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Menschenleer: Der Tölzer Bahnhof am Dienstagmorgen.

Streik der Eisenbahngewerkschaft

Leerer Bahnsteig, volles Streiklokal

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Bad Tölz-Wolfratshausen –  Verspätungen und Zugausfälle gibt es bei der Bayerischen Oberlandbahn immer wieder mal. Ein Warnstreik ist neu. Am Dienstag legten die Angestellten ihre Arbeit nieder – zum Leidwesen der Fahrgäste. Ein Morgen am Tölzer Bahnhof.

7 Uhr morgens am Tölzer Bahnhof: Ein junger Mann mit Mütze und Rucksack liest die Anzeigentafel. „Das kann doch nicht sein. Echt jetzt?“, flucht er mit müder Stimme. „Aufgrund von Streiks der EVG ist der Zugverkehr beeinträchtigt. Bitte informieren sie sich auch im Internet“, steht in dem Feld, das sonst die Uhrzeit anzeigt.

Beeinträchtigt ist milde ausgedrückt. Gestern am Morgen sind die Zugverbindungen zwischen Lenggries und München ausgefallen. Wie berichtet, hatte die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zum Warnstreik aufgerufen – der erste in der BOB-Geschichte. Die EVG fordert volle Gehaltszahlung für sogenannte Fahrgastfahrten, etwa wenn ein Mitarbeiter von einem Einsatzort zum nächsten fährt.

„Ich bin stark enttäuscht“ sagt ein 60-jähriger Tölzer, der seinen Namen nicht nennen will. „Die BOB hat bisher schon schlechte Leistungen gebracht.“ Der Mann steht im knöchellangen Mantel und mit Aktentasche unterm Arm am Bahnhof. „Ein Zugbegleiter hat gestern gesagt, dass gestreikt wird, aber keiner wusste was über einen Notfallfahrplan.“ Einen Bus hat die BOB von Tölz nach Holzkirchen organisiert. Auf den wartet der 60-Jährige nun.

Mit dem Bus will auch Anna Bender (19) fahren. Sie ärgert sich ebenfalls über die Informationspolitik des Unternehmens. „Der Fahrplan war sehr unübersichtlich, ich hab von einem Bekannten bei der BOB von dieser Ersatzverbindung erfahren“, sagt die Tölzerin. Das mit dem Streik könne sie schon verstehen, nur für die Fahrgäste sei es blöd. „Ich muss zu einer beruflichen Schulung, ich fahr’ da ja nicht zum Spaß hin.“

Als der Bus eingefahren ist, steigen mit den beiden Tölzern knapp zehn Leute ein. Der Busfahrer ruft rüber an den Bahnsteig, an dem etwa 15 Leute auf den Zug warten: „Bus nach Holzkirchen.“

Chealsey Waldeck (20) bleibt am Bahnhof stehen, als der Bus abfährt. „Ich hab zum Glück eine Fahrgemeinschaft gefunden“, sagt sie. Sie muss zur schulischen Ausbildung nach München. Da sei anders schwer hinzukommen. „Wenn der Zug nicht fährt, gilt das nicht als Entschuldigungsgrund. Das ist mein Problem“, sagt sie.

In Lenggries postierten sich die Streikenden am Bahnbetriebswerk.

In Lenggries streiken unterdessen alle Lokführer und Zugbegleiter der Frühschicht. Zwölf Angestellte positionieren sich zwischen 3.44 und 9 Uhr vor dem Bahnbetriebswerk. „Es ist ein toller Erfolg, wir sind zufrieden“, sagt Harald Hammer, EVG-Ansprechpartner in Lenggries. Laut Hammer ist nur ein Ausbilder im Einsatz, der mit einem Ersatzzug zwischen Bayerischzell, Holzkirchen und Lenggries unterwegs ist. Auf den wartet Anna (15) vor der Bahnhofshalle, um zum St. Ursula-Gymnasium nach Lenggries zu kommen. „Ich find’ das ziemlich doof, es ist voll kalt“, sagt sie. Ihre Freundinnen Sadjie (12) und Leona (14) von der Gaißacher Mittelschule stimmen ihr zu. „Wir schreiben morgen eine Schulaufgabe und müssen daheim nachholen, was wir verpassen.“

In der Mädchenrealschule Hohenburg in Lenggries sind gestern einige Schülerinnen zu spät gekommen, sagt Schulleiter Klaus Fortner auf Nachfrage. „Wir haben ein paar Schulaufgaben tauschen müssen, damit alle mitschreiben können.“ Trotzdem sieht Fortner das gelassen. „Das Recht des Streikens muss für alle gelten, auch wenn wir Lehrer das nicht dürfen“, sagt er. In der schneereichen Region komme es ohnehin manchmal zu Verspätungen. „Es sollte halt nicht allzu oft passieren.“

Kaum etwas vom Streik gemerkt hat man am Gabriel-von-Seidl-Gymnasium. Nur 20 Schüler kamen zu spät oder gar nicht. „Aus manchen Dörfern hat die Anbindung wohl nicht funktioniert“, sagt Direktor Harald Vorleuter und ergänzt: „Bei insgesamt etwa 1100 Schülern sind 20 aber erträglich.“

Die Chancen, dass es nicht nochmal zu einem Streik kommt, stehen gut. Bernd Rosenbusch, Vorsitzender der BOB-Geschäftsführung, ist zuversichtlich, dass die Tarifverhandlungen bald beendet sein werden. Am Donnerstag werde man Sondierungsgespräche aufnehmen. EVG-Mitglied Hammer geht davon aus, dass der Warnstreik Wirkung gezeigt hat. „Ich hoffe, wir können nun vernünftig und offen am Verhandlungstisch reden“, sagt er. Ab 9 Uhr fuhren die Züge aus Lenggries am Dienstag wieder nach Fahrplan nach München. Nur vereinzelt fielen Verbindungen aus.

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