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„Ich habe mir noch nicht einen Tag die Frage nach der Sinnhaftigkeit meines Tuns stellen müssen“, sagt Alexander Horn, Leiter des Kommissariats Operative Fallanalyse beim Polizeipräsidium München.

Kriminalfall Leitenberg

Gespräch mit einem Profiler: „Dem Menschen ist nichts fremd“

Lenggries/München - Wer eine Bibliothek des Schreckens zusammenstellen müsste, säße im Büro von Alexander Horn richtig. Die Buchtitel, die hinter dem Schreibtisch des Kriminalhauptkommissars auf einem Sideboard sorgfältig aufgereiht nebeneinander stehen, klingen durchwegs so, dass man nicht in ihnen blättern will: „Amok“, „Serienmord“, „Psychopathia sexualis“, „Sexual Murder“ ist zu lesen.

Über derartiger Fachliteratur versucht ein Farbdruck – „Quadrate mit konzentrischen Kreisen“ – vergeblich, einen freundlicheren Eindruck vom Job des 43-Jährigen zu erwecken. Der gebürtige Tölzer ist Leiter des Kommissariats Operative Fallanalyse (OFA) beim Polizeipräsidium München.

Das ist, wie Horn doziert, schon vom Terminus etwas mehr, als das gängige Wort Profiler ausdrückt: „Wir versuchen, einen Fall zu verstehen, analysieren ihn und geben den polizeilichen Sokos auf dieser Grundlage Hinweise. Ein Täterprofil ist nur ein Teil dieser Arbeit.“

Nach einer vierjährigen Pilotphase gibt es die OFA mittlerweile seit 16 Jahren. Horn war von Anfang an dabei. Auf die Frage nach der Akzeptanz der Abteilung bei den Kollegen an der Front zitiert Horn Schopenhauer: „Neue Ideen und Wahrheiten setzen sich in drei Stufen durch: Erst werden sie belächelt, dann bekämpft und schließlich als Selbstverständlichkeiten erachtet.“ Es gebe aber heute kaum mehr einen großen Fall, „an dem wir nicht beteiligt sind“. Auch nach der Vergewaltigung am Leitenberg wurde die OFA miteinbezogen (siehe Seite 5).

Die OFA München ist eine Dienststelle mit 20 Leuten, fünf davon Fallanalytiker mit vierjähriger Spezialausbildung. Alle kommen aus verschiedenen Disziplinen und bringen eine speziell Vorbildung mit – etwa als Psychologe, Spurensicherer oder Ermittler. Der interdisziplinäre Ansatz weitet den Horizont. Meistens sind es gravierende Tötungsdelikte und Sexualstraftaten an Kindern, bei denen die Fallanalytiker aus München recht schnell gerufen werden. Es handelt sich im Polizeialltag der Inspektionen und Dienststellen immer noch um Ausnahmeverbrechen. „Und wir haben da halt Erfahrungs- und Hintergrundwissen“, sagt Horn.

Die OFA München arbeitet in einem Bund-Länder-Verbund und wird immer wieder auch von anderen Ländern angefragt. Irland etwa hat keine eigene „Profiler“-Einheit. Da hilft man sich über Grenzen hinweg auf dem kleinen Dienstweg. Mit den Kollegen in Großbritannien und den USA tauschen sich die Münchner bei großen Fällen immer wieder aus. „Die zweite Meinung“ nennt Horn dieses mitunter wichtige Korrektiv. „Kann ja sein, dass man völlig daneben liegt.“

Große Fälle? Horns Abteilung wurde 2006 zur „Besonderen Aufbauorganisation Bosporus“, eine Art Soko, hinzugezogen und hat eine Analyse des NSU-Falls abgegeben. Vor dem Bundestagsausschuss musste er später als Zeuge erläutern, warum er und seine Leute schon damals auf ein vermutliches fremdenfeindliches Motiv als gemeinsamen Nenner der NSU-Morde hinwiesen.

Horn war auch verantwortlicher Fallanalytiker im Kriminalfall Dennis. Der „Maskenmann“, ein in seinem normalen Leben sozial völlig unauffälliger Bürger, ermordete drei Kinder und missbrauchte 60. Weitere zwei Tötungsfälle hält Horn für möglich, sie waren aber nicht zu beweisen. Als der Täter 2011 nach 19 Jahren gefasst wurde, war auch Horn bei den Vernehmungen dabei. Das Fallverständnis und das Wissen darum, wie ein Sexualstraftäter wie Martin N. tickt, halfen nach Horns Überzeugung entscheidend, den Täter zum Geständnis zu bewegen.

Eines ist dem Polizisten aus diesen Vernehmungen noch gut in Erinnerung. „Es war verblüffend. Der Mann war uns nicht fremd.“ Er erklärt dies damit, dass „er einfach nicht weit weg davon war, wie wir ihn uns vorgestellt hatten“.

Kindertötungsdelikte, Mord, sexuelle Abnormitäten: Wie hält man dieses ganze Elend als Polizeibeamter und normaler Mensch aus? Normale Menschen? Horn ist da nicht so sicher. Bei Schulungen macht er mit männlichen Probanden beispielsweise gerne folgendes Experiment: „Wer von Euch betrügt seine Frau?“, fragt er die Gruppe. Natürlich hebt keiner den Finger. „Und dann gehen wir es gemeinsam durch.“ Wie sich Tatsituationen entwickeln, etwa bei Weihnachtsfeiern, wie Alkohol enthemmt, wie Nähe entsteht und Intimität. „Ich versuche, bei den Leuten ein Verständnis zu entwickeln, wie Situationen entstehen können.“ Können, nicht müssen. Aber: „Dem Menschen ist nichts fremd.“

Es gibt noch eine zweite, sehr viel grundlegendere Antwort auf die Frage nach der Bewältigung des Grauens. Horn spricht überraschenderweise von einem „Privileg“ dieser Arbeit: „Keiner will sich das antun, sich mit Fällen getöteter Kinder auseinanderzusetzen. Aber wir haben die Werkzeuge, die Ermittler entscheidend zu unterstützen. Ich habe mir in 20 Jahren als Fallanalytiker nicht einen Tag die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns stellen müssen.“Christoph Schnitzer

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