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„Und ihr Geist lebt trotzdem weiter“: Mit dieser Überschrift verbreitete Marie-Luise Schultze-Jahn 1943 Flugblätter der„Weißen Rose“. 2003 stellte die Stadt auf der Flinthöhe eine Ehrentafel für sie auf.

Zum Todestag von Widerstandskämpferin Marie-Luise Schultze-Jahn

Wider das Vergessen

Vor zehn Jahren starb die Widerstandskämpferin im Dritten Reich, Marie-Luise Schultze-Jahn. Eine Erinnerung.

Bad Tölz – Sie war gewissermaßen die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und hat ihre Botschaft von Zivilcourage und gegen das Vergessen der Nazidiktatur bis ins hohe Alter weitergetragen. Heute vor zehn Jahren ist Marie-Luise Schultze-Jahn in Bad Tölz gestorben. Eine Erinnerung.

Für Sätze wie diese wurde man 1944 aufgehängt: „Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. 330 000 deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!“ Das ist der Beginn des sechsten Flugblattes, das Prof. Kurt Huber im Februar 1943 für die Studenten der Münchner Universität verfasste. Er und die Mitglieder der Widerstandsbewegung Weiße Rose, darunter Hans und Sophie Scholl, wurden denunziert, verhaftet und schließlich hingerichtet.

Marie-Luise Jahn und ihr Verlobter Hans Leipelt kannten die Weiße Rose und ihre Mitglieder bis dato gar nicht, schreibt Schultze-Jahn in ihren Erinnerungen „...und ihr Geist lebt trotzdem weiter“. Das sechste Flugblatt aber, hatte Leipelt per Post zugeschickt bekommen. „Der Inhalt entsprach genau dem, was wir selber dachten, aber nie offen gesagt, geschweige denn beschrieben hätten“, erinnerte sich Schultze-Jahn als 86-Jährige. „Spontan entschlossen wir uns: Wir müssen weitermachen.“

Das Paar tippte das Flugblatt mit Durchschlägen so oft wie möglich ab, versah es mit dem Titel „...und ihr Geist lebt trotzdem weiter“ und verteilte es mit Freunden. Gleichzeitig sammelten sie Geld für die Witwe des hingerichteten Prof. Huber und gerieten – die Aktion wurde verraten – in den Fokus der Gestapo.

Am 8. Oktober wurde Hans Leipelt verhaftet. Seine Freundin Marie-Luise vernichtete alles belastende Material, gab sich aber keiner Illusion hin. Zehn Tage später wurde sie abgeholt. Es folgten unzählige Verhöre, Angst und Ungewissheit. „Meine eigene Hinrichtung wurde mir mehr und mehr zur Gewissheit.“

Auf tiefes Loch folgt Beitrag gegen das Vergessen

Nach einem Jahr Untersuchungshaft begann in Donauwörth der Prozess vor dem Volksgerichtshof, „eine einzige Farce“, wie sich Schultze-Jahn erinnerte. Hans Leipelt wurde zum Tode verurteilt. Seine 25-jährige Verlobte kam mit 12 Jahren Zuchthaus davon, weil ihr geschickter Anwalt sie als verliebtes arisches Mädchen darstellte, das von einem bösen Halbjuden verführt worden sei. „Und ich habe nicht widersprochen“, machte sie sich noch Jahrzehnte später Vorwürfe. Hans Leipelt, auch das erfuhr sie erst nach dem Krieg, hatte ihren Anwalt gebeten, ihn zu belasten, um sie zu entlasten. „Er wusste wohl, dass es für ihn keine Rettung gab.“ Vor seiner Hinrichtung am 29. Januar 1945 in Stadelheim durfte sich das Paar noch einmal kurz sehen. „Wir hielten uns an eiskalten Händen – wir sprachen kein Wort.“

Das zweite Leben von Marie-Luise Jahn begann mit der Befreiung aus dem Zuchthaus Aichach durch die Amerikaner im Mai 1945. Die gebürtige Ostpreußin studierte Medizin, heiratete Hans Georg Schultze und führte von 1969 bis 1988 eine Praxis in Bad Tölz. Aus dem tiefen Loch und einer anhaltenden Sprachlosigkeit über die vergangenen Ereignisse konnte sie sich erst nach Jahrzehnten und mit psychotherapeutischer Hilfe Schritt für Schritt befreien, wie sie in einem Zeitungsinterview 1993 erzählt hat. Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Mit der Gründung der Weiße-Rose-Stiftung 1987, deren Vorstandsmitglied die Tölzerin war, begann die aktive Erinnerungsarbeit. Marie-Luise Schultze-Jahn sprach als Zeitzeugin an Schulen, arbeitete an Ausstellungen mit, die rund um die Welt gingen, und leistete ihren Beitrag gegen das Vergessen, wie sie das selbst formuliert hatte.

Schultze-Jahn engagierte sich für Kriegsflüchtlinge

Die kleine, zierliche Dame, die nie großes Aufhebens um sich machte, engagierte sich zunehmend politisch. Sie setzte sich etwa für Kriegsflüchtlinge aus Bosnien ein. Anfang der 1990er-Jahre wurde in Tölz durchaus heftig um die Aufstellung eines Mahnmals für die Opfer des Todesmarschs gerungen. Der Stadtrat war dagegen, beide Kirchen, viele Tölzer Bürger und Marie-Luise Schultze-Jahn traten energisch für das Mahnmal ein und sammelten Geld. Am 2. Mai 1995 wurde an der Mühlfeldkirche das Denkmal errichtet.

2005 gehörte die 87-Jährige zu den Gründungsmitgliedern eines Arbeitskreises, der sich die Erforschung der Lebensschicksale von den Nazis getöteter Tölzer Bürger zur Aufgabe machte. Die Ge(h)denksteine vor dem Stadtmuseum gehen auf diesen Arbeitskreis zurück. Dass die Stadt den Arbeitskreis unterstützte, die Aufarbeitung der eigenen NS-Vergangenheit mittlerweile – etwa bei den Themen Hindenburg-Informationsweg und Stollreither-Promenade – aktiv angeht, ist auch Verdienst von Marie-Luise Schultze-Jahns Kampf gegen das Vergessen. Als sie am 22. Juni 2010 starb, war sie eine von Stadt, Landkreis und Freistaat vielfach geehrte Persönlichkeit. Ein Gedenkstein am Landratsamt erinnert an sie. Das Sonderpädagogische Förderzentrum in Bad Tölz soll nach ihr benannt werden.

Im Tod schloss sich auch der Kreis wieder. So wie sie sich es gewünscht hatte, wurde sie auf dem Münchner Friedhof am Perlacher Forst bestattet. Und zwar am KZ-Ehrenhain für die Opfer der Nazidiktatur. Dort liegt auch Hans Leipelt begraben. Sein Grab und das von Marie-Luise Schultze-Jahn sind nur durch eine Hecke getrennt.

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