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Auf akustische Signale angewiesen: Norbert Pollmann. 

Menschen mit Sehbehinderung

Ampeln, die man hören kann

Bad Tölz –  Bei Rot stehen, bei Grün gehen: Diese Regel kennt jedes Kind. Blinde jedoch sind an Ampeln auf akustische Signale angewiesen, um sicher auf die andere Straßenseite zu kommen. In Tölz sind jedoch längst nicht alle Ampeln mit dieser Technik ausgestattet.

Eine Straße zu überqueren, kann für Norbert Pollmann lebensgefährlich werden – trotz Ampel. Der 57-jährige ist aufgrund einer Krankheit vor elf Jahren erblindet und muss seitdem seinen Alltag ganz anders organisieren. „Jeder Gang und jeder Schritt muss gut überlegt sein, man ist eigentlich ständig am Rotieren.“ Trotzdem ist Pollmann viel zu Fuß unterwegs. Umso wichtiger sind für ihn akustische oder vibrierende Signale an Ampeln oder Markierungen auf dem Boden, an denen er sich mit seinem Taststock orientieren kann. „Davon gibt es in Tölz überhaupt keine“, moniert der Bad Heilbrunner. Verständnis hat Pollmann dafür nicht. Denn: „Tölz ist eine Kur- und Urlaubsstadt. Es kommen viele Gäste, da sollte man ein Ohr für solche Belange haben.“

Konkret bemängelt er die Ampeln am Haupttor der Flinthöhe und auf Höhe des Maxlweihers. „Dort oben ist das Behördenzentrum und viele Ärzte, das ist ein wichtiger Stadtteil.“ Nicht genug, dass an den Ampeln über die Bundesstraße ein Blindensignal fehlt; an der Abzweigung Maxlweiher, die die Fahrzeuge rechts in Richtung Gaißach lenkt, ist überhaupt keine Ampel. „Da ist man auf fremde Hilfe oder auf den Instinkt angewiesen,“ sagt Pollmann.

„Wir sind dran“, versichert Christine Volkmer vom Straßenbauamt Weilheim, das für die Belange der Bundesstraße zuständig ist. „Es wurde schon festgestellt, dass es bei der aktuellen Verkehrssituation dort Optimierungspotenzial gibt, um den Verkehrsfluss besser zu regulieren.“ Aktuell werde überprüft, ob die bestehende Ampelanlage noch umprogrammiert werden kann oder ob man eine komplett neue Anlage braucht. Sollte das der Fall sein, gebe es eine pflichtgemäße Ausschreibung. „Im Zuge dessen wird mit Sicherheit auch die Blindentauglichkeit der Ampeln angesprochen,“ versichert Volkmer.

Allerdings müsse man hier in Absprache mit der Kommune agieren, denn es sei deren Sache, wichtige Markierungen auf dem Gehweg anzubringen, die die Sehbehinderten überhaupt auf eine Überquerungsmöglichkeit hinweisen. Allerdings ist zu befürchten, dass das alles nicht in allzu naher Zukunft passieren wird: Ausschreibungen dauern eben ihre Zeit. „Aber nächstes Jahr könnte es soweit sein,“ vermutet Volkmer. Daran glaubt Norbert Pollmann allerdings nicht. Bereits 2005 habe er die zuständigen Behörden auf die genannten Mißstände aufmerksam gemacht – und bekam schon damals dieselbe Antwort.

Nach Meinung von Alexander Schindler seien Markierungen auf dem Gehweg nicht erforderlich und in Tölz kaum durchführbar. „Man muss ermitteln, ob Bedarf besteht“, sagt der Leiter des Straßenverkehrsamts. Bislang habe er noch keine weiteren Anfragen erhalten. „Aber schließlich haben wir im Stadtgebiet schon etliches umgerüstet. Und man sollte natürlich auch auf die Bedürfnisse von anderen schauen“, sagt Schindler mit Blick auf Gehbehinderte oder Senioren. Immerhin lägen allein die Kosten für die Umrüstung der Ampeln „im fünfstelligen Bereich“. Er empfiehlt Pollmann, mit dem Stadtbus vom Bahnhof zum Behördenzentrum zu fahren. „Man muss ja nicht zu Fuß gehen.“

Ralph Seifert, Behindertenbeauftragter des Landkreises, verweist dagegen auf Benediktbeuern: Dort werden die Ampeln an der Hauptstraße nun auch mit einem Blindensignal ausgestattet. Der Antrag „ging wirklich schnell durch“, und die Geräte seien vor drei oder vier Wochen bestellt worden. Seifert will sich nun des von Pollmann monierten Themas annehmen. „Das ist manchmal schon ein Dschungel, bis man alle Kriterien erfüllt hat,“ sagt er. Doch immerhin: Das Beispiel Benediktbeuern zeigt, dass durchaus ein Weg hindurch führen kann.

Ines Gokus

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