte.

Badeteil und Tourismus

Mit dem Satz „Tölz liegt nicht am Meer, an einem See oder in den Bergen“ hat jüngst Jod-AG-Chef Anton Hoefter den Tourismus in Tölz totgesagt. „Mehr Regionalität“ fordert Mayer und eine neue Definition der Marke Tölz.“ Authentizität sei wichtig, meint auch Mehner und glaubt, dass Tölz als Kultur- und Sportstadt vieles mitbringt. Lindmair ist zwar schon lange erklärter Befürworter von weiteren Gesprächen mit Hoefter sowie Kompromissen bezüglich der Nutzung der Jod-AG-Flächen. Der Tölzer Tourismus steht für ihn aber außer Frage. Kultur, Handel und Gastronomie existierten, weil es Tourismus gebe, nicht umgekehrt. Auch der 2002 nach Tölz zugezogene SPD-Mann Ernst folgt Hoefter nicht. Landschaft und Aktionsspielraum seien im Isarwinkel groß. Ernst würde als Stadtoberhaupt mehr mit dem Pfund Naturfluss Isar wuchern.

Mit Hoefter wollen alle im Gespräch bleiben. Die Stadt müsse aber aus einer Position der Stärke verhandeln, sagte Mehner. „Richtig“, gab Mayer heraus und ging einmal ein bisschen in die Offensive: „Du warst auch dabei, als die Stadt 2013 die starke Position aus der Hand gegeben hat und ohne Not der Jod AG fünf Wohnbauten an der Wilhelmstraße erlaubt hat.“

An die Jugend denken

„Wo sollen denn junge Leute abends hingehen?“, fragte Verena Peck im Publikum. Freizeitmöglichkeiten seien das eine, erwiderte CSU-Spitzenmann Mehner. Ihm sei wichtiger, dass es mehr Ausbildungsmöglichkeiten in Tölz gebe. Es müssten Betriebe angesiedelt werden. Michael Ernst bezog sich in seiner Antwort auf den fehlenden günstigen Wohnraum in Tölz. Deshalb würden viele Studenten und Azubis von Tölz weggehen.

FWG-Frontmann Lindmair erinnerte an die Schließung der Disco Blu im Moraltpark. „Das geforderte Lärmkonzept war einfach zu teuer.“ Er forderte wieder mehr Miteinander statt Gegeneinander in der Bürgerschaft. „Leben und leben lassen.“

Gegenseitiger respektvoller Umgang waren sowohl Ernst als auch Franz Mayer wichtig, als sie sich für Feierplätze für Jugendliche an der Isar aussprachen. Etwa auf Höhe des „Jailhouse“. Das Problem, dass Anlieger zum Beispiel an der Isarpromenade erleben müssen, dass ihre Gärten nachts als Bedürfnisanstalten der Feiernden missbraucht werden, würde Mayer eher rustikal lösen. „Stachelhecken. Da geht keiner mehr rein.“ Und natürlich Kontrollen und Gespräche mit den Jugendlichen.

Erneuerbare Energien

„Was sind denn Ihre Vorschläge für mehr erneuerbare Energien?“ wollte Fridays-for-future-Vertreter Lukas von Andrian wissen. 25 Prozent erzeuge Tölz bereits selbst, sagte Grünen-Vertreter Mayer. „Wir müssen auf dem Weg weitergehen.“ Für ein zentrales Heizkraftwerk im Badeteil müsse ein Standort gefunden werden. Zu sagen, Energiewende ja, aber bei uns nicht, „geht nicht“. Mehner pflichtete insoweit bei, dass er in der Nähe des Realschul-Heizkraftwerks wohne. „Da merkt man gar nichts.“

Mehr PV-Anlagen auf den Tölzer Häusern und auf öffentlichen Flächen, forderten Ernst und Lindmair. Letzterer hält das Ziel 100 Prozent regenerative Energien in Tölz durchaus für machbar.

Bad, Parken, Ex-Amt

„Was passiert eigentlich mit dem Tölzer Hallenbad?“, erkundigte sich Christian Kern. Konsens herrscht bei allen vier Bürgermeister-Kandidaten darüber, dass das ehemalige Kasernenbad aufgewertet werden soll. Ein Babybecken, erweiterter Saunabereich, mehr Aufenthaltsqualität, nannte das Quartett unisono. „Das soll aber kein Palast werden“, präzisierte Mehner. Ein Architekt plant derzeit für die Stadtwerke. Das sei am Laufen.

Apropos Bad: Das von einer Zuhörerin vorgeschlagene Flussbad Isar sei aus Hochwasserschutzgründen nicht realisierbar, sagte Ingo Mehner. „Wir kriegen vom Wasserwirtschaftsamt nicht einmal Ladestationen für die Camper genehmigt.“

Könne man nicht den Parkplatz Schloßplatz mit einem zweiten Parkdeck versehen, regte ein Besucher an. Michael Ernst zweifelte an der Optik mit dem daneben liegenden Bürgergarten. „Geht auch deshalb nicht“, ergänzte Lindmair, „weil die Untergrundverhältnisse schwierig sind. Das ist geprüft worden.“

Bahnhof

Zur Zukunft des Tölzer Bahnhofs befragt, äußerten sich die drei Stadtratsmitglieder Mehner, Mayer und Lindmair zurückhaltend. Offenbar hatte der Besitzer am Dienstag nichtöffentlich im Stadtrat seine Pläne vorgestellt. Wenn er damit „in die Spur kommt, rennt er offene Türen bei uns ein“, sagte Mayer. Rechtliche Maßnahmen seien gleichwohl parallel zu verfolgen.

Einzelhandel

Die Podiumsdiskussion war im Internet live zu verfolgen. Über Facebook kam die Frage, wie man denn den Einzelhandel in Tölz fördern wolle. „Wir müssen schauen, dass wir zum Beispiel Lösungen fürs Postareal bekommen“, meinte Franz Mayer. Michael Lindmair gab zu, dass sich die Ansprüche des Handels geändert hätten. Geschäfte über drei Stockwerke seien personell schwer zu führen. Auch in der denkmalgeschützten Marktstraße müsse man überlegen, ob Erdgeschossflächen mehrerer Häuser zusammengelegt werden können, um geeignete Handelsflächen zu schaffen. An der Fassade dürfe sich natürlich nichts ändern.

Nachgefragt

„Geht das, Chef zu werden, ohne Lehrling gewesen zu sein?“, fragte Ahn-Tauchnitz in einer „frechen“ Frage-Abschlussrunde Michael Ernst. „Das geht“, antwortete der. Gesunder Menschenverstand sei wichtig. Ihm mache es Spaß, mit Menschen zu tun zu haben. Seine zwei erlernten Berufen würden helfen. „Außerdem haben wir eine starke Verwaltung.“

„Wie viele haben denn nicht aufgemacht?“ wollte die Journalistin von Ingo Mehner wissen, der rund 3000 Tölzer Haushalte besucht hat. „Die meisten haben mich ja vorher nicht gesehen“, gab der 42-Jährige grinsend zurück. Er sei zufrieden mit dem Ergebnis.

Mehner sei Skiclub-Vorstand, Lindmair Feuerwehrvorstand und Ernst im Turnverein-Vorstand. „Gibt’s da noch Stimmberechtigte für Sie?“ lautete die Frage an Franz Mayer. Gewählt wird ja kein Vereinsvorsitzender, sondern ein Bürgermeister, gab der Befragte gelassen zurück.

„Haben Sie keine Angst, dass Sie die Leuten nicht wählen, weil Sie Ihnen nach Ihrem Herzinfarkt weiteren Stress ersparen wollen?“ Michael Lindmairs Antwort: „Ich hoffe nicht, dass sie das tun.“ Er sei wiederhergestellt und körperlich fitter als zuvor. Er treibe regelmäßig Sport. Der Warnschuss habe zudem zu einem Umdenken geführt. „Ich muss heute nicht an vier Terminen gleichzeitig sein, sondern suche mir den wichtigsten aus.“

Von Christoph Schnitzer

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Wer tritt an? Eine Übersicht über alle Bürgermeister-Kandidaten im Tölzer Land finden Sie hier

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