Besondere Konzertreihe: Das Ehepaar Christoph und Susanne Kessler mit der stellvertretenden Kurdirektorin Susanne Frey-Allgaier, hier bei der Vorstellung von„quartettissimo!“.
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Besondere Konzertreihe: Das Ehepaar Christoph und Susanne Kessler mit der stellvertretenden Kurdirektorin Susanne Frey-Allgaier, hier bei der Vorstellung von„quartettissimo!“.

Serie „Wie geht‘s“

Kultur-Veranstalter Christoph Kessler will in der Corona-Zeit nicht aufgeben: „Meine Liebe zur Musik ist größer“

In der Reihe „Wie geht‘s“ frägt der Tölzer Kurier Menschen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen, wie sie die Corona-Zeit erleben und vor welchen Herausforderungen sie stehen. Heute: Christoph Kessler, der zusammen mit seiner Frau Susanne die Klassik-Reihe „Quartettissimo“ veranstaltet.

Bad Tölz – Am 23. November 2018 fand das „Quartettissimo“-Eröffnungskonzert im Tölzer Kurhaus statt. Initiiert und organisiert wird dieses Projekt von Susanne und Christoph Kessler. Ihr Anliegen ist, klassische Musik, insbesondere Streichquartett-Musik, in all ihrer Schönheit im gesamten Oberland bekannt zu machen. Auf Bad Tölz fiel die Wahl, weil die dortige Tourist-Info, insbesondere die stellvertretende Kurdirektorin Susanne Frey-Allgaier, aber auch deren gesamtes Team, das Vorhaben nach Kräften unterstützen.

Dass Tölz mit dem Kurhaus einen hervorragenden Konzertsaal mit außergewöhnlicher Akustik und wunderbarem Ambiente zu bieten hat, kam hinzu. Denn hier ist auch der Bayerische Rundfunk gerne bereit, Konzerte mitzuschneiden. Und erste Anfragen, in der wunderbaren Akustik CD-Produktionen zu machen, sind auch schon bei Christoph Kessler eingegangen.

Wie ist Ihre Reihe vom Tölzer Publikum angenommen worden, ehe sie das Virus ausbremste, Herr Kessler?

Im Jahr 2020 konnte lediglich ein einziges Konzert stattfinden, zu dem 320 Zuhörer gekommen sind. Auch bei den Konzerten davor hatten wir jeweils zwischen 200 und 300 Besucher – aus dem Stand heraus. Dies war fantastisch! Wir haben uns über den regen Publikumszuspruch sehr gefreut. Es machte uns auch Mut, international führende Streichquartette einzuladen, mit all den damit verbundenen Kosten. Und dann mussten wir alle weiteren Konzerte absagen: Brentano String Quartet aus den USA im März, Esmè Quartet aus Süd Korea sowie Jerusalem Quartet aus Israel im November und Armida Quartet aus Berlin im Dezember. Auch das für Januar 2021 geplante Konzert mit dem Quartetto di Cremona aus Italien musste ausfallen. Aber unser Publikum ist sehr verständig und unterstützt uns. Es kommen Dankesschreiben dafür, dass wir nicht aufgeben. Für diesen Zuspruch sind wir sehr dankbar; dies macht uns Mut, nicht die Flinte ins Korn zu werfen.

Kam bei Ihnen dennoch einmal der Gedanke auf, einfach aufzugeben?

Ja. Ich bin mit fast 72 Jahren gesundheitlich mit einer Reihe von Stents etwas angeschlagen. Deshalb konnte ich– nach fast 30-jährigem Einsatz für die Klassikszene in Wolfratshausen, Icking und jetzt in Bad Tölz – die Ickinger Reihe mit jährlich 11 bis 12 Konzerten nicht weitermachen. Aber meine Liebe zur Musik ist größer, Musik ist mein Leben. Ich möchte niemals aufgeben, musste meinen Einsatz aber reduzieren. Daher suchte ich gemeinsam mit meiner Frau Susanne und unserem Schatzmeister Ulrich Nießen nach einer kleineren Veranstaltungsform mit jährlich nur drei Konzerten im Winterhalbjahr. Die derzeitige Situation mit all den Neu- und Umplanungen bis in den Frühsommer hinein geht an meine Substanz. Immer diese Ungewissheit, so viel Aufregung... Aber jüngst hörte ich Mozarts langsamen Satz aus seinem Klarinettenkonzert: Wie soll ich bei solch wunderbarer Musik aufhören, dafür zu kämpfen, Mozarts Klarinettenquintett mit dem Quartetto di Cremona und dem Klarinettisten David Orlowsky aufzuführen? Gestern habe ich die neuen Verträge für den 7. April 2021 für das Quartett und den Klarinettisten an die Agentur geschickt, so auch die anderen für alle verschobenen Konzerte. Das beruhigt wieder und verhindert weitere Stents.

Wie beurteilen Sie den Umgang der politischen Entscheidungsträger mit den Kulturschaffenden in der Krise?

Viele der Entscheidungsträger sind Politiker, die offenbar weniger Bezug zur Musik haben. Allein schon die Tatsache, dass Konzerte, Oper und Theater als „Freizeitaktivitäten“ klassifiziert werden, spricht Bände. Dies verkennt das Wesentliche, das Maestro Riccardo Muti während des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker aus dem bedrückend leeren Saal des Wiener Musikvereins vor 50 zugeschalteten Nationen sprach: „Musik ist entscheidend als Menschen-verbindendes Lebenselixier zur besseren Lebensbewältigung und zum geistigen Austausch jenseits von ‚Freizeitaktivitäten’. Dies kann auf die Dauer nicht wegfallen, sondern muss seitens der Politik und Gesellschaft als ‚systemrelevant’ unterstützt werden.“ Dem kann ich mich nur anschließen. Fußball mag vor leeren Rängen für kommerzielles TV stattfinden können, nicht jedoch Musik, gespielt von und für Menschen, die sich gegenseitig bedingen und begegnen.

Sie haben kürzlich einige dieser Entscheidungsträger persönlich angeschrieben. Welche Antworten haben Sie erhalten?

Meine Schreiben an die Politiker Merkel, Braun, Grütters, Söder, Sibler, Huml, Piazolo verpufften leider. Es war enttäuschend. Lediglich zwei Rückmeldungen kamen: Auf meinen ersten Offenen Brief vom bayerischen Ministerium für Unterricht und Kultur, dass sie nicht zuständig seien, und auf den zweiten von der bayerischen Staatskanzlei, dass Unterstützungsprogramme für Kunst und Kultur aufgelegt worden seien.

Hat sich in der Krise vielleicht auch etwas Positives entwickelt?

Positiv wäre, wenn vielen Menschen bewusst wird, wie wichtig Kultur für unser Leben ist. Nicht umsonst hat Kultur gerade in Europa in vielen Jahrhunderten Außergewöhnliches hervorgebracht, es gehört zu unserer europäischen „DNA“. Daher auch die Verankerung der Kultur in unserer Verfassung. Beim Fehlen von kulturellen Veranstaltungen merkt man schnell, wie diese unser Leben täglich bereichern könnten und wie viele Begegnungen damit verbunden wären.

Wie sieht Ihre Konzertplanung für 2021 aus?

Wir hoffen, dass Veranstaltungen nach Ostern wieder möglich sind. Daher haben wir alle ausgefallenen Konzerte gebündelt und werden diese zwischen dem 6. und 18. April im Rahmen des neuen Festivals „Tölzer Klassik-Gipfel – ein Feuerwerk der Musik“ präsentieren. Wir erwarten das französische Quatuor Modigliani, das italienische Quartetto di Cremona, das Marmen Quartet aus London und das Quatuor Van Kuijk aus Paris. Zwei dieser Konzerte wird der Bayerische Rundfunk mitschneiden. Am 25. Mai holen wir zusätzlich das Konzert mit dem Brentano String Quartet aus New York nach. Im Herbst hoffen wir, in wieder „normalen“ Zeiten, die länger geplanten Konzerte der Saison 2021/22 regulär anbieten zu können.

Ihr ganz persönliches Fazit des Jahres 2020 – und Ihr Ausblick auf 2021?

Im vergangenen Jahr mussten wir alle viel Geduld aufbringen und zurückstecken; es gab eine Menge Zeit, über vieles nachzudenken. Es gab aber auch Tröstliches: wie etwa Schönheiten in der Natur stärker wahrzunehmen, neu zu erleben und wertzuschätzen. Wenn man nicht immer wieder zu schnell die Beschränkungen gelockert hätte, wären wir in der Bekämpfung der Pandemie sicherlich schon weiter. Daher wünsche ich mir, dass die derzeitigen Beschränkungen in gegenseitiger Solidarität so lange vertieft durchgehalten werden, damit es wirklich zu der notwendigen starken Absenkung der derzeit dramatischen Infektionszahlen und der erschreckend vielen täglich Sterbenden führt. Sodass Künstler wieder Auftrittsmöglichkeiten haben und die Lebensfreude von uns allen wieder zunimmt, auch durch den Besuch von Konzerten und Theateraufführungen.

Lesen Sie auch in dieser Reihe:
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