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Reglementierte Chorbesetzung und dennoch runder Klang : Der Männerchor Zwo-Zwo-Eins, der sich 2010 aus Reihen des Tölzer Knabenchors gegründet hat, überzeugte in der Wolfratshauser St. Andreas-Kirche.

St. Andreas Wolfratshausen

Männerchor des Tölzer Knabenchors: Endlich wieder live

Ein erstes Konzert seit Beginn der Corona-Pandemie gab der Männerchor Zwo-Zwo-Eins, der sich einst aus dem Tölzer Knabenchor gründete, jetzt in der Wolfratshauser St. Andreas-Kirche.

Wolfratshausen – Wie alle Gastwirte übereinstimmend erklären, sind die Biergärten derzeit rappelvoll, während die Gaststuben nur spärlich besucht sind. Ähnlich scheint es sich mit dem Konzertpublikum zu verhalten: Bei Open-Air-Veranstaltungen herrscht Gedränge, als existiere kein Virus, aber in geschlossene Räume trauen sich offenbar nur wenige hinein.

Maximal 50 Zuhörer waren für das Konzert des Männerchors Zwo-Zwo-Eins in der St. Andreas-Kirche in Wolfratshausen am Freitagabend zugelassen. Wer vermutet hatte, viele Interessenten würden deshalb abgewiesen werden müssen, lag lasch. Etwa 40 Zuhörer hatten sich letztlich eingefunden. Auch die Größe der Chorbesetzung war streng reglementiert: Nur zwölf Männerstimmen durften auftreten.

Das schon 2019, also nicht speziell für Corona konzipierte Programm lockte mit dem verheißungsvollen Titel „Die Geister, die ich rief“. In Abwandlung aufgrund der reduzierten Besetzung enthielt es Kompositionen für A-Cappella-Männerchor aus der Gregorianik, von Josquin Desprez, Franz Schubert, Felix Mendelssohn, Francis Poulenc und Josef Gabriel Rheinberger. Unter Leitung von Clemens Haudum musizierte der Männerchor, der sich 2010 aus den Reihen des Tölzer Knabenchores gegründet hat und seit 2017 unter dem Namen Zwo-Zwo-Eins konzertiert.

Der ungewöhnliche Name nimmt Bezug auf ein beliebtes Zugabenstück des Chores, nämlich Bachs Motette ‚Singet dem Herrn’. Denn die wurde nicht komplett zugegeben, sondern stets ab dem Takt 221.

Männerchor des Tölzer Knabenchors: Warmer und runder Ensembleklang

Bach oder überhaupt Barock wurde am Freitagabend indes nicht geboten. Von der Orgelempore herab erklang zur Eröffnung ein Gregorianischer Choral, also Musik des Mittelalters, im strengen, einstimmigen Satz. Zirca drei Jahrhunderte später schrieb Josquin Desprez seine wunderbaren Vokalwerke. „Tu solus qui facis mirabilia“, ein wunderbar farbenreicher vierstimmiger Satz, machte deutlich, dass die Sänger in der Zwangspause nichts verlernt haben.

Der ausgewogene, warme und runde Ensembleklang begeisterte und breitete sich von der Orgelempore über den ganzen Kirchenraum aus. Mit einem kühnen Sprung über drei weitere Jahrhunderte war die Romantik erreicht. Franz Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“ entfaltete nach dem klaren Fluss der Alten Musik romantisches Schwelgen. Alles lag hier durchhörbar offen und transparent, sodass Schwächen unweigerlich aufgefallen wären. Aber es gab keine. Auch nicht in Schuberts „Geistertanz“, der den handfesten Kontrapunkt zum ätherisch schwebenden, vorangegangenen Werk bildete.

Die Zuhörer wurden vom Klang umflutet

Darauf schritt der Chor aus dem Altarraum nach vorne ins Kirchenschiff und Haudum bat die Besucher in der ersten Reihe, aus Sicherheitsgründen etwas weiter nach hinten zu rücken. Man wolle ein wenig mit dem Raumklang spielen, auch wenn das Corona-bedingt verhaltener ausfallen müsse als gewohnt, hatte der Dirigent erklärt. Auf eine geistliche Motette Mendelssohns folgte wiederum ein Zeitsprung ins 20. Jahrhundert zu Francis Poulenc, dessen reicher Schatz an Chorwerken hierzulande eher selten in den Programmen zu finden ist. Vier kleine Gebete nach Franz von Assisi hatte das Ensemble mitgebracht. Den typisch französischen Tonfall, der immer eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz versprüht, traf es sehr schön. Reizvolle harmonische Reibungen gab es im zweiten, eine innige Zwiesprache mit Gott im dritten und eine zarte, von einem überzeugenden Solo eingeleitete Melancholie im vierten Gebet. Zu Rheinbergers „Abendlied“ teilte sich der Chor zwischen Altarraum und Orgelempore auf, so dass die Zuhörer vom Klang umflutet wurden. „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ – immer wieder unendlich berührend. Oft ist das Werk schon die Zugabe, doch hier folgte noch Programm: „So nimm denn meine Hände und führe mich“ ließ das kleine Konzert stimmungsvoll ausklingen.

Das Publikum, das anfangs eher zaghaft Beifall spendete, so als müsse man das erst wieder einüben, wurde immer mutiger und erklatschte sich eine Zugabe. Mit den atmosphärischen Klängen des Spirituals „Lord, I’m troubled“ wurde es belohnt. (Sabine Näher)

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