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Der Beruf des Bäckers ist bei jungen Leuten auf Lehrstellensuche nicht der begehrteste. 

Lehrstellenmarkt

Lieber Bankschalter als Backstube

Bad Tölz-Wolfratshausen - Realschüler streben auf weiterführende Schulen – manche Mittelschüler trauen sich dagegen gar nicht erst, sich auf eine Lehrstelle zu bewerben. Dieses Dilemma sorgt dafür, dass sich viele Betriebe im Landkreis schwer tun, Azubis zu finden.

Wer eine Banklehre machen will, hat erst wieder ab Herbst 2017 eine Chance. Wer Bäcker oder Verkäufer im Einzelhandel werden will, hat dagegen freie Auswahl zwischen vielen offenen Stellen: Gut vier Monate vor dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres zeigt der April-Bericht der Arbeitsagentur Rosenheim, in welchen Branchen es besonders an Azubis mangelt.

680 Lehrlingsstellen gab es heuer im Landkreis zu vergeben. Mehr als die Hälfte davon, 340 Stück, waren im vergangenen Monat noch unbesetzt. Als ausbildungssuchend gemeldet waren hingegen nur 220 Personen.

Zumindest bei den Banken herrscht kein Mangel an Bewerbern. Die Sparkasse hat ihre zwölf Ausbildungsplätze schon frühzeitig vergeben. Bald laufen laut Pressesprecher Willi Streicher die ersten Bewerbungsgespräche fürs Lehrjahr 2017. Für selbstverständlich hält Willi Streicher die große Nachfrage nicht: „Man muss auf sich aufmerksam machen. Termine wie Ausbildungsmessen sind Pflicht.“ Auch die Raiffeisenbank Tölzer Land hatte keine Probleme bei der Besetzung ihrer acht Ausbildungsplätze. „Die Nachfrage ist konstant“, bestätigt Pressesprecher Andreas Gams.

Ganz so positiv fällt die Bilanz von Josef Oswald, Obermeister der Schreiner-Innung Miesbach/Bad Tölz-Wolfratshausen, nicht aus. Zwar sei die Situation noch entspannt, jedoch wird es zunehmend schwieriger, Azubis zu finden. Die vergleichsweise glimpfliche Situation der Schreinerbetriebe führt Oswald auf die langjährige Lehrlingswerbung der Innung zurück: Seit über zehn Jahren engagiere man sich hier.

Größere Probleme bei der Lehrlingssuche haben die lebensmittelproduzierenden und -verarbeitenden Betriebe. Als „schlecht bis mittel“ stuft Konrad Stelmaszek, Obermeister der Bäcker-Innung Miesbach/Bad Tölz-Wolfratshausen, die Situation ein. Zwar könne man viele Jugendliche über Schnupperlehren von der Arbeit überzeugen. „Aber das frühe Aufstehen schreckt dann jedoch viele ab“, sagt der Königsdorfer Bäcker. Dabei seien die geregelten Arbeitszeiten in der Bäckerei für die Gesundheit weniger schädlich als etwa Schichtarbeit, bei der man sowohl tagsüber als auch nachts Dienste schieben müsse, betont Stelmaszek. Auch habe man in den vergangenen Jahren die finanziellen Anreize für mögliche Bäckerlehrlinge deutlich verbessert.

In der Gastronomie tut man sich mit der Suche nach Azubis besonders schwer: 16 Jugendliche könnten heuer im Landkreis noch eine Lehre zum Koch beginnen. Doch nur vereinzelt, so Sprecherin Katharina Kristen von der Arbeitsagentur Rosenheim, finde sich ein potenzieller Lehrling für die gastronomischen Betriebe. Die größte Differenz zwischen angebotenen Lehrstellen und Bewerbern zeigt sich im kaufmännischen Bereich. Gleich 90 Stellen sind hier im Landkreis noch unbesetzt. Hier ist besonders der Einzelhandel betroffen.

Als ausschlaggebend für den Nachwuchsmangel sieht Kristen den Trend zur Akademisierung. Gerade Realschüler tendieren demnach dazu, nach dem Abschluss eine weiterführende Schule zu besuchen. Absolventen der Mittelschule mit eher schlechten Zeugnisnoten würden dagegen eine mögliche Bewerbung für eine Lehre scheuen. Gerade hier sieht Kristen Potenzial: „Man sollte sich durch die Noten nicht verunsichern lassen.“ Gerade durch Praktika könne man sein Talent im Handwerksbetrieb schnell beweisen und sich für eine Ausbildung empfehlen.

Mittlerweile bietet die Agentur für Arbeit mehrere Programme an, die sowohl Lehrlinge als auch die ausbildenden Betriebe unterstützen. Ausbildungsbegleitende Hilfen wenden sich beispielsweise speziell an sozial benachteiligte Menschen. Bei der „Assistierten Ausbildung“ ergänzen zum Beispiel soziale Hilfsorganisationen mit Nachhilfe und Beratung die Lehre. Den besten Weg zur erfolgreichen Ausbildung sieht Kristen jedoch immer noch in der klassischen individuellen Beratung in der Arbeitsagentur: „Natürlich muss man dann nicht nach Rosenheim, sondern wird lokal in Bad Tölz beraten.“

Markus Henseler

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