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Gibt es nicht mehr alle im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Medikamente.

„Menschenskinder, ich brauch’ das doch!“

Patienten in Angst - Wichtige Medikamente gehen aus - Ärzte: „lebensgefährliche Folgen“

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Ein Tölzer Arzt spricht von einer „Katastrophe“ für seine Patienten: Über 60 Medikamente sind in der Region schlichtweg nicht mehr verfügbar - mit gravierenden Folgen. Die Erklärungsversuche klingen teils absurd.

  • Alarmierende Zustände im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen: Viele Medikamente sind nicht mehr Verfügbar.
  • Patienten sind ratlos, Apotheker ebenfalls. Ärzte schlagen Alarm.
  • Die Ursachensuche ist gar nicht so einfach.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Gertrud S. (Name geändert) hatte zwei heftige Panikattacken. Es folgten Fehldiagnosen und die Einnahme von risikobehafteten Pillen. Dann schien endlich die passende Behandlung gefunden: Ihr Psychiater hatte ihr das Antidepressivum Venlafaxin verschrieben. Doch als die 81-Jährige aus dem Oberland in der Apotheke damit vorstellig wurde, bekam sie die Auskunft: „Nicht vorrätig und nicht lieferbar.“ Sie habe nur gedacht: „Menschenskinder, ich brauch’ das doch!‘“

Panik im Oberland: In der Region Bad Tölz gehen die Medikamente aus - Rentnerin ist nicht allein

Die Rentnerin ist mit diesem Problem nicht allein. Bei einer Vielzahl von Medikamenten können die Apotheker keinen Nachschub beschaffen. Für Pharmazeut Christopher Hummel ist das mittlerweile Alltag. Er besitzt Apotheken in Gaißach und Bad Heilbrunn und ist Sprecher der Apotheker im Landkreis. In Gaißach hat er ein Warenlager mit all jenen Präparaten, die bei ihm häufig über die Ladentheke gehen. „Die Defektliste“ – also die Produkte, die fehlen und nicht nachbestellbar sind – „umfasst mittlerweile über 60 Artikel.“ Selbst ein Klassiker wie das Schmerzmittel Ibuprofen sei „zurzeit ganz schwierig zu bekommen“.

Video: Medikamente werden in ganz Deutschland immer knapper

Apotheken in und um Bad Tölz ratlos - Arzt warnt vor Folgen

Das Problem alarmiert auch den Tölzer Psychiater Dr. Arnold Torhorst. Speziell im vergangenen halben Jahr habe sich die Lage extrem zugespitzt, sagt er und schimpft: „Das ist eine echte Katastrophe, eine Menschenrechtsverletzung.“

Mehrere 100 seiner Patienten seien betroffen, weil sie ein bestimmtes hochwirksames, gut verträgliches und gut dosierbares Antidepressivum nicht mehr bekommen. „Es geht hier um Menschen mit schweren Depressionen. Sie sind teils seit 20, 30 Jahren auf dieses Medikament eingestellt, und dadurch geht es ihnen blendend.“

So einen Fall kennt auch Iris Maurus von sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas im Landkreis. Sie betreut unter anderem eine Frau aus der Region, die Anfang 30 ist und seit drei Jahren Venlafaxin nimmt. „Damit kann sie ihren Alltag gut bewältigen und sogar arbeiten gehen.“ Jetzt müsse ihre Medikation umgestellt werden. „Es verunsichert sie unheimlich, sie fragt sich, ob sie so stabil bleiben kann“, sagt Maurus. „Dabei ist es doch per se schon schlimm genug, wenn man psychisch erkrankt ist.“

Medikamenten-Notstand in Bad Tölz - Psychiater warnt vor lebensgefährlichen Folgen

Torhorst spricht sogar von möglichen „lebensgefährlichen Folgen“, wenn Patienten ihr bewährtes Medikament nicht bekommen. Bei psychisch Kranken dauere es oft lange, bis sie auf das richtige Präparat in der passenden Dosierung eingestellt seien. Auf Ersatz auszuweichen, sei da alles andere als einfach.

Apothekensprecher: „Patienten sind zu Recht verärgert oder einfach nur hilflos“

Dementsprechend blickte auch Apotheker Hummel schon in so manch ratloses und verzweifeltes Gesicht. „Die Patienten sind zu Recht verärgert oder einfach nur hilflos“, sagt er. Im Einzelfall könne er sich mit Kollegen vernetzen und herausfinden, ob einer von ihnen das gesuchte Produkt noch auf Lager hat. Manche Patienten würden auch selbst alle Apotheken im Umkreis abtelefonieren. „Oft ist es aber hoffnungslos.“ Hummel ist frustriert: „Wir können die Patienten nicht versorgen, wie es nötig ist. Und das in einem entwickelten Land wie Deutschland.“

Der Hauptgrund für die Medikamenten-Engpässe ist nach Meinung des Apothekers im System der Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern zu suchen. Sprich: Die Krankenkasse bezahlt ein Medikament mit einem bestimmten Wirkstoff nur dann, wenn es vom günstigsten Hersteller kommt.

In diesem Preis-Wettlauf hätten alle Pharmakonzerne ihre Produktion nach Asien verlegt. Dort aber, so meint Hummel, komme es wegen mangelnder Qualitätsnormen oder auch wegen der langen Transportwege der Rohstoffe per Schiff immer wieder zu Ausfällen. „Wenn nur ein Wirkstoff, ein Hilfsstoff oder ein Füllmittel fehlt, kann ein Medikament nicht mehr hergestellt werden.“

Medikamenten-Notstand im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen - liegt‘s am Brexit

Eine weitere verbreitete Theorie sei, dass der Großhandel vorhandene Medikamente lieber in Länder ausliefere, in denen die Preise höher seien, um mehr zu verdienen. „Es wird auch viel nach England geschippert.“ Weil man dort wegen des Brexits ein Versorgungsproblem erwarte, würden vorsorglich Medikamente gebunkert. „Das wird ihnen zwar keiner offiziell bestätigen“, meint Hummel. Es seien aber wohl Faktoren, die mit hineinspielen.

Torhorst sieht jetzt vor allem die Krankenkassen in der Verantwortung. „Sie sind verpflichtet, für eine wirtschaftliche und notwendige Behandlung zu sorgen.“

Gertrud S. hat beim ersten Rezept vor einigen Monaten noch eine Packung Venlafaxin bekommen. Ihr langjähriger Apotheker habe es „mit allen Mühen geschafft“, noch etwas aufzutreiben. Sollte sie jetzt für ihr Folgerezept nicht das Benötigte erhalten, will sie sich das vom Apotheker schriftlich bestätigen lassen und bei der Krankenkasse die Kostenübernahme für ein alternatives Präparat einfordern. Das kostet allerdings 250 Euro pro Packung. Dass sie überhaupt solche Wege beschreiten muss, findet die 81-Jährige „indiskutabel. Ich habe keine Worte dafür.“

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