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Fröhliche Wallfahrt (v. li.): Ir is Heckelsmüller, Petra Strobl, Evi Luber, Heike Kiesmüller und Jeanette Stahlberg brachten einen krachkomischen Sketch über Leonhardi auf die Bühne der Alten Madlschule.

Lehards-Abende in der Alten Madlschule

Leonhardi: Eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration

Die berühmte Tölzer Wallfahrt bietet allerhand Gesprächsstoff - heute wie anno dazumal. Der Kulturverein „Lust“ hat in drei ausverkauften Leonhardi-Abenden die Wallfahrt wieder gekonnt aufs Korn genommen.

Bad Tölz„Der Mensch hoit vui aus – aber ned ois.“ So hieß es einst in einem Leserbrief im Tölzer Kurier, als sich eine Einheimische darüber beklagte, dass Leonhardi-Touristen die Vorbeifahrt der ehrwürdigen, zylinderbehuteten Stadträten mit „toll, ein Wagen voller Zauberer“ kommentierten. Denn wenn einer diese tölzerischste aller Angelegenheiten saftig aufs Korn nehmen darf, dann sind das bitteschön die Tölzer selbst! Dieser Aufgabe hat sich nun im zehnten Jahr der Kulturverein „Lust“ aufs Allerfeinste gestellt und mit seinem Jubiläums-Leonhardiabend in der Alten Madlschule an gleich drei Abenden volles Haus gehabt.

Dieser ganz spezielle Kleinkunstabend ist mittlerweile ein fester Termin im kulturellen Leben von Tölz. Die Akteure sind echte Kenner der Tradition und Könner auf der Bühne. Mit dabei waren wie immer die Initiatoren Sepp Müller und Wiggerl Retzer, Kurier-Redakteur Christoph Schnitzer und die Mitglieder des Kulturvereins Lust; außerdem verschiedene Ehrengäste an jedem der drei Abende. Im vergangenen Jahrzehnt haben sie die Wallfahrt bereits unter allerlei Aspekten beleuchtet, kommentiert und persifliert. Geschichtliches, Klerikales, Kommunales, oft auch Skurriles, Düsteres oder Allzumenschliches wurde vorgetragen, gespielt oder gesungen.

Und doch werden die über eineinhalb Jahrhunderte Leonhardifahrt auch in den kommenden Jahren noch genug Stoff liefern, um das Publikum zu überraschen.

Da darf es neben interessanten geschichtlichen Fakten, die Schnitzer in akribischer Fleißarbeit immer wieder ausgräbt, eben auch ein krachkomischer Sketch vom „allerletzen Leonhardiwagen“ sein. Der findet seinen Weg aus dem städtebaulich mittlerweile völlig veränderten Badeteil auf den Kalvarienberg nicht mehr, und das Navi empfiehlt wegen einer „Pferdedemo“ einen Umweg. „Des is ein solchener Ramasuri dort. Kein Haus Otto mehr, kein Hiedl, kein Jodquellenhof und kein Alpamare. Nur noch die ganzen Wohnhäuser, eins greislicher wia des andere“ schimpft Wiggerl Retzer alias der einzige aufzutreibende Tölzer im Badeteil.

Als Sahnehäubchen legten auch noch Veranstalter Peter Frech und Meßner Heinz Bader einen Kurzauftritt hin – nicht die echten natürlich, aber eindrucksvoll parodiert.

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Und weil Leonhardi eben zu Tölz gehört wie die Forelle in die Isar, dürfen natürlich auch ein paar weitere gesalzene Seitenhiebe auf lokale Ärgernisse nicht fehlen, auch wenn sie streng genommen mit dem heiligen Leonhard und seiner Eigenschaft als Vieh- und Gefangenenpatron und mittelalterlichem Kettenlöser nicht mehr viel zu tun haben. Oder doch? „Tölz, du schöner Luftkurort, von dir geh ich nicht mehr fort“, singen Sepp Müller und Max Kropius scheinheilig, denn: „Wia soi i denn? Die Ampel an der Flintkaserne lasst mi net gehn.“

Warum sind Wallfahrten in Bayern überhaupt so populär? Ist es auch ein wenig Selbstdarstellung und Show? Und was steckt hinter dem altertümlichen Spruch „s’Weibersterbn is koa Verderbn, aber s’Rossverrecka ko di erschrecka“? Diese und ähnliche Fragen klärten Christoph Schnitzer und sein Gast, Stadtpfarrer Peter Demmelmair, in einem lockeren und humorvollen Gespräch auf der Bühne. In ländlicher Gegend sei eine Viehseuche das größte Unglück gewesen, habe Not und Elend bedeutet und galt als schlimmer noch als der Verlust der Gattin. Kirchlicher Segen und die Gunst des Viehpatrons konnten deshalb nicht schaden.

Wallfahrten seien allerdings kein bayerisches Privileg. Überall auf der Welt kämen Menschen an besondere Orte, um für Gesundheit und Wohlstand zu bitten.

Demmelmair, der eigentliche „Chef“ dieser höchst kirchlichen Tradition, erinnerte sich an seine allererste Leonhardifahrt vor 30 Jahren: „Hernach war der ganze Zantl voller Kleriker. Heut bin ich froh, wenn ich den Wagen voll kriege.“ Und augenzwinkernd erzählte er einem höchst amüsierten Publikum, dass die Leonhardifahrt „der größte Heiratsmarkt des Oberlandes“ sei. Schon oft habe er von Brautpaaren gehört, dass sie sich dort kennengelernt hätten.

Für eine stimmungsvolle musikalische Untermalung war an diesem Tag übrigens die Tanzlmusi der Tölzer Stadtkapelle zuständig.

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Es wurde ein runder, interessanter und vor allem amüsanter Abend mit unzähligen Beiträgen, in denen sich Historie und Gegenwart, Ernsthaftigkeit und Humor rund um die Leonhardifahrt verknüpften. Und es wurde auch mal wieder klar, wie fest die Wallfahrt im kollektiven Tölzer Bewusstsein verankert ist – und wie viele Fakten, Geschichten, aber auch Mythen sich um diesen ganz besonderen Tag ranken.

Und dass es eben nicht so ist – oder vielleicht nur ein bisserl – dass die „Spiritualität über die Spirituose“ erreicht wird. Und auch das ist mittlerweile Tradition: „Juhe, widewadeweh, gelobt sei der Leonhard in der Höh“ – auf ein schönes Leonhardi sang auch in diesem Jahr der ganze Saal den Refrain der Wallfahrer-Hymne mit. (Ines Gokus)

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