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Gründerin Maria Schnitzer übergab das Vorstandsamt 1981 an Gregor Dorfmeister.

1970 in Bad Tölz gegründet

50 Jahre Lebenshilfe: Hier stehen die Menschen im Mittelpunkt

Die „Lebenshilfe“ setzt sich für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen ein. Vor genau 50 Jahren wurde sie in Tölz gegründet.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Beim Begriff „Lebenshilfe“ weiß im Landkreis eigentlich jeder, wovon die Rede ist: Von einer Organisation, die Menschen mit Behinderung und deren Angehörige unterstützt. Heute vor 50 Jahren, am 17. Juli 1970, haben die Ehrenvorsitzende Maria Schnitzer und weitere betroffene Eltern im Kolberbräu die Tölzer Lebenshilfe gegründet. Im Nordlandkreis Wolfratshausen entstand diese Initiative ein Jahr später. 1985 fusionierten die beiden Vereine. Wegen Corona sind alle  Jubiläumsfeierlichkeiten abgesagt worden.

Lebenshilfe: Maria Schnitzer war die Frau der ersten Stunde

Bevor es zur Vereinsgründung kam, war Maria Schnitzer bei ihrer intensiven Suche nach Hilfe für ihren Sohn, der nicht sprechen konnte, bereits in Bayern, Österreich und Südtirol herumgereist. Und hatte dabei „Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, was es andernorts gibt, um Menschen mit Behinderung und ihren Eltern zu helfen“, erzählt die 91-Jährige. Die richtige Förderung für ihren Sohn fand sie in der Innsbrucker Universitäts-Kinderklinik: „Mein Mann und ich waren so glücklich, als er dann zum ersten Mal Mama sagen konnte.“

Bei einem Treffen mit Fachleuten und betroffenen Eltern aus Bayern, Österreich und der Schweiz in Obervellach (Kärnten) lernte Schnitzer den aus Amsterdam stammenden Lebenshilfe-Gründer Tom Mutters kennen. Danach stand der Entschluss fest, auch in Tölz eine Lebenshilfe zu gründen: „Ich hatte hier so viele Eltern kennengelernt, die waren psychisch fix und fertig und hofften inständig darauf, dass ihnen endlich geholfen wird.“

Lebenshilfe: Das Sozialamt und der Tölzer Kurier halfen

Schnitzer wusste, dass sie einflussreiche Unterstützer braucht, um etwas bewegen zu können: „Zuerst habe ich den Sozialamtsleiter Reinhold Hüttl für ein Vorstandsamt gewonnen.“ Dann den Sparkassendirektor Max Aigner: „Der sagte mir aber, er mache erst mit, wenn uns auch Gregor Dorfmeister unterstützt.“ Der Redaktionsleiter des Tölzer Kurier könne die Anliegen der Lebenshilfe publizistisch begleiten. „Also habe ich ihn in der Redaktion besucht. Er war sofort bereit mitzumachen.“

Die Arbeit der Lebenshilfe gilt Menschen, die bis 1970 weitgehend im Abseits standen. Geistige Behinderung war davor nämlich gleichbedeutend mit dem Ausschluss von schulischer Bildung und beruflicher Betätigung, angemessenen Wohnverhältnissen und sozialen Kontakten. Um das zu ändern, hat die Lebenshilfe nicht nur ein breites Spektrum von Betreuungseinrichtungen geschaffen. Der Verein hat sich auch für ein anderes gesellschaftliches Klima eingesetzt, in dem Menschen mit Behinderung als Persönlichkeiten wahrgenommen werden, die Sympathie, Wertschätzung sowie Förderung verdienen.

Behinderte Menschen sollen so selbstständig wie möglich leben

Davon konnten jene Eltern der ersten Stunde nur träumen, die vor 50 Jahren dem Rand-Dasein ihrer behinderten Kinder nicht mehr tatenlos zusehen wollten. Mit Idealismus und großer Beharrlichkeit haben sie die Lebenshilfe aus bescheidenen Anfängen zu einem mittelständischen sozialen Unternehmen heranwachsen lassen. 1973 gründeten sie die gemeinnützigen Oberland-Werkstätten, die behinderten Erwachsenen eine ihren Fähigkeiten entsprechende Erwerbstätigkeit anbieten. Für den laufenden Betrieb aller übrigen Einrichtungen hoben sie 1998 die gemeinnützige Lebenshilfe GmbH aus der Taufe.

Heute finden an die 600 Menschen aus dem Landkreis in den Einrichtungen und Diensten der beiden Tochtergesellschaften gezielte Förderung und Betreuung. Ziel ist es, Menschen mit Behinderung ein möglichst normales, sorgenfreies und erfülltes Leben zu ermöglichen. Die Lebenshilfe setzt sich dafür ein, dass jeder behinderte Mensch so selbstständig wie möglich leben kann. Die Formel dafür heißt „Inklusion“. Sie ist 2008 durch eine UN-Konvention verbindliches Recht geworden und steht für Zugehörigkeit, Einbeziehung und Abbau von Barrieren.

Einrichtungen der Lebenshilfe sind wichtiger Arbeitgeber

Maria Schnitzer hat den Vereinsvorsitz 1981 an Gregor Dorfmeister übergeben, der bis 1997 wirkte. Reinhold Hüttl war unter beiden Stellvertreter. Nach den Vorständen Peter Gascha und Gerhard Grasberger übernahmen 2004 Prof. Martin Lechner und Bernd Angermann die Vereinsführung.

Die Einrichtungen der Lebenshilfe sind übrigens auch ein wichtiger Arbeitgeber in der Region: Die gemeinnützige Lebenshilfe GmbH zählt derzeit 270 Beschäftigte, die zu einem hohen Anteil in Teilzeit tätig sind. Die gemeinnützigen Oberland-Werkstätten beschäftigen in ihren Betrieben Gaißach und Geretsried 66 festangestellte Mitarbeiter. Rainer Bannier

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