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„Wir bewegen uns auf Mes sers Schneide“, sagt Hans Falter (re.) über die aktuelle Situation der Milchbauern. Sowohl er als auch sein BDM-Kreisvorstandskollege Hans Hainz haben ihre Betriebe auf Bio umgestellt. 

Milchviehwirtschaft 

„Es schaut schon wieder gefährlich aus“

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Beim Milchbauernabend am Reutberg schlägt nächste Woche wieder die große Stunde des BDM. Vorab gewähren Kreisvorsitzender Hans Falter und Stellvertreter Hans Hainz Einblick in eine Branche, die sich ständig auf einer Gratwanderung befindet.

Bad Tölz-Wolfratshausen– Hans Falter kann sich an Zeiten erinnern, als es allein im kleinen Dietramszeller Ortsteil Unterleiten neun Milchbauern gab – Kleinstbetriebe mitgezählt. Die Zeiten haben sich geändert. „Heute bin ich der einzige“, sagt Falter, der um die 50 Kühe hält. Und der Strukturwandel in der Landwirtschaft geht weiter. Kaum ist eine Milchkrise ausgestanden, droht die nächste auszubrechen.Falter, Kreisvorsitzender des Bunds Deutscher Milchviehhalter (BDM), wird daher nicht müde, für die Ziele seines Verbands zu werben: bestimmte Automatismen zur Milchmengensteuerung in Krisenzeiten; und insgesamt eine Milchwirtschaft, die nicht länger deutlich mehr produziert als die heimische Nachfrage hergibt.

Beim BDM-Milchbauernabend am Reutberg werden diese Forderungen kommende Woche wieder öffentlichkeitswirksam im Mittelpunkt stehen. Die Großveranstaltung ist prominent besetzt: Der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) wird zu Gast sein – „einer, der auf unserer Seite steht“, sagt Falter – der gleichzeitig dem scheidenden Bundeslandwirtschaftminister Christian Schmidt (CSU) keine Träne nachweint. Außerdem werden im Bierzelt der BDM-Landesvorsitzende Manfred Gilch und der Vorsitzende des BDM sowie des europäischen Dachverbands „European Milk Board“, Romuald Schaber, auftreten.

Droht nach derKrise die nächste?

In deutlich beschaulicherem Rahmen, nämlich beim Gespräch auf Falters Gilgenhof in Unterleiten, erklären der Kreisvorsitzende und sein Stellvertreter Hans Hainz aus Hölching (Gemeinde Dietramszell) ihre Sicht auf die aktuelle Lage auf dem heimischen Milchmarkt. 567 Milchbauern gibt es – Stand Februar 2018 – im Landkreis. 2005 seien es noch um die 800 gewesen, sagt Hainz, und Falter stellt fest: „15 bis 17 Betriebe pro Jahr hören auf.“ Diejenigen, die weitermachen, haben dem 55-Jährigen zufolge eine ständige Gratwanderung zu absolvieren. „Wir bewegen uns auf Messers Schneide.“ Nie wisse man, was als nächstes kommt. In der jüngsten Kälteperiode hätten die Kühe weniger Milch gegeben. Doch jetzt im Frühling, wenn die Natur reichlich frisches Futter bietet, steige die Produktionsmenge automatisch an. Und was passiert dann mit dem Preis?

„Im Moment jammert keiner“, meint Hainz. „Aber es schaut schon wieder gefährlich aus.“ Der Milchpreis sei zuletzt „ein bissl zurückgegangen“, die Produktionsmenge um drei bis vier Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen – Vorzeichen, die viele den nächsten Milchpreisverfall befürchten lassen.

Und das zu einem Zeitpunkt, da die jüngste Krise aus dem Jahr 2016 eben erst ausgestanden schien. Dass sich der Milchpreis wieder fing, liegt aus Falters und Hainz’ Sicht mit daran, dass die Politik eine Grundidee des BDM aufgegriffen habe. Nämlich die, in Krisenzeiten die Milchproduktion zu senken, indem man den einzelnen Bauern für eine freiwillige Drosselung Ausgleichszahlungen in Aussicht stellt. „Viele haben gegen unseren Vorschlag gewettert: Sie haben nicht geglaubt, dass eine kleine Mengenreduzierung schon Auswirkungen hat“, sagt Falter. Doch der Gegenbeweis sei erbracht, wie auch Hainz argumentiert: „2016 ist die Milchmenge um 1,8 Prozent zurückgefahren worden, und der Milchpreis ist um 10 Cent pro Liter gestiegen.“

Die 150 Millionen Euro, die die EU für Ausgleichszahlungen ausgab, seien sinnvoll angelegt gewesen. Weitere 350 Millionen Euro für Liquiditätskredite an Milchbauern und für die Einlagerung von überschüssigem Milchpulver dagegen waren aus Sicht des 45-Jährigen „zum Fenster hinausgeschmissen“. Zumal nun 460 Millionen Tonnen gelagertes Milchpulver drohten, den Markt abermals aus dem Gleichgewicht zu bringen.

steigen auf die Bremse

Der BDM tritt dafür ein, dass ein ständiger Mechanismus künftige Milchkrisen verhindert. Zeichnet sich ab, dass der Milchpreis auf Talfahrt geht, dann sollen die Produzenten in einem ersten Schritt gewarnt werden, ihre Produktion zu drosseln. Als nächstes soll es finanzielle Anreize dafür geben; als letztes Mittel Sanktionen gegen diejenigen, die weiter zu viel produzieren. „Wir möchten, dass auf diese Art die Preisschwankungen gering bleiben“, sagt Falter. Planungssicherheit, das ist es, was er sich für seinen Berufsstand wünscht.

Selbst im Biosegment fühlen sich Falter und Hainz nicht mehr ganz sicher. Falter ist schon seit 2012 Biobauer, Hainz hat seinen Betrieb Ende 2015 umgestellt. „Damals haben die Molkereien dringend Bioproduzenten gesucht“, sagt er. Doch während der Milchkrise 2016 kamen etliche weitere Bauern auf die Idee, mehr Sicherheit im Biobereich zu suchen. „Die Umstellung eines Betriebs dauert ein bis zwei Jahre“, sagt Falter. „Das heißt, jetzt werden viele Biobauern auf den Markt kommen.“ Er mahnt, dass auch die Biomilchproduktion nicht die Nachfrage überholen dürfe. „Sonst geraten wir in dieselbe Spirale wie in der konventionellen Landwirtschaft.“

Hans Hainz wurde von seiner Molkerei schon aufgefordert, bei der Produktionsmenge das Vorjahresniveau nicht zu überschreiten, damit der Auszahlungspreis gehalten werden kann. Auch deshalb hat er zuletzt vier Kühe abgegeben. Aktuell hält er etwa 60, obwohl er schon einmal bei 67 war. Falter hat der Andechser Biomolkerei ebenfalls angekündigt, mit seiner Liefermenge tendenziell nach unten zu gehen. In der Hoffnung, dass in diesem Fall weniger mehr ist.

Der Milchbauernabend

im Reutberger Festzelt findet am Dienstag, 20. März, um 20 Uhr statt.

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