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So authentisch wie möglich: Oberbayer (31) lebt wie Wikinger - und möchte damit ein Zeichen setzen

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Von: Christiane Mühlbauer

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Marinus Jennerwein (2. v. re.) veranstaltet seit zwei Jahren in Penzberg sein eigenes kleines Wikingerlager. Auf dem Foto, das heuer entstand, trägt er Tunika, Rushosen (Pumphosen), Wadenwickel, Gürteltaschen und Glasperlenketten.
Marinus Jennerwein (2. v. re.) veranstaltet seit zwei Jahren in Penzberg sein eigenes kleines Wikingerlager. Auf dem Foto, das heuer entstand, trägt er Tunika, Rushosen (Pumphosen), Wadenwickel, Gürteltaschen und Glasperlenketten. © David Kraft

Wer Marinus Jennerwein trifft, darf ihn auch gerne als Halfdan Gunnarson ansprechen. Der 31-jährige Tölzer versucht, authentisch ein Leben zu führen, wie es einst die Wikinger taten.

Bad Tölz – Wer im Edeka an der Tölzer Marktstraße einkaufen geht, sollte sich nicht wundern, dort gelegentlich einen in mittelalterlicher Kleidung gewandeten Mann zu sehen: Es kommt schon vor, dass Marinus Jennerwein in seinen wallenden Gewändern aus dem Haus geht, „einfach so“. „Die meisten Leute fragen mich dann, ob in der Nähe gerade eine Veranstaltung ist“, sagt er lächelnd. Manchmal merke er auch, dass man ihn heimlich fotografiere. Für Jennerwein selbst sind Tunika, Rushose und Gürteltaschen „etwas ganz Normales: Ich fühle mich in dieser Kleidung sehr wohl.“

Tölzer lebt wie Wikinger: Fernsehserie „Vikings“ brachte ihn auf den Geschmack

Der 31-Jährige pflegt „Reenactment“, also das Nachstellen von historischer Lebensweise in möglichst authentischer Art und Weise. Schon als Bub habe er eine Faszination für das Mittelalter empfunden, sagt der Tölzer, der als Koch im Restaurant Jaegers in Lenggries arbeitet. Seine Vorliebe für die Wikinger entstand vor rund sechs Jahren durch die Fernsehserie „Vikings“. Mit Hilfe von Büchern, Fernseh-Dokumentationen, das Internet und durch den Austausch mit anderen arbeitete er sich in Lebensweise und Weltanschauung der Nordmänner ein und ist Mitglied der Gruppe „Cullach Cuthach“ geworden, die zum Beispiel beim Kaltenberger Ritterturnier auftritt.

Die Wikinger seien „innovativ und umtriebig“ gewesen, erklärt der Tölzer seine Faszination. In ihrer Epoche sei ihre Gesellschaftsform einmalig gewesen. „Etwa die starke Stellung der Frauen. Sie hatten in der Familie eine hohe Position und konnten sich damals sogar schon scheiden lassen.“ Zudem gebe es im heutigen Alltag auch noch sprachliche Bezüge: „Das Wort Freitag geht auf die nordische Göttin Freyja zurück.“

Leben als Wikinger: Marinus Jennerwein stellt Sklavenhändler aus Haithabu dar

In der Wikinger-Community ist der Tölzer mittlerweile gut verankert. Er hat sich selbst den Namen Halfdan Gunnarson gegeben. „So etwas kann man machen, muss es aber nicht“, sagt Jennerwein. „Für mich gehört’s irgendwie dazu.“ Der Name sei frei erfunden, historische Bezüge gebe es nicht.

„So oft es geht“ schlüpft der 31-Jährige in seine mittelalterlichen Gewänder. Orientierung für den Stil bieten Ausgrabungsberichte von Archäologen. „Die Textilfunde sind regional unterschiedlich“, betont der Tölzer. Er selbst versucht, einen Sklavenhändler aus Haithabu darzustellen. Dieser Siedlungsplatz in Schleswig-Holstein war damals einer der wichtigsten Handelsplätze zwischen Norddeutschland, Skandinavien und dem Baltikum.

Die archäologischen Untersuchungen sind zahlreich. Die Darstellung eines Sklavenhändlers habe er bewusst gewählt, weil es ein „sensibles Thema ist“, sagt Jennerwein. Mit dieser Rolle möchte er darauf aufmerksam machen, dass es auch heute noch Menschenhandel gibt, etwa mit Frauen aus Osteuropa. „Das gehört alles aufgeklärt.“

Leben als Wikinger: Runenzeichen auf Fingern sorgen für Missverständnisse

Jennerwein hat sich einen langen Bart wachsen und Runen-Zeichen auf die Finger tätowieren lassen. „Das sind Schutzzeichen“, erklärt er. Sie stünden für Gesundheit, Kraft und Familie. Immer wieder werde man damit „leider auch in die rechte Ecke gestellt“. Er und seine Mitstreiter in der Gruppe grenzen sich „von solchen Leuten klar ab“, betont er. „Mit diesem Gedankengut wollen wir nichts zu tun haben.“

Die Kaltenberger Ritterspiele samt Turnier sind der Höhepunkt im Leben von „Cullach Cuthach“. Gekleidet in Tunika, Rushose, Wadenwickel und genähte Wendelederschuhe sowie mit Gürteltaschen und zwei bunten Glasperlenketten ist Marinus Jennerwein alias Halfdan Gunnarson voll in seinem Element. Rund 60 Menschen aus dem süddeutschen Raum und aus Österreich sind in der Gruppe aktiv, „von Familien mit Kindern bis zum Rentner“, berichtet Jennerwein.

Auf dem Speiseplan beimWikinger- Lagerleben stehen Bennnesseln und Haferflocken

In der Gruppe ist er als Koch aktiv. Auch kulinarisch soll es so authentisch wie möglich sein. „Kartoffeln und Tomaten kannten die Wikinger noch nicht, und sie haben auch wenig Fleisch gegessen.“ Auf dem Speiseplan stehen an solchen Tagen vor allem Eintöpfe aus Brennesseln, Karotten, Sellerie und Lauch, aber auch Getreidebreie mit Haferflocken und Perlgraupen. Gegessen und getrunken wird aus Keramikbechern, Holztellern und -löffeln. Glas, etwas „Modernes“, ist tabu.

Und was ist mit den legendären Met-Gelagen, die die Nordmänner immer wieder abgehalten haben sollen? „Das war kein Feierabendbier. Den vergorenen Honigwein gab’s nur zu besonderen Anlässen.“

Zusammenhalt unter den „Wikingern“ ist groß - „zweite Familie“ gefunden

In der Community, sagt Jennerwein, habe er seine „zweite Familie“ gefunden. „Der Zusammenhalt ist groß. Man gibt gern, weil man weiß, dass man es wieder zurückbekommt“, sagt Jennerwein. Auch beim Lagerleben am Walchensee war er einmal mit dabei. Es sei dort schön, aber im Vergleich zu anderen Mittelalter-Events recht klein, und noch dazu überschneide es sich meistens mit anderen, größeren Terminen. Seit zwei Jahren veranstaltet Jennerwein Anfang Oktober sein eigenes kleines Lager auf dem Jugendzeltplatz in Penzberg. Wer Interesse hat und in die Szene reinschnuppern möchte, dürfe sich gerne bei ihm melden, bietet er an.

Wer Kontakt mit Marinus Jennerwein aufnehmen möchte, kann das über Instagram: @halfdangunnarson.

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