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Groß genug, dass sich Obermeister Josef Oswald hineinlegen kann, ist diese Chilischote aus Holz – ein Blickfang in der Ausstellung, die noch bis Ende Juni im Stadtmuseum läuft.

Schreiner-Innung wird 100

Im Tölzer Stadtmuseum gibt es eine Riesen-Chilischote zu sehen - und noch mehr Meisterwerke aus Holz

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Tölz war früher eine Schreiner-Hochburg? Prinzessinnen ließen hier die Wiegen für ihren Nachwuchs bauen? Im Tölzer Stadtmuseum gibt es dazu jetzt eine sehenswerte Ausstellung.

Bad Tölz – Wer derzeit das Tölzer Stadtmuseum besucht, der stolpert über einige außergewöhnliche Ausstellungsstücke. So zum Beispiel den Nachbau einer aufgeschnittenen Chilischote aus Ahornholz, die mit Wachs überzogen ist. Die Chilischote ist so groß, dass sich ein Erwachsener problemlos hineinlegen kann.

Die Schote ist Teil einer Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen der Schreinerinnung Bad Tölz-Miesbach-Weilheim. Hergestellt hat sie Schreiner Sepp Öttl. Es handelte sich um einen Beitrag für einen Wettbewerb, in dem es um heimisches Holz ging. Die Chilischote ist aber längst nicht das einzige bemerkenswerte Ausstellungsstück, das Obermeister Josef Oswald in mühsamer Kleinarbeit zusammengetragen hat. Ein Teil stammt auch aus dem Archiv des Stadtmuseums. Etwa die Handwerksordnung der Tölzer Kistler aus dem Jahr 1603, unterschrieben vom Herzog von Bayern. Oder die kunstvoll verzierte Zunfttruhe der Tölzer Kistler aus dem Jahr 1731.

Nicht alltäglich sind darüber hinaus ein Auftragsbuch aus dem Jahr 1880 und eine Sammlung von zwei Dutzend Hobeln, die der 2017 verstorbene Schreinermeister Walter Schulmeister der Innung vererbt hat.

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Museumsleiterin Elisabeth Hinterstocker empfahl der Innung, nicht nur historische Gegenstände auszustellen, sondern auch aufzuzeigen, zu welchen Leistungen die Schreiner in der Lage sind. Und so sind auch Übungsstücke aus der Berufs-Grundschule ausgestellt oder ein Schrank, mit dem Christian Kiesel 2018 den Wettbewerb „Die gute Form“ gewann. Noch komplexer ist ein Barschrank aus Bambus, Peter Leiningers Meisterstück. Oder ein Schaukelstuhl, mit dem Florian Meigel 2017 an der Deutschen Meisterschaft teilnahm.

Schreiner-Hochburg Bad Tölz: Innung feiert 100-jähriges Bestehen

In einem Grußwort mahnte bei der Eröffnung der scheidende Obermeister Martin Heimgreiter: „Wir dürfen uns nicht ducken und verstecken.“ Leider würden einige Betriebe die Ausbildung vernachlässigen, „das fängt bei den Praktikanten an“.

Im Tölzer Kurier könne man nachlesen, was in Bad Tölz vor 100 Jahren los war, sagte Obermeister Josef Oswald in seiner Festrede. Der 1. Weltkrieg war verloren, der König weg, es habe keine Stabilität gegeben und bewaffnete Arbeiterräte hätten die kommunalen Verwaltungen übernommen. In diesen unsicheren Zeiten hätten sich 30 Kollegen im Amtsbezirk Tölz am 28. Juni 1919 zur freien Schreinerinnung zusammengeschlossen: „Vermutlich war es der Wunsch nach Stabilität und Ordnung, der unsere Kollegen damals antrieb“, mutmaßte Oswald.

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Elisabeth Hinterstocker berichtete, dass Tölz, Weilheim und Miesbach im 16. Jahrhundert Schreiner-Hochburgen gewesen seien. Alleine in Tölz arbeiteten 16 Schreinermeister, die „allerhöchste Kunst“ produzierten. Beispielsweise fertigten sie die Kunst- und Wunderkammer auf Schloss Ambras in Innsbruck an. Wenn in Innsbruck eine Prinzessin ein Baby zur Welt gebracht hat, kam die Wiege selbstverständlich aus Tölz. Ebenso erstellten die Tölzer das Chorgestühl in Straubing und den Altaraufbau in Polling.

Heutzutage finde man Werke der Tölzer Schreiner auch im Metropolitan Museum in New York. In der Barockzeit seien die Tölzer Schreiner allmählich durch die Weilheimer Schreiner auf der Spitzenposition abgelöst worden. Für die Zukunft empfahl Hinterstocker: „Was vor 300 Jahren gut war, ist immer noch gut. Wenn die Proportionen stimmen, ist es nicht nur eine Mode.“  

pr

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