+
Der ehemalige „Jodquellenhof“ bietet heute Obdach für viele Menschen, die keine bezahlbare Wohnung mehr finden. 

Wohnung gekündigt

74-jährige Krankenschwester arbeitet ihr Leben lang - jetzt steht sie auf der Straße

  • schließen

Sie hatte ihr Leben lang als Krankenschwester gearbeitet. Dann verlor die heute 74-jährige Tölzerin plötzlich ihre Wohnung. Eine neue zu finden, ist nahezu aussichtslos.

  • Maria Bauer ist Krankenschwester in Rente.
  • Ihre Wohnung in Bad Tölz wurde ihr gekündigt.
  • Seit zwei Jahren sucht sie eine neue - und findet keine. Und sie ist nicht allein als Obdachlose in Bad Tölz.

Bad Tölz – Maria Bauer (alle Namen geändert) hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Als Krankenschwester kümmerte sie sich bis zur Rente um ihre Patienten. „Ich hab’ nicht gedacht, dass ich einmal auf der Straße landen könnte“, sagt die 74-Jährige, die in Bad Tölz aufgewachsen ist. Dann aber meldete ihr Vermieter Eigenbedarf an. Sechs Monate blieben ihr, um eine neue Wohnung zu suchen. „Ich habe aber keine gefunden“, sagt sie. „Am 1. Dezember 2018 stand ich auf der Straße.“

Ehemaliges Vier-Sterne-Hotel ist heute Zuflucht für Menschen ohne Obdach

Richtig helfen konnte ihr niemand. „Jeder hat sich bemüht, aber es gibt einfach zu wenige kleine Wohnungen.“ Über die Tölzer Caritas kam sie schließlich im „Jodquellenhof“ unter. Das einstige Vier-Sterne-Hotel wurde nach dessen Schließung als Asylbewerberheim genutzt. 

Seit dieses aufgelöst ist, dient es als Unterkunft für Arbeiter auf Montage, vor allem aber als sicherer Hafen für Menschen, die sonst auf der Straße stehen würden. Das Problem: Es ist keine Dauerlösung. Eigentlich sollten die Menschen nach maximal sechs Monaten wieder ausziehen. Viele stranden dort aber, weil sie einfach keine bezahlbare Wohnung finden.

Die 17-jährige Katze erschwert die Wohnungssuche

Maria Bauer lebt seit zwei Jahren im „Jodquellenhof“. Die Miete zahlt sie von ihrer Rente – genauso wie das Lager, in dem sie ihre Möbel untergestellt hat. „Ich lebe von meinen Ersparnissen“, sagt sie. Noch gehe das, aber eben nicht für immer. Natürlich könnte sie ihre Sachen verkaufen, um das Geld fürs Einlagern zu sparen. „Aber das will ich nicht“, sagt sie. Die 74-Jährige weiß auch, dass ihre Katze die Wohnungssuche deutlich schwieriger macht. „Aber sie ist über 17 Jahre alt und das einzige, was ich noch habe. Es ist doch traurig, dass man nur wegen einer Katze keine Wohnung findet.“

Das Leben ohne festes Zuhause hat Spuren hinterlassen. „Ich kann mich gar nicht mehr richtig entspannen. Ich stehe immer unter Druck, dass ich eine Wohnung finden muss“, sagte die Tölzerin. Ihre Wertsachen trägt die 74-Jährige stets in einem Rucksack bei sich. Er ist schwer, aber im Zimmer will sie die Dinge nicht lassen.

74-jährige Tölzerin: „Ich habe die Hoffnung aufgegeben“

Immer wieder studiert Maria Bauer Zeitungsinserate, meldet sich auf Annoncen, hängt Wohnungsanzeigen in Supermärkten auf und hofft, dass sie doch noch irgendwo unterkommt. Eine Eineinhalb- bis Zwei-Zimmer-Wohnung irgendwo zwischen Lenggries und Holzkirchen für 650 Euro Warmmiete wäre ihr Traum. „Aber irgendwie habe ich die Hoffnung aufgegeben. Vielleicht bin ich zu alt“, sagt sie resigniert. „Es ist einfach traurig.“

Leon (21) ist auch im „Jodquellenhof“ gestrandet

Gestrandet im „Jodquellenhof“ ist auch Leon (21). Nach einer Odyssee mit seiner Freundin Alina durch Notunterkünfte in Oberbayern, wohnten die beiden zwischenzeitlich in ihrem Auto (wir berichteten), bevor sie die Caritas übergangsweise im ehemaligen Hotel unterbrachte. 

Im April zog das Paar in eine Wohnung außerhalb Oberbayerns, doch die Beziehung zerbrach. Um nicht wieder auf der Straße zu landen, kehrte der 21-Jährige nach Bad Tölz zurück – und in den „Jodquellenhof“. Derzeit lebt Leon, der jünger als seine 21 Jahre wirkt, von Hartz IV, absolviert aber Praktika, um herauszufinden, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen will. Die Arbeit als Altenpfleger habe ihm gefallen, aber auch das Praktikum auf dem Bau fand er gut. Eine Ein-Zimmer-Wohnung in Bad Tölz oder vielleicht ein Zimmer in einer WG wären sein Traum. „Ich hab auch einiges angeschaut, aber es ist einfach alles zu teuer“, sagt er.

Martin Fischer (34) fehlte einfach die Kraft für die Suche

Viel Resonanz gab es Ende Juni auf die Geschichte über Martin Fischer. Der 34-Jährige hat ein Vollzeitjob in München, lebt aber seit zwei Jahren in seinem Auto, weil er keine Wohnung findet. Warum er trotz zahlreicher Angebote immer noch nicht in eigenen vier Wänden, sondern nun auch im „Jodquellenhof“ wohnt, ist schwierig zu erklären.

Einige Vermieter hatten ein Problem damit, dass der echte Name von Fischer weit weniger deutsch ist. Bei anderen Wohnungen seien die Mieten inklusive der Nebenkosten doch nicht bezahlbar gewesen, sagt Barbara Stärz von der Caritas.

Auf andere Angebote meldete sich der 34-Jährige schlicht zu spät oder gar nicht – weil die Kraft fehlte. Stärz hofft nun, dass die Gewissheit, sich in ein Zimmer im „Jodquellenhof“ zurückziehen zu können, so viel Stabilität gibt, dass die Wohnungssuche wieder verstärkt angegangen werden kann. 500 bis 600 Euro Warmmiete kann der 34-Jährige mit Migrationshintergrund aufbringen.

Wer eine Wohnung für Maria Bauer, Leon oder Martin Fischer anbieten möchte, meldet sich in der Redaktion via Mail an lokales@toelzer-kurier.de. Wir leiten die Angebote weiter.

Lesen Sie auch:

Fatale Entwicklung im Tölzer Land: Obdachlos trotz Arbeit.

Zwei Rentner wohnen seit einem Jahr in ihrem Auto. Das Paar findet keine Wohnung, ihr VW Touareg ist deshalb aktuell ihr Zuhause. Das Paar ist verzweifelt.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Corona im Landkreis: Zahl der Infektionen steigt auf 288 - 169 Genesene
Warum wurden Patienten kurz vor ihrem Tod auf Corona getestet, obwohl sie gar keine Symptome hatten? Darauf gibt das Landratsamt nun eine Antwort.
Corona im Landkreis: Zahl der Infektionen steigt auf 288 - 169 Genesene
„Flake“ wird aufgemöbelt
Die Gemeinde Kochel will das beliebte Filmkulissendorf „Flake“ am Walchensee instand setzen und arbeitet deshalb in Kürze mit den Schulen für Holz und Gestaltung des …
„Flake“ wird aufgemöbelt
Die ehrenamtlichen Masken-Näher von Lenggries
Elisabeth Ertl aus Lenggries näht zusammen mit vielen anderen Helfern gegen den Gesichtsmasken-Notstand an – ehrenamtlich. Allerdings fehlt es an zwei Dingen.
Die ehrenamtlichen Masken-Näher von Lenggries
Solidarische Gäste als Hoffnungsschimmer der Gastronomen 
Restaurants und Gastronomiebetriebe im Landkreis leiden unter der aktuellen Krise enorm.  Mit Lieferservice, Abholangeboten und Drive-In-Stationen versuchen sie, sich …
Solidarische Gäste als Hoffnungsschimmer der Gastronomen 

Kommentare