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Wohnungssuche als riesige Herausforderung: Faris Kudaida (re.), seine Frau Aran Jamo Kheder sowie ihre Kinder (v. li.) Dlvan, Khaled und Dalal möchten und müssen aus ihrer Tölzer Asylunterkunft ausziehen, finden aber nichts Geeignetes. 

Mietmarkt

Schwere Zeiten für Wohnungssuchende

Bad Tölz – Wohnung, verzweifelt gesucht: Wer im Landkreis eine neue Bleibe braucht, steht vor großen Problemen – speziell, wenn das Budget begrenzt ist. Dass bezahlbarer Wohnraum extrem knapp ist, bekommen einige Gruppen besonders hart zu spüren. Dazu zählen Alleinerziehende und anerkannte Asylbewerber.

Manuela Daglinger ist der Verzweiflung nahe. Die alleinerziehende Mutter braucht dringend eine Wohnung für sich und ihre Kinder Patrick (12) und Simone (5). Bis 31. Juli muss eine Lösung her, sonst, so fürchtet die 41-Jährige, steht die kleine Familie bald auf der Straße.

Alles begann damit, dass Daglinger ihren alten Wohnort Laufen verlassen wollte – „zu viele schlechte Erinnerungen“, sagt die Verkäuferin. Ihren Arbeitgeber, eine Supermarkt-Kette, bat sie um Versetzung und bekam eine Stelle im Vomp/Tirol. „Auf die Schnelle habe ich nicht gewusst wohin, da ist mir mein Bekannter in Bad Tölz eingefallen“, berichtet sie. Der nahm Manuela Daglinger auf, schläft nun selbst auf der Wohnzimmer-Couch, während die dreiköpfige Familie das Schlafzimmer bewohnt.

Eine Dauerlösung ist das ohnehin nicht. Doch nun hat sich auch noch der Vermieter zu Wort gemeldet: Die 46-Quadratmeter-Wohnung sei mit vier Personen überbelegt, „Feuchtigkeitsschäden beziehungsweise Schimmel sind vorprogrammiert“, heißt es in einem Schreiben. Man werde diesen Zustand lediglich bis 31. Juli dulden.

„Ich schaue jeden Tag ins Internet“, sagt Daglinger. Eine Drei-Zimmer-Wohnung bräuchte sie. „Wenn eine Küche drin ist, bin ich nicht böse.“ In Bad Tölz und Umgebung möchte sie gerne bleiben, um den Kindern eine weitere große Umstellung zu ersparen. Doch alle Angebote, die sie entdeckt, haben einen Mietpreis von 700 bis 900 Euro – viel zu viel für die Verkäuferin, die nur 20 Stunden pro Woche arbeitet.

Den örtlichen Baugenossenschaften ist sie beigetreten – doch ihr wurde gesagt, dass sie sich auf eine Wartezeit von bis zu zwei Jahren einstellen müsse. Beim Tölzer Sozialamt hat Daglinger einen Wohnberechtigungsschein beantragt, mit dem sie eine Sozialwohnung beziehen könnte. Traurig zeigt sie einen Brief der Behörde: „Vorsorglich möchten wir Sie auf die äußerst schlechte Verfügbarkeit von Sozialwohnungen im Landkreis aufmerksam machen“, steht da. „Es ist daher mit sehr langen Wartezeiten zu rechnen.“

Weg in den fünften Stock ist für Mutter ein Martyrium

Kein Licht am Horizont bei der Wohnungssuche: Dasselbe gilt für die Familie Faris Kudaida. Sie gehört der religiösen Gruppe der Jesiden an. In ihrer Heimat, dem Norden des Irak, werden Jesiden vom „Islamischen Staat“ als „Ungläubige“ verfolgt, versklavt und ermordet. Nach und nach gelangten Vater Faris Kudaida (60), Mutter Airan Jamo Kheder (49) und ihre Kinder Dlvan (19), Khaled (16) und Dalal (14) nach Deutschland, stellten hier Antrag auf Asyl. Einige Familienmitglieder haben inzwischen eine Aufenthaltserlaubnis, während bei anderen das Verfahren noch läuft.

Die jetzige Wohnsituation ist beengt. Die Kudaidas teilen sich eine Fünf-Zimmer-Wohnung in Bad Tölz mit mal fünf, mal sechs weiteren Asylbewerbern. In der Wohnung ist es oft laut bis in die Nacht – keine guten Lernbedingungen für die Schüler Dalal, die gerne Krankenschwester werden möchte, und Khaled, der einmal Friseur werden will. Für die Mutter, die unter massiven Rücken- und Knieproblemen leidet, ist der Weg in den fünften Stock (ohne Lift) ein Martyrium.

Dlvan, der zunächst getrennt von der Familie in einer Asylbewerberunterkunft in Freilassing lebte, bewohnt zwar mittlerweile ein eigenes Zimmer in einem Tölzer Gästehaus. Aber das steht ihm nur für begrenzte Zeit zur Verfügung, und er möchte mit den anderen zusammenleben.

Die Kudaidas haben eine Sondererlaubnis des Landratsamts, in eine eigene Wohnung umzuziehen. Das Jobcenter würde die Miete übernehmen. Für fünf Personen bezahlt die Behörde eine Kaltmiete bis zu 693 Euro. Die Kudaidas wissen aber kaum, wo sie anfangen sollen zu suchen. Tochter Dalal ist diejenige in der Familie, die am besten Deutsch spricht. Sie durchkämmt immer wieder das Internet. Das einzige halbwegs passende Angebot, das sie in den vergangenen Monaten fand, war eine Vier-Zimmer-Wohnung in Bad Tölz – für 900 Euro. „Das Jobcenter hat gesagt, das ist zu teuer, das zahlen sie nicht.“

In eine ganz andere Region Deutschlands ziehen will die Familie nicht. Denn der älteste Sohn Delkosh (24) lebt in München, macht dort eine Malerausbildung. „Es wäre schön, in einem Ort mit S-Bahn-Anschluss zu wohnen, damit wir ihn besuchen können“, sagt Dalal. Diese Hoffnung geben die Kudaidas nicht auf.

Sehr kleine und sehr große Wohnungen sind die massivsten Probleme

Die Familien Daglinger und Kudaida stehen mit ihren massiven Problemen bei der Wohnungssuche alles andere als allein da. „Bei uns im Landkreis eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist sehr, sehr schwer für alle“, bestätigt Barbara Stärz von der Caritas-Beratungsstelle für Wohnungslose in Bad Tölz.

In den Asylbewerber-Unterkünften in Bad Tölz-Wolfratshausen leben aktuell 149 sogenannte Fehlbeleger, erklärt Jeffrey Pflanzer, der Fachbereichsleiter Asyl am Landratsamt. Dabei handelt es sich um Flüchtlinge, über deren Antrag schon positiv entschieden ist. „Rechtlich ist es so, dass wir diese Personen auffordern müssen, die Unterkunft innerhalb von sechs Wochen zu verlassen, und das tun wir auch“, so Pflanzer. Würde diese Anweisung aber strikt umgesetzt, stünden die meisten Betroffenen wohl auf der Straße. Für die Unterbringung von Obdachlosen wären die Städte und Gemeinden zuständig – könnten eine so große Zahl aber kaum bewältigen. „Deswegen lassen wir sie – abgesehen von Ausnahmefällen – als Entgegenkommen in unseren Unterkünften weiterwohnen“, sagt Pflanzer. So seien einige Flüchtlinge schon seit eineinhalb Jahren „Fehlbeleger“. Die Kosten erstatte nach aktuellem Stand die Regierung von Oberbayern. Freilich gebe es auch viele anerkannte Flüchtlinge, die die Quartiere des Landkreises verlassen. „Sie ziehen häufig in andere Regionen in Deutschland, oft zum Beispiel ins Ruhrgebiet oder nach Hannover.“

Wer wie die Kudaidas im Großraum München bleiben will, tut sich dagegen schwer. In aller Regel werden die anerkannten Flüchtlinge zunächst Hartz-IV-Empfänger, bekommen die Wohnung also vom Jobcenter bezahlt. Hierbei gelten jedoch je nach Personenzahl des Haushalts Obergrenzen, zum Beispiel 440 Euro für zwei, 500 Euro für drei, 804 Euro für sechs Personen, so Andreas Baumann, Chef des Tölzer Jobcenters.

Speziell bei großen Wohnungen gibt es aber so gut wie keine Angebote in diesem Preissegment, räumt Baumann ein. Ein Blick ins Internet bestätigt: Die eine oder andere geräumige Wohnung ist zwar zu vermieten – die dazugehörigen Beschreibungen: „extravagant“ oder „Architektur auf Spitzenniveau“, die Preise entsprechend. Großfamilien sind hier eindeutig nicht als Zielgruppe anvisiert.

Ganz besonders knapp sei das Angebot auch bei Ein-Zimmer-Apartments, sagt Stärz, während Zwei-, Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen noch eher zu haben seine. „In jedem Fall gibt es mehr Bewerber als Angebote.“ Die Vermieter könnten sich die Mieter unter vielen Interessenten aussuchen. Die Hoffnung dürfe man freilich nie aufgeben. „Es werden immer mal wieder Wohnungen angeboten, und man muss es versuchen.“

Andreas Steppan

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