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Bei einer ganzen Reihe wichtiger Medikamente gibt es nach wie vor Lieferengpässe.

Kritik an Rabattverträgen

Lieferengpass bei Medikamenten: „Situation nach wie vor miserabel“

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Der Missstand hält an: Viele Patienten kommen nicht an wichtige Medikamente, weil die Produkte nicht lieferbar sind. Ein Arzt aus Bad Tölz übt scharfe Kritik. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Berichterstattung im Tölzer Kurier über diesen Missstand schlug vor gut zwei Monaten hohe Wellen: Patienten, Ärzte und Apotheker im Landkreis schlugen Alarm, weil es bei zahlreichen wichtigen Medikamenten Lieferengpässe gab. Das Thema, das bundesweit zu beobachten ist, erhält mittlerweile zwar etwas mehr Aufmerksamkeit – an der Lage geändert hat sich aber nichts.

„Die Versorgungssituation ist nach wie vor miserabel“, beklagt der Tölzer Psychiater Dr. Arnold Torhorst auf Nachfrage. Viele seiner Patienten haben unter den Lieferschwierigkeiten besonders stark zu leiden. Denn betroffen ist auch das Antidepressivum Venlafaxin, das ihnen eine stabile Teilhabe am Alltagsleben ermöglicht. „Die Situation ist zuletzt eher noch schlechter geworden“, sagt Torhorst.

Medikamente nicht lieferbar: Tölzer Arzt nimmt Krankenkassen in die Pflicht

Der Psychiater sieht bei dem Problem vor allem die Krankenkassen in der Verantwortung. Er verweist auf das Vertragsverhältnis zwischen Kassen und Kunden: „Der eine zahlt seinen Beitrag, der andere muss dafür dessen Versorgung mit allem zur Behandlung Notwendigen sicherstellen“, fasst es Torhorst zusammen. Gestärkt sieht er seine Position durch ein Schreiben aus dem Bundesgesundheitsministerium, an das sich der Tölzer gewandt hatte. Dort heißt es: „Sofern eine aufzahlungsfreie Alternativversorgung nicht möglich sein sollte, können die Versicherten in Einzelfällen einen individuellen Versorgungsanspruch gegenüber ihren Krankenkassen geltend machen. Die Versicherten sollten sich dazu mit ihrer Krankenkasse in Verbindung setzen.“

Krankenkasse übernimmt Kosten für teurere Alternativprodukte 

Torhorst rät seinen Patienten daher: Wenn ihr verordnetes Medikament nicht lieferbar ist, dann sollten sie sich das von der Apotheke schriftlich bestätigen lassen und damit zu ihrer Krankenkasse gehen. „Manchmal findet sich vielleicht doch noch irgendwo ein Depot“, so Torhorsts Hoffnung.

Dr. Arnold Torhorst, Tölzer Psychiater.

Wenn ein Medikament nicht lieferbar ist, dann könne es auch die Kasse leider nicht beschaffen, erklärt hingegen Tarkan Demir, Sprecher der AOK-Direktion Bad Tölz. In elf Fällen habe die AOK allerdings anderweitig helfen können: Als die Patienten auf wirkstoffgleiche, aber teurere Alternativen zu Venlafaxin auswichen, mit deren Hersteller die AOK aber keinen Rabattvertrag geschlossen hatte, da habe die Kasse den Differenzbetrag „schnell und flexibel“ erstattet, so Demir.

Scharfe Kritik an Rabattverträgen 

Just in genannten Rabattverträgen sieht Torhorst unterdessen die Wurzel des Übels. Es kämen vor allem billige Hersteller zum Zug, bei denen es leichter zu Lieferausfällen komme. Das sieht Christopher Hummel, Sprecher der Apotheker im Landkreis, genauso. In seinen eigenen Apotheken in Gaißach und Heilbrunn hat er Flyer des Großhandels ausgelegt, in denen „Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen“ für die Lieferengpässe verantwortlich gemacht werden.

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Dass er seinen Kunden das gewünschte Medikament nicht beschaffen kann, gehört für Hummel nach wie vor zum Alltag. Unter anderem seien auch Blutdruckmittel und Schilddrüsenpräparate betroffen. „Mal ist das eine Medikament wieder lieferbar – dafür ein anderes nicht mehr. „Insgesamt ist die Lage konstant schlecht“, sagt er. „Das ist eine tägliche Belastung für alle Beteiligten: Patienten, Ärzte und Apotheker.“

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