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Eine größere Kartoffellieferung versetzt im Sommer 1917 ganz Tölz in Aufregung und führt zu langen Schlangen vor den Geschäften. 

Präsentation im historischen Sitzungssaal

Neues Buch „Erster Weltkrieg im Tölzer Land“: Eine lokalgeschichtliche Tiefenbohrung

In bisher 627 (von insgesamt 700) Folgen hat der Tölzer Kurier vier Jahre in der Langzeitserie „Der Krieg in der Heimat“ über die Gräuel und Beschwernisse des 1. Weltkriegs berichtet. Nun ist die Serie unter dem Titel „Erster Weltkrieg im Tölzer Land“ in einem Buch erschienen, das mit einer Lesung im Historischen Sitzungssaal des alten Rathauses vorgestellt wurde.

Bad Tölz – Neben Buchautorin Sibylle von Kamptz auf dem Podium: Ehemann Christoph Schnitzer, Sebastian Lindmeyr, Leiter des Stadtarchivs, sowie Dr. Christof Botzenhart, 2. Vorsitzender des Historischen Vereins, der die Zuhörer auf das Thema einstimmte.

Buchlesung mit Christoph Schnitzer, Sebastian Lindmeyr, Sibylle von Kamptz und Christof Botzenhart. 

Der 1. Weltkrieg sei die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen“ mit Millionen getöteter, verletzter, verstümmelter Soldaten. Sie, wie auch die Zivilbevölkerung, seien verführt, missbraucht und aufgehetzt worden, sodass viele ihr Heil im politischen Radikalismus suchten, sagte Botzenhart. „Was hat der Krieg mit diesen Menschen gemacht?“

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Der Autorin sei mit ihrem Buch in vierjähriger Fronarbeit eine lokalgeschichtliche Tiefenbohrung gelungen: aufwendig, bienenfleißig, wissenschaftlich seriös und doch ansprechend gestaltet.

„Jeder Schuss ein Russ’, jeder Stoß ein Franzos’, jeder Tritt ein Britt“ – mit solchen Parolen zogen die deutschen Soldaten ab Sommer 1914 siegessicher in den Krieg, der am Ende allein in Isarwinkel und Loisachtal mehr als 600 Menschen das Leben kosten sollte. Im Buch „Erster Weltkrieg im Tölzer Land“ werden nationale Verblendung und Siegeshoffnung in Worte gekleidet: Die meist jüngeren Jahrgänge können es gar nicht erwarten, bis auch sie zu den Fahnen einrücken dürfen. So auch der Laischenbauernsohn Michael Eberl. „Das wird furchtbar interessant, wenn ich nur schon draußen wäre!“ Er kommt Ende Oktober an der Front an und wird schon nach seinem ersten Gefecht vor Ypern am 29. Oktober vermisst. Sein Schicksal wird nie aufgeklärt werden.

Im Sommerkeller in Benediktbeuern wurden französische Soldaten gefangen gehalten. Die Menschen kamen von weither, um die „Franzmänner“ zu bestaunen.

In einem Brief an seine Eltern schreibt Joseph Bachleitner aus Oberbuchen im September 1914: „Wir waren das reinste Kanonenfutter. Unsere Kompagnie ist jetzt schon richtig zusammengeschmolzen. Wir hatten vor acht Tagen noch 260 Mann, nun sind es noch 85. Ja, liebe Eltern, es ist grauenhaft, wenn man so dem Tod alle Tage ins Auge schauen muss.“

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Derweil müssen die Menschen in der Heimat ihren Alltag ohne die am Bahnhof tränenreich verabschiedeten Väter, Söhne oder Brüder bewältigen, was wegen Material- und Lebensmittelknappheit schwierig genug ist. „Es wird gestohlen wie noch nie“, klagt der Tölzer Kurier. Das Gerücht von vergiftetem Wasser macht in Bad Tölz die Runde. Eine ältere Dame, die in einem Gasthaus logierte, wäre ums Haar vom Pöbel gelyncht worden, weil sie wegen eines fremdländischen Akzents einen verdächtigen Eindruck machte. In Lenggries wird eine Kirchenglocke abgehängt und soll wie auch die zinnernen Orgelpfeifen zu Kriegszwecken eingeschmolzen werden.

Einige behördliche Anordnungen entbehren nicht einer unfreiwilligen Komik. So wird 1916 das Radfahren zum Vergnügen verboten. Zuwiderhandlungen werden alleine in Kochel 35-mal angezeigt und sogar gerichtlich geahndet. Ein Sprachverein setzt Wörter englischen oder französischen Ursprungs auf den Index und erstellt „Verdeutschungslisten“. Beispiel: Statt Toupet solle man „Glatzenstück“ sagen.

Eine Reichsbekleidungsstelle empfiehlt, Tote in Hemden aus Papier zu bestatten. Diese und unzählige weitere Fakten aus allen Gemeinden des heutigen Südlandkreises hat von Kamptz in einem gekonnt gestalteten und reich bebilderten Buch auf 255 Seiten zusammengetragen.

Um noch einmal Botzenhart zu zitieren: „Das Resultat kann sich sehen lassen, lesen lassen und kaufen lassen. Und es wäre zu wünschen, dass der Blick in eine schlimme Vergangenheit den Blick für die Aufgaben der Gegenwart schärft.“

Hans Staar

Das Buch

„Erster Weltkrieg im Tölzer Land“, erschienen bei cs-press&print, Hardcover, 255 Seiten, 24,80 Euro. Erhältlich in der Geschäftsstelle von Tölzer Kurier, in allen Tölzer und Lenggrieser Buchhandlungen, der Tankstelle Schnitzer im Badeteil, Rudi Herden in Kochel am See sowie im Klosterladen Benediktbeuern.

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