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Die Unterkunft in Bad Tölz: Im Haus 26 (re.), das 1912 noch mit Nummer 28 verbunden war, befand sich damals die „Pension Daheim“. In ihr nächtigte das Paar Lawrence.

D.H. Lawrence‘ Besuch im Isartal 

Lady Chatterleys Wurzeln im Isarwinkel

Mark Twain war in Tölz, Thomas Mann sowieso, genau wie Bruder Heinrich. So gut wie unbekannt ist, dass sich auch D.H. Lawrence 1912 mit seiner Frau im Isarwinkel aufhielt. Der englische Schriftsteller wurde als Autor des wegen seiner – heute lächelt man darüber – Sexszenen für Furore sorgenden Romans „Lady Chatterleys Liebhaber“ weltweit berühmt.

Bad Tölz – In seinem Roman „Mr. Noon“ hat der Sohn eines Bergmanns und einer Lehrerin 1921 auch dem Isarwinkel und Bad Tölz ein literarisches Denkmal gesetzt. Die zwei Protagonisten Gilbert (= Lawrence) und Johanna (= seine Frau Frieda) gingen, so schreibt der Autor, „in klammen Kleidern die nasse Straße nach Bad Tollingen (= Bad Tölz). Sie kamen ungefähr um halb sieben in diesem kleinen Sommerkurort an – und durchstreiften ihn auf der Suche nach einem Zimmer. In einem kleinen Haus fanden sie eines für vier Shilling. Es war recht gemütlich, aber Johanna erklärte, sie röche Ställe und ein Schlachthaus. Gilbert roch etwas, aber nichts so Fürchterliches. So wechselten sie an Kleidern, was sie hatten und aßen auf ihrem Zimmer etwas aus ihrem Rucksack, um Ausgaben zu sparen. Dann machten sie einen Ausfall (= Ausflug). Es gab ein kleines Sommertheater, und so bezahlten sie ihren Shilling und sahen sich eine Wiener Komödie an.“

Viele Angaben in dieser stark autobiografischen Passage kann man heute noch nachvollziehen. Martin Hake, unermüdlicher Thomas-Mann-Forscher aus Tölz und immer interessiert an neuen Funden, hat beim Sichten der Fremdenlisten im Tölzer Kurier am 21. August 1912 auch D.H. Lawrence gefunden. Untergebracht war das Paar in der längst vergessenen Tölzer „Pension Daheim“ in der Markstraße 26, heute Optik Hofmair. Die Wiener Komödie sah das Liebespaar laut „Mr. Noon“ im „Kurpark“. Das Kurhaus befand sich damals freilich erst im Bau. Die zitierte Schlachterei hat es im benachbarten Kampferhaus aber tatsächlich gegeben.

Dirk Heißerer, Herausgeber und Co-Autor der zweiten Ausgabe der Thomas-Mann-Publikation „Nicht auf der Rasenkante gehen!“, hat in seinem Buch „Meeresbrausen, Sonnenglanz“ Poeten am Gardasee beschrieben, darunter auch Lawrence mit seiner späteren Ehefrau Frieda, die im Sommer 1912 eine turbulente Zeit erlebten. Fünf Monate zuvor war der nahezu mittellose Lawrence nach München gekommen und hatte die verheiratete Frieda Weekley, geborene von Richthofen, näher kennengelernt. Es entbrannte eine leidenschaftliche Romanze, die in der Trennung Friedas von ihrem Mann und der späteren Heirat 1914 mündete.

In Beuerberg (Gasthof Post) und Icking (Villa Vogelnest) verbrachte das Paar gemeinsame Tage. Der Schriftsteller, ein aufmerksamer Beobachter, berichtet von dem „seltsamen Völkchen vor mächtigen Krügen voller Bier“ und „Federbetten wie Wetterwolken“. Michael W. Weithmann zitiert ihn in seinem Buch „Lawrence of Bavaria“ auch bezüglich seiner Gefühlswelt: „I shall never forget Beuerberg... I’m in love – and, my God. It’s the greatest thing that can happen to a man.“ (Ich werde Beuerberg nie vergessen. Ich bin verliebt und, bei Gott, es ist das Größte, was einem Mann passieren kann.“)

Die Fremdenliste vom August 1912 im Tölzer Kurier. Als Nummer 5 ist „D.H. Lawrence mit Frau“ in der regelmäßig erscheinenden Zeitungsrubrik aufgeführt.

Das nicht gerade auf Rosen gebettete Paar reiste äußerst sparsam und beschloss sch

ließlich sogar, nach Italien zu wandern, wo es billiger sein sollte. Das war der Grund, warum man Anfang August 1912 mit der Bahn nach Bichl fuhr, um von dort zu Fuß nach Bad Tölz und der Isar entlang in Richtung Achensee und Süden zu marschieren. Auch hiervon gibt es eine nette Anekdote zu berichten.

Das Paar geriet nämlich am 6. August bei Lenggries in ein schweres Unwetter und suchte und fand Unterschlupf in einem Heuschober neben der (alten) Röhrlmoos-Kapelle. Es war alles andere als ein Liebesnest, in dem die Zwei die Nacht in piksendem Stroh verbrachten. In einer Kurzgeschichte („A Hay-hut and a Chapel among the mountains“) schreibt Lawrence seine Erlebnisse am „Heuschober“ und der „Kapelle zwischen den Bergen“ mit viel Humor nieder. Die Kapelle mit ihren Votivtafeln und Bildern hinterließ tiefen Eindruck bei dem Engländer, in dessen Werk auch die Wegkreuze und katholisch-barocke Pracht der Kirchen später immer wieder Niederschlag fanden. Mit dem nüchternen Protestantismus hatte der Schriftsteller so gar nichts am Hut.

David Herbert Lawrence hatte zeitlebens ein Faible für das Isartal.

Über die Röhrlmoos-Alm führte der Weg weiter in Richtung Glashütte und Achensee. Anfang September traf das Wanderpaar in Trient ein, zwei Wochen später in Riva am Gardasee. Frieda war, so schreibt Dirk Heißerer, „am Ende ihrer Kräfte“.

Epilog: Ab 1919 reisten die beiden durch Europa sowie durch Mexiko, Australien und die Vereinigten Staaten. Dort siedelte sich das Paar in Taos in New Mexiko an. D.H. Lawrence, der mehrfach an Tuberkulose erkrankte, starb 1930. Seine Frau Frieda, der er mit „Lady Chatterley’s Lover“ 1928 das Denkmal einer selbstbestimmten, lebenslustigen und unkonventionellen Frau setzte, schloss 1956 für immer die Augen.

Ohne Zweifel hat das – später oft verfilmte – Buch, das immer wieder verboten war und um dessen Veröffentlichung es in vielen Ländern weltweit beachtete Prozesse gab, auch ein Stück weit mit dem Isarwinkel zu tun.

Von Christoph Schnitzer


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