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Auf der Schlösslwiese an der Tölzer Schützenstraße nimmt eine neue Wohnanlage Formen an. Hier möchte nach Fertigstellung im Winter eine Hausgemeinschaft des Fördervereins Mehrgenerationenhaus einziehen. Investor Hubert Hörmann stellte Interessenten den Grundriss vor.

Tölzer Schlösslwiese

Mehrgenerationenwohnen: Gut aufgehoben in der Gemeinschaft

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Der Verein Mehrgenerationenhaus fiebert der Umsetzung eines alternativen Wohnkonzepts auf der Schlösslwiese entgegen.

Bad Tölz– Alternative Wohnformen im Alter: Geredet wird darüber im Landkreis schon länger, und der demografische Wandel macht sie dringend nötig. Nun geht es in Bad Tölz zum ersten Mal von der Theorie in die Praxis über. Voraussichtlich zum Jahreswechsel ist ein Wohnhaus auf der Schlösslwiese fertig, in dem für den „Förderverein Mehrgenerationenhaus“ 15 Mietwohnungen reserviert sind. Hier soll sich eine Hausgemeinschaft niederlassen – nach dem Motto: Jeder für sich und doch nicht einsam.

„Ich fiebere schon richtig darauf hin“, sagt Jutta Liebl. Bei der 68-Jährigen laufen im Verein die Fäden in Bezug auf das Tölzer Wohnprojekt zusammen – und auch sie selbst will unbedingt mit einziehen. „Ich möchte selbstständig leben, aber nicht allein sein“, erklärt sie ihre Motivation. Sie selbst ist geschieden, hat zwei erwachsene Kinder, die in München beziehungsweise Großweil leben.

Die Wohnanlage auf der Schlösslwiese soll im Winter bezugsfertig sein.

Interesse am Mehrgenerationenwohnen besteht offenbar: Bei einer Hausbesichtigung finden sich rund 40 Personen auf der jetzigen Baustelle ein. Mit dabei ist auch eine 73-jährige Tölzerin, „Single“, wie sie selbst sagt. Für sie steht ebenfalls fest, dass sie sich hier niederlässt. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, damit ihr jetziger Vermieter nicht aus der Presse von ihren Umzugsplänen erfährt. „Von meiner Großmutter her kenne ich noch das Leben in der Großfamilie“, sagt sie. Das gebe es so heute kaum mehr – schon gar nicht in der Stadt, wenn, dann noch auf Bauernhöfen, wo die Älteren im Austrag auf dem Anwesen und trotzdem für sich wohnen.

Etwas Entsprechendes erhofft sie sich jetzt vom Mehrgenerationenwohnen: „Die Tür zumachen, wenn ich es möchte, und wenn ich Gesellschaft haben möchte, kann ich andere fragen.“ Es soll der Spagat gelingen zwischen Wahrung der Privatsphäre und der Vermeidung von Anonymität. „Wenn hier jemand zwei Tage die Wohnung nicht verlässt, fällt das den anderen auf“, sagt die 73-Jährige.

Gegenseitige Hilfe im Alltag oder gemeinsame Freizeitaktivitäten: „Hier kommt es auf die Gemeinschaft an“, sagt Liebl. Eine andere 68-jährige Mietinteressentin hat schon viele Ideen, wie das konkret aussehen könnte: morgens vielleicht eine Nordic-Walking-Tour mit Gleichgesinnten, hin und wieder eine Wanderung oder Tai-Chi-Training, gemeinschaftlich einen Kräutergarten pflegen und sich um die Vögel kümmern: All das sei denkbar. „Ich könnte Mathe-Nachhilfe geben oder Senioren in Sachen Internet helfen“, sagt sie.

Vieles könne man allein unternehmen – doch zusammen mit anderen mache es eben mehr Freude. „In unserer Gesellschaft will sich jeder abschotten. Ich, ich, ich, das ist alles, was wichtig ist. Auf andere Rücksicht nehmen will keiner. Aber dadurch gehen so viele Möglichkeiten verloren.“ Sie selbst wolle jetzt, mit 68, in eine Wohnform wechseln, in der sie möglichst lange selbstbestimmt leben kann. „Man sollte so etwas rechtzeitig bedenken. Denn wenn man erst pflegebedürftig ist, ist es wahrscheinlich zu spät. Dann kann man in die Gemeinschaft selbst nicht mehr viel einbringen und sich schlechter integrieren.“

Doch das Wohnprojekt ist keineswegs nur für die ältere Generation gedacht. Die Initiatoren wünschen sich eine Mischung von Jung und Alt. An jüngeren Interessenten mangelt es aber bisher. „Viele haben Angst, dass sie dann die Senioren pflegen müssten“, sagt Liebl. „Aber darum geht es gar nicht.“ Vielmehr könnten junge Familien profitieren, weil die Älteren gerne zur Betreuung oder Hausaufgabenhilfe einspringen.

Bei der Hausbesichtigung ist ein 38-jährige Tölzerin mit ihrem Baby auf dem Arm so ziemlich die einzige Vertreterin der jüngeren Generation. „In Tölz ist es für junge Familien sehr, sehr schwierig, eine passende, gut geschnittene Wohnung zu finden“, sagt sie. „Die Wohnungen sind gefühlt meist eher auf Rentner ausgelegt“, sagt sie. Nun hofft sie, in der neuen Anlage eine Dreieinhalbzimmer-Wohnung zu finden. Auch mit der Idee der Hausgemeinschaft könnte sie sich „theoretisch“ anfreunden, sagt sie. „Nachbarn hat man schließlich überall.“

Daten und Fakten zum Wohnprojekt

  • Untergebracht ist das Projekt in einer Wohnanlage, die Investor Hubert Hörmann derzeit an der Tölzer Schützenstraße errichtet. Vorgesehen sind zwei Häuser, die so zueinander stehen, dass sie einen gemeinsamen Innenhof bilden, der zu einem wichtigen Ort der Gemeinschaft werden soll. 
  • In den Häusern wird es jeweils 30 Wohnungen geben, die alle vermietet werden. In einem der Häuser, das bereits als Rohbau steht, sind 15 Wohnungen fürs Mehrgenartionenwohnen reserviert. In dem Haus wird außerdem auf 270 Quadratmetern eine Tagespflege untergebracht sein. 
  • Das zweite Haus, in dem alle Wohnungen frei vermietet werden, soll laut Hörmann ab Januar 2018 gebaut werden. Die Mehrgenerationen-Gemeinschaft ist auch für diese Bewohner offen. 
  • Eine Wohnung wird gemeinschaftlich angemietet. Sie soll als Treffpunkt und/oder Schlafplatz für Gäste zur Verfügung stehen. -Erster Schritt zur Teilnahme am Wohnprojekt ist ein gegenseitiges Kennenlernen zwischen dem Interessenten und der Gemeinschaft in regelmäßigen Treffen über zwei bis drei Monate. 
  • Wird es dann konkret, kann der Interessent die Aufnahme in die Hausgemeinschaft beantragen. Er muss dazu Mitglied im Förderverein werden. 
  • Den Mietvertrag schließt jeder einzeln mit dem Vermieter ab. Die Kaltmiete liegt bei etwa 11,50 Euro pro Quadratmeter. 
  • An die Hausgemeinschaft wird eine Verbindlichkeitszahlung von 600 Euro fällig. -Infos und Kontakt: Jutta Liebl, Telefon 08841/489844, E-Mail-Adresse: foerderverein.mgh@web.de

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