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Sind seit Jahren für den KID im Einsatz: Gabriele Männer und Stephan Nagel.

Kriseninterventionsdienst des BRK

Sie helfen im  schlimmsten Moment eines Lebens

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Gabriele Männer und Stephan Nagel lernen Menschen in den schlimmsten Momenten ihres Lebens kennen. Dann nämlich, wenn gerade ein geliebter Angehöriger beispielsweise bei einem Unfall getötet wurde.

Bad Tölz-Wolfratshausen

– In diesen Augenblicken, in denen nichts mehr so ist, wie es war und auch nie wieder so sein wird, helfen die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes (KID) des Bayerischen Roten Kreuzes dabei, dass die Trauernden nicht völlig den Boden unter den Füßen verlieren. „Der Tod ist bei uns immer noch ein Tabuthema. Wir beschäftigen uns lieber mit dem Schönen, mit Spaß und Freizeitaktivitäten und so etwas“, sagt die 64-jährige Reichersbeurerin. „Und dann kommt plötzlich diese Situation, auf die die meisten Menschen nicht vorbereitet sind. Und es kann von einer Sekunde auf die andere passieren.“ Es sei der Moment, „in dem es kein Schönreden mehr gibt, kein Manipulieren“. Der Tod sei ein Fakt, an dem sich nichts mehr ändern lasse.

25 Ehrenamtlicher arbeiten im KID

Menschen in diesen schrecklichen Stunden zu betreuen – „das muss man aushalten können“, sagt Männer. Sie selbst ist seit zehn Jahren für den KID im Einsatz. Durch einen Artikel im Tölzer Kurier hatte die Reichersbeurerin, die in einer Steuerkanzlei arbeitet, damals von der Organisation erfahren und sich gemeldet. „Ich mache das aus Liebe zum Menschen“, sagt Männer und lächelt. Ihr Mitstreiter Stephan Nagel ist seit fünf Jahren dabei. Anders als Männer kommt er wie die meisten anderen Helfer aus dem sozialen Bereich und arbeitet hauptberuflich für die Caritas. Der Tölzer ist einer von nur vier Männern, die im KID, der heuer seit 20 Jahren besteht, mitarbeiten.

Verständigt werden die rund 25 Helfer aus dem ganzen Landkreis von den Rettungskräften vor Ort. „Sie entscheiden, ob jemand gebraucht wird, der die Angehörigen unterstützt“, erklärt Stephan Nagel (49). Auslöser muss nicht immer ein tödlicher Verkehrsunfall sein. „Wir werden auch bei einem Tod im häuslichen Bereich gerufen oder nach einem Suizid.“ Oft treffe man auf Angehörige, „die allein und komplett überfordert sind“, sagt Männer. Bleiben, zuhören, den Hinterbliebenen über den geliebten Menschen erzählen lassen – das sei in diesen Momenten wichtig. „Wir sind da. Wir haben Zeit für sie“, erklärt Männer. Manchmal bittet sie auch darum, ihr einen Kaffee zu kochen. Eine alltägliche Aufgabe, die ein winziges Stück Normalität bedeutet in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. „Wir müssen diese Menschen wieder handlungsfähig machen.“

Erste Hilfe für die Seele

Der KID bietet keine Dauerbetreuung. Die Kontakte sind einmalig. „Wir leisten Erste Hilfe für die Seele“, erklärt Nagel. Allein lassen sie die Hinterbliebenen in ihrer Not aber natürlich nicht. Sie erklären den Trauernden, wo sie weitergehende Unterstützung finden können.

Die Dienste der Ehrenamtlichen sind in 24-Stunden-Schichten eingeteilt. „Aber es wären auch 12 Stunden möglich, wenn es beruflich nicht anders geht. Wir sind um jede Stunde froh, die abgedeckt wird“, sagt Nagel. Die KID-Helfer dürfen bei einer Alarmierung auch Nein sagen – beispielsweise, wenn sie glauben, dass der Einsatz sie selbst überfordert. „Ich glaube aber, dass jeder nur den Einsatz bekommt, den er bewältigen kann“, ist Nagels fast philosophischer Ansatz. Männer fährt übrigens grundsätzlich nicht alleine, „sondern nur zu zweit. Da geht es um mich. Wenn man morgens um 3 Uhr an einer Tür klingelt, weiß man nie, was man dahinter findet“.

Gibt es Einsätze, die schlimmer sind als andere? „Ich habe anfangs immer gedacht, wenn Kinder betroffen sind, dann ist das am schlimmsten“, sagt Nagel. So könne er das heute aber gar nicht mehr bestätigen. „Oft geht es um die eigene Tagesverfassung, in der man ist.“ Die KID-Helfer müssen tatsächlich einiges aushalten – auch, dass ihre Unterstützung von Angehörigen nicht immer gewollt wird. Das sei aber eher die Ausnahme und in Ordnung. Schwierig ist manchmal auch, wenn sich die Helfer den Toten anschauen müssen, „um abzuschätzen, ob der Angehörige den Anblick erträgt. Auch damit müssen wir zurecht kommen“, so Männer.

Neue Helfer gesucht

Leichter wäre vieles, wenn der KID die Arbeit auf noch mehr Schultern verteilen könnte. Weitere Helfer werden dringend benötigt. Wer sich für den Dienst interessiert, muss ein Auswahlverfahren überstehen. Schließlich will das BRK sichergehen, dass nur wirklich geeignete Bewerber im Einsatz sind. Nach den ersten Vorgesprächen wird bereits ein Teil ausgesiebt. Für die anderen gibt es eine Einführungsveranstaltung, in der alle auf Herz und Nieren geprüft werden, aber auch erfahren, was auf sie zukommt. Wer dann noch übrig ist, absolviert eine 80 Stunden dauernde Ausbildung. „In der Veranstaltung waren bei mir 22 Teilnehmer. Im Kurs waren wird dann noch zu fünft“, sagt Nagel. „Und übrig geblieben sind am Ende drei.“ Die Ausbildung endet mit einer Prüfung. Wer besteht, hospitiert bei einem erfahrenen Helfer – bei mindestens zehn Einsätzen.

Männer und Nagel nehmen aus ihrer Aufgabe viel mit – kein Geld, aber eine andere Einstellung zum Leben. „Ich lebe bewusster. Ich bin zufrieden, mit dem, was ich habe“, sagt der 49-Jährige. Mehr Gelassenheit hat Gabriele Männer entwickelt. „Man geht mit dem eigenen Leben anders um. Ich habe das Gehetzte abgelegt, und ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Weitere Infos:

Wer sich für eine Mitarbeiter im Kriseninterventionsdienst interessiert, wendet sich am besten direkt ans BRK via Mail an info@kvtoel.brk.de oder unter Telefon 0 80 41/ 76 55-0. Die KID-Helfer freuen sich auch über Unterstützung in Form einer Spende. Das Konto des BRK bei der Sparkasse hat die IBAN DE 18 7005 4306 0000 0280 01 (Verwendungszweck: KID).

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