Beteiligung an Protestaktion: Die Corona-Pandemie hat viele Wirte in eine existenzielle Krise gestürzt. Um auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam zu machen, beteiligten sich zahlreiche Gastronomen auch im Landkreis an der bundesweiten Aktion „Gedeckter Tisch“. Vor dem Landratsamt positionierte sich zum Beispiel der Lenggrieser „Altwirt“.
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Beteiligung an Protestaktion: Die Corona-Pandemie hat viele Wirte in eine existenzielle Krise gestürzt. Um auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam zu machen, beteiligten sich zahlreiche Gastronomen auch im Landkreis an der bundesweiten Aktion „Gedeckter Tisch“. Vor dem Landratsamt positionierte sich zum Beispiel der Lenggrieser „Altwirt“.

Gastronomie

Längst nicht alle Wirte im Tölzer Land wollen am 22. März draußen aufsperren

  • Silke Scheder
    vonSilke Scheder
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Die Gastronomen im Landkreis stehen vor einer schwierigen Entscheidung: Sollen sie ihren Betrieb jetzt hochfahren und ein Minusgeschäft riskieren, wenn steigende Inzidenzzahlen oder das Wetter eine Öffnung der Biergärten ab 22. März doch noch verhindern?

Bad Tölz-Wolfratshausen - Juliane und Guido Weigl haben ihre Wahl getroffen: „Beim kleinsten Sonnenstrahl“ wollen sie den Biergarten des „Klosterbräustüberl“ in Benediktbeuern öffnen – „und wenn es nur zehn Grad hat“. Das Wirtepaar brennt darauf, endlich wieder durchzustarten. „Wir probieren alles.“ Die Belegschaft ist aktiviert, Tische und Stühle sind desinfiziert, Decken und Felle liegen bereit. „Es ist wichtig, dass wir den Gästen in Erinnerung bleiben“, sagt Juliane Weigl – auch wenn es eigentlich noch zu kalt für die Biergartensaison sei. Laut Wetterprognose soll es prompt am ersten möglichen Tag der Wiedereröffnung schneien. Drei Tage zuvor, also am 18. März, wollen die Weigls final entscheiden, ob sie öffnen – und dann vielleicht Ware einkaufen, auf der sie schlimmstenfalls am Ende sitzen bleiben. „Trotzdem sind wir voller Elan.“ Sie hätte, sagt Weigl, auch niemals gedacht, dass trotz der hohen Auflagen im vergangenen Sommer und Herbst so viele Gäste kommen würden. Und so hofft sie, dass ihr Mann Guido recht behält. Der ist davon überzeugt, dass die Menschen „viel in Kauf nehmen“, um endlich wieder einkehren zu können.

Osterdeko für den stillen Protest: Auch der Gasthof Pfaffensteffl in Lenggries unterstützte die bundesweite Protestaktion „Gedeckter Tisch“.

Der Gastronom spielt damit auf den Fall an, dass die Inzidenz im Landkreis auf einen Wert zwischen 50 und 100 steigt. Dann braucht es für einen Biergartenbesuch neben einer Reservierung auch einen negativen Corona-Schnelltest. Vor diesem Hintergrund wird Johann Oberhauser den Außenbereich seines gleichnamigen Gasthofs in Egling wohl vorerst nicht öffnen. „Das macht keinen Sinn.“ Angesichts steigender Infektionszahlen denkt Oberhauser nicht im Traum daran, sein Personal aus der Kurzarbeit oder aus dem Ausland zu holen. Eventuell will der Chef vom „Oberhauser“ ein paar Stühle und Tische in den Garten stellen, wo die Hotelgäste ihr Essen verzehren könnten. Einen Service aber werde es nicht geben.

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Im Landhotel Huber am See in Ambach will Inhaberin Ingrid Sebald-Wendl aus den gleichen Gründen den Außenbereich vorerst nicht öffnen. „Es ist einfach noch zu kalt, um sich rauszusetzen.“ Und das Personal unter so unsicheren Bedingungen zurückzuholen, sei ebenfalls keine Option. Ingrid Sebald-Wendl und Johann Oberhauser sind mit ihrer Entscheidung bei Weitem nicht allein: Einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands zufolge schätzen mehr als drei Viertel der Gastgeber eine Öffnung nur der Außengastronomie als nicht wirtschaftlich ein. Von der Politik zeigt sich Ingrid Sebald-Wendl enttäuscht. Die neuen Regeln seien unausgegoren. „Wir wissen noch nicht einmal, ob die Tests von zuhause mitgebracht werden dürfen oder vor Ort gemacht werden müssen – abgesehen davon, dass keiner weiß, wo er überhaupt Tests herbekommen soll.“ Oberhauser und Sebald-Wendl setzen deshalb vorerst weiter auf das To-go-Geschäft.

Eine Biergartengarnitur stand auf dem Parkplatz des „Klosterbräustüberls“ in Reutberg.

Einen Mittelweg peilt die Familie Steingruber an, die den Landgasthof Fischbach in Wackersberg betreibt. „Wir wollen alles etwas kleiner halten“, sagt Wirtin Marianne Steingruber. Das heißt: Selbstbedienung und eine kleinere Auswahl. „Dann ist der Schaden nicht so groß, wenn wir am Ende doch wieder schließen müssen.“ Unterm Strich macht die Familie die Öffnung des Biergartens vom Wetter abhängig. Neben allen Unwägbarkeiten bereitet Steingruber auch die Frage Kopfzerbrechen, wie sie ihr Personal halten soll. Ein Mitarbeiter habe sich bereits etwas in einer anderen Branche gesucht. Nach wie vor gibt es nämlich keine weitergehende Öffnungsperspektive für die Gastronomie. Ob sich das in naher Zukunft ändert, bezweifelt angesichts steigender Infektionszahlen nicht nur Ingrid Sebald-Wendl.

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