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Die Justitia steht für Gerechtigkeit. Im konkreten Fall heißt das: Neben der Haftstrafe muss der Tölzer seiner Nichte 10 000 Euro Schmerzensgeld zahlen. 

Täter bleibt Urteilsverkündung fern

Missbrauchsprozess: Mann (33) muss in Haft

Wolfratshausen - Wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes verurteilte das Jugendschöffengericht in Wolfratshausen einen Tölzer (33). Der Angeklagte blieb der Urteilsverkündung fern: Er war kurz zuvor in sein Heimatland Türkei gereist.

Am Vorabend des letzten Verhandlungstages ging um 18.21 Uhr beim Gericht ein Fax ein. Darin teilte die Verteidigerin des Tölzers mit, dass dessen Mutter unerwartet stationär in einer türkischen Herzklinik behandelt werden müsse. Auf Bitten von Verwandten sei ihr Mandant deshalb in die Heimat geflogen. Er werde aber in den nächsten Tagen nach Deutschland zurückkehren.

Täter ausgereist - Nebenkläger stinksauer

„Ich habe es gleich gesagt, er wird sich dem Verfahren entziehen. Ich bin stinkwütend“, schimpfte die Vertreterin der Nebenklage. Sie hatte während der insgesamt fünf Verhandlungstage mehrmals beantragt, man möge den Beschuldigten in Untersuchungshaft setzen. Weil ihm das letzte Wort bereits erteilt worden war, kam das Schöffengericht dem Antrag der Verteidigung nach, sodass der Angeklagte nicht persönlich erscheinen musste.

Drei Jahre und vier Monate Gefängnis

Das Gericht blieb mit seinem Urteil zu einer Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten Gefängnis knapp unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die vier Monate mehr beantragt hatte. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. „Wir haben keinen Grund an der Glaubhaftigkeit der Geschädigten zu zweifeln“, fasste der Vorsitzende Richter Urs Wäckerlin zusammen. Er und seine zwei Schöffen waren zu der Überzeugung gelangt, dass der Elektriker sich in einem Fall des schweren sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht hat. Außerdem wird dem 33-Jährigen zur Last gelegt, im Zeitraum zwischen Herbst 2013 und Anfang 2014 seine damals zehn Jahre alte Nichte viermal sexuell missbraucht und genötigt zu haben.

Angeklagter wies Vorwürfe zurück

Der bis dato strafrechtlich unbescholtene Angeklagte wies die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entschieden von sich. Er berief sich dabei vor allem auf die beengten räumlichen Verhältnisse und die Tatsache, dass sich bei einigen Taten andere Familienmitglieder im Raum oder in unmittelbarer Nähe aufgehalten hatten: Beides mache ein Vorgehen, wie in der Anklageschrift vorgetragen, unmöglich.

Richter Wäckerlin ging in der Urteilsbegründung detailliert auf jeden einzelnen der fünf Anklagepunkte ein. Das Ergebnis war immer das Gleiche: Die Schilderungen des Opfers konnten nicht widerlegt werden. Auch die von der Verteidigung vorgebrachten Argumente griffen nach Auffassung des Gerichts nicht. Weder habe das Mädchen aus Rache gehandelt („Sie beschrieb ein gutes Verhältnis zum Angeklagten“) noch sei ihr das Ganze von der Mutter eingeredet worden. „Sie hat es zuerst eher zufällig einer gleichaltrigen Freundin erzählt. Die Mutter bekam erst später Kenntnis von den Vorfällen“, ist das Gericht überzeugt.

Für die Glaubhaftigkeit der Geschädigten spreche vor allem, dass das Mädchen bei allen Anhörungen „die Kerngeschichte immer gleich erzählt“ habe. „Das sind Dinge, die man nicht sehen oder empfinden kann, wenn man sich ein Video angeschaut hat. Das basiert auf selbst Erlebtem“, sagte Wäckerlin. Neben der Haftstrafe verurteilte das Gericht den 33-Jährigen zur Zahlung von 10 000 Euro Schmerzensgeld und verpflichtete ihn, auch für etwaige „materielle und immaterielle“ Folgeschäden bei dem Mädchen aufzukommen.

Untersuchungshaft angeordnet

Gegen den Angeklagten wurde Untersuchungshaft angeordnet. „Wenn er sich dem Verfahren entzieht, schafft er sich sein eigenes Gefängnis“, machte Wäckerlin deutlich. Einem international gültigen Haftbefehl könne der Mann nur entgehen, wenn er sofort nach Deutschland zurückkehre. Wenn bis Mittwochmorgen nicht der Pass bei Gericht vorliegt, wird sofort der Haftbefehl in Vollzug gesetzt. „Was hier geschehen ist, ist keine vertrauensbildende Maßnahme. Das dürfen sie Ihrem Mandanten ausrichten“, gab Wäckerlin den Verteidigern mit auf den Weg. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Rudi Stallein

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