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Siegfried Hämmerle in Aktion: Der Chor der Deutschen Schule singt für den äthiopischen Kaiser Haile Selassi (5. v. re.) Sein Großneffe Asfa-Wossen Asserate ist auch auf dem Bild zu sehen (vordere Reihe 5. v. li., hinter der Hand).

Erinnerungen an 1960er Jahre: Tölzer unterrichtet Prinz in Äthiopien 

Mozart und Orff fürs Kaiserhaus

Asfa-Wossen Asserate ist Urenkel einer Kaiserin und Großneffe des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Einst hat ihn ein Tölzer Musiklehrer mit Mozarts Musik vertraut gemacht. Das hat der in Frankfurt lebende Prinz nie vergessen. Eine besondere Ostergeschichte.

Bad Tölz – Vor einem Jahr war in der Osterausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein feines Essay des Buchautors und Unternehmensberaters Asfa-Wossen Asserate mit dem Titel „Auferstehung“ zu lesen. Der heute 69-Jährige erinnert sich zurück an ein Osterfest der äthiopischen Kirche im Jahr 1963 in dem 2500 Meter hoch gelegenen Wallfahrtsort Lalibela, deren einmalige Felsenkirchen zum Weltkulturerbe gehören. Auch auf seinen Musiklehrer aus Bad Tölz, Siegfried Hämmerle, geht der Prinz kurz ein. Der arbeitete nämlich damals mit seiner Frau Rosemarie in Afrika.



Kurzer Hintergrund: In seiner Biografie „Ein Prinz aus dem Hause David“ beschreibt der promovierte Ethnologe Asfa-Wossen selbstbewusst, dass in Äthiopien die ältesten humanoiden Skelette gefunden wurden. Das Land sei nicht nur die Wiege der Menschheit, sondern sei auch schon christianisiert worden, „als die Germanen noch zu Wotan beteten“. Seine Familie führt ihre Abstammung bis auf König Salomon zurück.

Mit der kaiserlichen Familie erlebte der 15-jährige Asfa-Wossen die sechsstündige Osternachtsmesse, die um 3 Uhr endete. Dann seien in der kalten Nacht die Feuer angezündet worden, und sein Vater, der Präsident des kaiserlichen Kronrates, habe einen batteriebetriebenen Plattenspieler herausgeholt und Mozarts Krönungsmesse aufgelegt.

Prinz Asfa-Wossen hat auch einmal die Heimatstadt der Hämmerles besucht

„Die Musik verzauberte die Nacht. Aus den Hütten kamen die Menschen, legten sich schweigend ins Gras und lauschten gebannt.“ Das sei, so sagten die Bauern dem jungen Prinzen auf seine neugierige Frage hin, „göttliche Musik“. Er selbst, so schreibt Asfa-Wossen in dem FAZ-Bericht weiter, habe diese göttliche Musik bereits gekannt. Von der Deutschen Schule in Addis Abeba nämlich, wo „uns unser Musiklehrer aus Bad Tölz in Bayern“ Mozart nahegebracht habe.

Ein großer Sprung vom österlichen Lalibela anno 1963 nach Bad Tölz im Jahr 2018: Auf einem dreibeinigen, aus einem Stück Holz gearbeiteten äthiopischen Stuhl sitzt Rosemarie Hämmerle und sieht, wenn sie den Blick durch den Raum schweifen lässt, unzählige Erinnerungen an ihren fünfjährigen Auslandsaufenthalt in Addis Abeba. In den 1960er-Jahren arbeitete ihr vor 20 Jahren verstorbener Mann als Musiklehrer in Addis Abeba an der Deutschen Schule, die einen hervorragenden Ruf genoss. Die 87-jährige Rosemarie Hämmerle – sie feiert am Karsamstag übrigens Geburtstag – war Religionslehrerin und leitete die deutschsprachige katholische Gemeinde. Äthiopien sei, so erzählt sie auch ein halbes Jahrhundert später, eine prägende Zeit gewesen. „Das formt einen, da kriegt man Weitsicht und Toleranz, für die man dankbar sein muss.“

Ein Christbaum in Addis Abeba: Rosemarie und Siegfried Hämmerle feierten stets zur heißesten Zeit Weihnachten in Äthiopien. Der Baum kam per Diplomatenpost.

Und was sind ihre Erinnerungen an den Prinzen? Ein ausgezeichneter und gewissenhafter Schüler, der hervorragend deutsch gesprochen habe und Schulsprecher der Einrichtung mit rund 600 Mädchen und Buben war. Und: „Ein fabelhafter Sänger.“ Das habe auch ihr Mann gesagt, der immerhin Mitbegründer des Tölzer Knabenchors war und als Dirigent, Korrepetitor und Pianist mit Topsängern wie James King und Hermann Prey arbeitete. Die Hämmerles waren übrigens sehr unternehmungslustig und reisten zusammen mit den beiden Söhnen in den fünf Jahren oft durch den Vielvölkerstaat Äthiopien. Im Gepäck hatte der spätere Tölzer Gymnasiumslehrer dabei immer ein Tonbandgerät. Seine einzigartige Sammlung äthiopischer Musik steht heute digitalisiert im Völkerkundemuseum Berlin Interessenten zur Verfügung.

Und woran entsinnt sich der Prinz, der den Umsturz und Tod seines Onkels und vieler Familienmitglieder als Student in Deutschland erlebte? Hämmerle sei „ein ausgezeichneter Lehrer“ gewesen, erzählt der 69-Jährige, der ein sehr erfolgreiches Buch über „Manieren“ geschrieben hat, mit wohlklingender Stimme und gesetzten Worten am Telefon. „Er hat uns mit allen Klassikern bis hinauf zu Carl Orff vertraut gemacht.“ Durch sein tiefes Verständnis für beide Kulturen sei es ihm gelungen, auch Menschen mit anderem Background für die europäische Musik zu begeistern.

Prinz Asfa-Wossen, der, folgte man internationalen Adelskonventionen als „Kaiserliche Hoheit“ anzusprechen ist, bringt es schließlich ganz locker auf den Punkt: „Ich habe Musikabitur bei ihm gemacht und ich hatte ihn sehr gerne.“

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