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Die deutsch-türkischen Beziehungen durchlaufen aktuell eine Krise. 

Wie Tölzer Türken die aktuellen Spannungen sehen

„Merkel und Erdogan sollten Kaffee trinken“

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Auf politischer Ebene sind die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland angespannt wie selten zuvor – und das wirkt sich auch im Alltagsleben vor Ort aus. In Bad Tölz lebende Türken wünschen sich nichts mehr, als dass sich die diplomatischen Beziehungen wieder entspannen – auch wenn offenbar eine Mehrheit hinter Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan steht.

Bad Tölz– „Mein größter Wunsch wäre, dass sich Merkel und Erdogan auf einen Kaffee oder Tee zusammensetzen und in Ruhe miteinander sprechen“, sagt Döne Tasdelen. Wenn es nach der in Tölz lebenden Türkin ginge, sollte die Kanzlerin dem Präsidenten bei dieser Gelegenheit sagen: „Deine Politik hat bei uns nichts zu suchen – und wir werden Dich nicht mehr als Diktator darstellen.“ Letzterer Vorwurf ist aus Tasdelens Sicht genauso unberechtigt wie Erdogans Nazi-Vergleiche. Schlimm findet die 35-Jährige an all den gegenseitigen Beschuldigungen, dass dadurch die Menschen gegeneinander aufgehetzt würden. „Das geht in eine Richtung, die nicht gut ist.“ So sei kürzlich ihre achtjährige Tochter ganz traurig aus der Schule gekommen: „Im Ethikunterricht hat einer ihrer Mitschüler gesagt: ,Der Islam ist doof.‘ Ich als Erwachsene kann mich mit meiner Bildung und meinem Mundwerk wehren. Aber für Kinder ist das schlimm.“ Es gebe ohnehin genug Vorurteile. Mit den politischen Differenzen hätten es die Türken in Deutschland nun noch schwerer.

Solche Befürchtungen hat auch Gazi Ygiter. Der Trainer des Tölzer Fußballvereins Genclikspor erlebt nach eigenen Angaben seit einigen Jahren, dass auf den Fußballplätzen ausländerfeindliche Beleidigungen zunehmen. „Ich fürchte, dass sich das jetzt noch verschlimmert“, sagt der 37-Jährige. Wenn Politiker die Türkei schlecht darstellen, dann könnten sich auch latent ausländerfeindliche Bürger ermutigt fühlen, ihre Ressentiments offen auszusprechen.

Inhaltlich steht Ygiter ganz hinter Erdogan. Die Türkei bezeichnet er als „Heimatland“ – obwohl er in Bad Tölz geboren ist. „Ich bin hier aufgewachsen, arbeite seit 20 Jahren hier – und trotzdem wird man nie ganz anerkannt“, erklärt er. „Irgendwann gibt man auf. Man kann nicht sein Leben lang darum kämpfen, sich zu beweisen.“

Dass „95 bis 99 Prozent“ der Tölzer Türken Befürworter der türkischen Regierung seien, wertet Ali Cukur als Zeichen von gescheiterter Integration. „Es ist eine psychische Sache. Die Türkei stand in Europa lange auf verlorenem Posten. Und als Türke in Deutschland sind viele nie in Discos reingelassen worden, hatten keine Erfolge und das Gefühl, nichts wert zu sein.“ Wenn Erdogan jetzt die Größe der Türkei betone und Deutschland die Meinung sage, „dann ist es das, was sich die türkische Bevölkerung den Deutschen lange nicht zu sagen traute“.

Integration habe zwei Seiten, betont Cukur. „Die eine Frage ist, ob einer rein will – die andere, ob er reingelassen wird.“ Cukur selbst lebt in München, ist im Tölzer Land aber stark in verschiedenen Integrationsprojekten engagiert, etwa beim Box-Training an der Lettenholzschule. Speziell in Bad Tölz beklagt er die anhaltende „Ghettoisierung“ der türkischen Bevölkerung im Wohnviertel General-Patton-Straße/Lettenholz.

Bei allen Erklärungsansätzen: Zu rechtfertigen ist es für Cukur nicht, dass viele Türken Erdogan und dessen „antidemokratische Regierung“ unterstützen. „Es ist eine Frechheit, dass Erdogan der deutschen Politik Nazi-Methoden vorwirft. Das trifft eher auf ihn selbst zu.“

Erdogan-Gegner? Die gebe es unter den Tölzer Türken so gut wie gar nicht, glaubt auch Gazi Ygiter. Das sieht Fatih Simsek anders. Er ist Vorsitzender von Genclikspor und hat den Eindruck, dass es etwa gleich viele Sympathisanten wie Kritiker Erdogans gebe. Er selbst beispielsweise werde beim anstehenden Verfassungs-Referendum mit Nein stimmen. „Ich war früher Erdogan-Anhänger, weil er gut gearbeitet hat. Aber er ist ganz anders geworden, er fühlt sich als König oder Sultan.“ Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sieht Simsek in der Türkei gefährdet.

Auch Simsek spricht von der Türkei als seiner „Heimat“. Doch im nächsten Satz betont er auch: „Deutschland ist unser Land, hier sind unsere Kinder geboren. Mir ist wichtig, dass sie Deutsch sprechen und zur deutschen Gesellschaft gehören.“ In jedem Fall ist ihm vor allem eines wichtig: dass „seine“ beiden Länder „immer ein freundliches Verhältnis“ haben. Und auch Döne Tasdelen betont: „Wir dürfen nicht vergessen, dass beide Länder immer eng verbunden bleiben werden – ganz egal, was passiert.“

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