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Nasskalter Tag zu Ehren des Heiligen Leonhard: Die Bäuerinnen im Schalk aus Dietramszell und Beuerberg auf dem Weg zur Leonhardikapelle auf dem Kalvarienberg. 

162. Tölzer Wallfahrt

„Leonhardi ist kein Autorennen“

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Je schlechter das Wetter, desto echter Leonhardi? Dieser Verdacht drängt sich nach der 162. Wallfahrt auf. Nur rund 8000 Besucher wohnten der feierlichen Tölzer Tradition bei.

Bad Tölz – Die kräftigen Rösser schnauben und stapfen vorbei, Auge in Auge mit den Besuchern. Nur Zentimeter trennen die Köpfe der Pferde von den Nasen der Besucher, die eine Wand aus Regenschirmen bilden. Hier an der Leonhardikapelle auf dem Kalvarienberg kann man die Erschütterung durch die schweren Wagen auf dem Schotterweg spüren, hier ist die Wallfahrt ein körperliches Erlebnis – und ein echtes.

Genau um diese Echtheit von Tradition und Brauchtum wird es in der Predigt gehen. Um 10.40 Uhr beginnt am Montag der geistliche Höhepunkt der Tölzer Leonhardifahrt. Und ans Mikrofon tritt – zur Überraschung der Besucher – der Wolfratshauser Stadtpfarrer Gerhard Beham.Peter Demmelmair, Stadtpfarrer in Tölz, hat seinem alten Studienfreund diese wichtige Aufgabe überlassen. Und Beham kommt sofort an bei den Menschen. Ihre Mäntel vom Regen vollgesogen, stehen sie im Wiesenmatsch vor der Kapelle und hören, wie Beham sagt: „Die Leonhardifahrt ist kein Autorennen, sie führt uns zur Entschleunigung.“ Und wer sich an das „Tempo der Gründerväter“ erinnere, an die Zeit, „in der Geduld die größte Tugend war“, und wer Mut zur Stille wage und nicht beim „Höher-Schneller-Weiter“ mitmache, ja der komme der Echtheit dieser Wallfahrt zu Ehren des Heiligen Leonhard, dem Schutzpatron der Nutztiere und Landwirte, ein gutes Stück näher.

Nach der feucht-kalten Veranstaltung 2016 drängt sich dem Beobachter 2017 die Formel auf: Je schlechter das Wetter, desto authentischer und feierlicher die Leonhardifahrt. Eine überschaubare Menschenmenge bewegt sich auf der Wiese am Kalvarienberg. Nur 8000 Besucher wird die Polizei am späten Nachmittag schätzen. „Es war selten so ruhig“, wird Hauptkommissar Josef Treffer sagen.

Aber etliche Falschparker müssen die Beamten am Morgen rausklingeln – „trotz der seit Tagen deutlich sichtbaren Verbotsschilder“, so der Polizeibericht. Gegen 8.30 Uhr ist es im Tölzer Badeteil eher hektisch. Die Fuhrmänner suchen ihre Parkposition, dazwischen tragen Wallfahrerinnen ihre aufwendigen Frisuren und Körbe mit Decken, Tee, Plätzchen und Schnaps zu den Wagen. Wie Magdalena Matheis, eine der Reichersbeurer Jungfrauen im Mieder. Die 24-Jährige wippt auf den Zehen hin und her und sagt: „Die Kälte macht nichts, man fährt ja trotzdem gerne mit.“

So schön auch bei schlechtem Wetter: Die 162. Tölzer Leonhardifahrt

Während Matheis nun vier Stunden auf dem Truhenwagen sitzen wird, hat Marinus Metzger seinen Job schon bald erledigt. Der Gymnasiast, 13 Jahre alt, bietet den Besuchern Leonhardizeichen zum Anstecken an. „50 hab’ ich schon verkauft“, freut er sich. Da steht man gerne zum Interview zur Verfügung.

Genau wie Paul Hinderhofer und Walter Remensperger, beide 63. Schließlich können auch sie von Rekordleistungen berichten: Um 4 Uhr morgens ist Remensperger im Landkreis Sigmaringen (Baden-Württemberg) aufgestanden, um dann dreieinhalb Stunden mit dem Auto nach Tölz zu fahren. „Wir sind jetzt Rentner und haben Zeit. Da wollten wir was für unser Seelenheil tun“, witzelt Remensperger. Hinderhofer wird in der Marktstraße mit Blick auf die Gespanne ernst: „Ich gucke genau, ob die auf den Wagen beten. Und das tun die meisten.“ Das, so findet der Oberschwabe, mache den „echten Charakter“ dieser Wallfahrt aus.

Zu dem optischen Schauspiel gehören auch die traditionellen Trachten. Von denen ist wetterbedingt kaum etwas zu sehen, sie verstecken sich unter Mänteln und Regencapes. Dafür kann man sich umso mehr auf die Inschriften und Malereien auf den Wagen konzentrieren. Nach der Predigt steht der Miesbacher Josef Erhart zwischen seinen Rössern. Den Truhenwagen, den sie ziehen, hat er 1989 gebaut, in Tölz ist er aber schon seit 1983 dabei. „Schön, dass die Fahrt heute bodenständig und weniger touristisch ist“, findet Erhart und erklärt die Motive auf dem Wagen: „Man sieht die vier Jahreszeiten“, sagt Erhart. Bäuerliche Lebenswelten, Frühling und Sommer auf der einen, Herbst und Winter auf der anderen Seite.

Oben drauf sitzt Magdalena Matheis. Eine Reihe davor: Schwester Josefa. Ihr vermiest der Regen nicht den Tag, sie lächelt breit und sagt: „Wir sind Schlimmeres gewöhnt.“ Die Reichersbeurerin fährt bei Leonhardi mit, seit sie 16 ist. Eine lange Zeit – allerdings wenig im Vergleich zu dem Jubiläum, das Bürgermeister Josef Janker beim Empfang in der Franzmühle würdigt: Der Wagen von Johann Bernwieser ist heuer zum 90. Mal dabei. 

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