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Glückliche Kühe auf der Almweide: So stellt sich der Verbraucher Tierhaltung im Idealfall vor. Es ist aber nur ein Teil der Realität.

Veterinär beschreibt kritische Entwicklung

Nach Skandal im Allgäu: So beschreibt ein Amtstierarzt die Tierschutz-Lage im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen

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Die Arbeit der Amtstierärzte in Bayern steht im Fokus der Öffentlichkeit. In Bad Tölz-Wolfratshausen halten 975 Betriebe Rinder. Drei Veterinäre kontrollieren sie.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Bilder, die Tierquälerei in einem Großbetrieb im Allgäu dokumentieren, haben die Öffentlichkeit schockiert und – zumindest für den Moment – aufgerüttelt. Im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit steht damit einmal mehr die Arbeit der Tierschutzkontrolleure. Aus Sicht von Dr. Georg Unterholzner, Tierarzt im Tölzer Veterinäramt, ist für diesen Job viel Empathie nötig – mit den Tieren, aber auch den Tierhaltern.

So einen Skandal wie im Allgäu jemals in seinem Zuständigkeitsbereich zu erleben: „Das wäre für mich persönlich schlimm“, sagt Unterholzner. Denn auf die Einhaltung des Tierschutzes im Landkreis zu achten, gehört in seinen Verantwortungsbereich. Der 58-Jährige betrieb bis 2001 eine eigene Tierarztpraxis und arbeitet seit 2007 im Tölzer Veterinäramt.

„Dass wir hier auf einer Insel der Seligen leben, würde ich nicht sagen“, meint der Tiermediziner. Trotzdem hat er den Eindruck: „Beim Tierschutz haben wir hier im Landkreis die allermeisten Landwirte auf unserer Seite.“

Dr. Georg Unterholzner, Amtsveterinär.

Rund 975 landwirtschaftliche Betriebe, die Rinder halten, gibt es laut Unterholzner im Landkreis. 553 davon sind Milchviehbetriebe, die restlichen sind Aufzucht-, Mutterkuh- oder Mastbetriebe. Dem steht die Besetzung des Veterinäramts mit drei Tierärzten gegenüber. Mit turnusmäßigen Tierschutz-Kontrollen habe der einzelne Betrieb nicht zu rechnen, erklärt Unterholzner.

Amtstierarzt: Bei Tierschutz-Kontrollen ist Empathie nötig - mit den Tieren , aber auch mit den Tierhaltern

Stichprobenartig gebe es „Cross-Compliance-Kontrollen“ – das bedeutet, dass überprüft wird, ob ein Landwirt alle Auflagen einhält, die an den Erhalt seiner Fördergelder geknüpft sind. Das Umweltministerium lose jährlich drei bis fünf Prozent der Betriebe aus, die an der Reihe sind. „Wenn es Probleme gibt, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Betrieb im Jahr darauf wieder drankommt“, sagt Unterholzner. Stoße er bei einer „CC-Kontrolle“ auf Missstände beim Tierschutz, „dann werde ich natürlich einhaken“.

Weitere Kontrollanlässe seien anstehende Tiertransporte ins Ausland – hier gelte es, seuchenrelevante Aspekte in den Blick zu nehmen – oder natürlich Anzeigen.

„Strukturwandel in der Landwirtschaft bringt für die Tiere nichts Positives“

Tierschutz-Verstöße, die bei Nutztierhaltern festzustellen sind, könnten unter anderem im Bereich der Hygiene liegen, erklärt der 58-Jährige, „etwa dass nicht ausreichend ausgemistet wird“. Weitere Beispiele wären, „dass es kein adäquates Futter gibt, dass Tiere, die lahmen, nicht entsprechend behandelt werden oder dass der Besatz zu hoch ist, also zu viele Tiere im Stall stehen“, listet er auf.

Im Einzelfall sei dann „die Frage, „ob man gleich den großen Hammer fallen lässt“, sagt Unterholzner. Bevor er zu restriktiven Maßnahmen greift, setzt der Amtstierarzt – wo es möglich ist – lieber zuerst auf „Verständnis, Aufklärung und Beratung“. Bisweilen liege die Ursache für einen Missstand in „persönlichen Schicksalsschlägen“ oder anderen Härtefällen. In einigen Fällen sei es freilich auch nötig, Bußgelder zu verhängen oder gar Straftaten zur Anzeige zu bringen.

„Bei einem Großbetrieb ist es wahrscheinlicher, dass der Tierschutz auf der Strecke bleibt“

In der Debatte um die aktuellen Tierschutz-Skandale wurde auch Kritik laut, zwischen Amtstierärzten und Landwirten gebe es vielerorts eine zu große Nähe bis hin zur Kumpanei. Eine gewisse Nähe zu den Tierhaltern sei ihm sogar wichtig, sagt dazu Unterholzner. Vertrauen sei die bessere Grundlage, um im Sinne des Tierschutzes etwas zu bewegen. „Und nur so bekomme ich auch mal einen Tipp.“ Auf der anderen Seite werde auch darauf geachtet, „dass ich zu einem Bauern, den ich persönlich kenne, nicht hinfahre – oder nicht alleine.“

Die Gefahr, dass der Tierschutz auf der Strecke bleibt, sieht der Veterinär vor allem durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft. „Die Maschinen sind hochproduktiv und werden immer effizienter, gleichzeitig gibt es immer weniger Mitarbeiter.“ Hätten früher auf einem Hof fünf bis sechs Familienmitglieder mitangepackt, werde heute oft von einem einzelnen Ehepaar erwartet, dass es allein 100 Kühe versorgt. „Die Leute sind hoch angespannt und unter Strom.“

Ein Milchviehbetrieb im Landkreis hält im Schnitt 65 Tiere

Der Wandel bringe auch „für das Tier nichts Positives“, so der Tierarzt. „Früher war es ein Riesenaufwand, eine Fuhre Heu einzubringen. Das geht heute mindestens 10- bis 20-mal so schnell.“ Diese Effizienzsteigerung übertrage sich auch aufs Tier. Habe eine Kuh früher zehn Liter Milch am Tag gegeben, seien es heute bis zu 40. „Für den ganzen Stoffwechsel ist das eine riesige Belastung“, erklärt der Veterinär.

Auf den Bildern aus dem Allgäu habe man Tiere gesehen, die wegen Verletzungen oder Stoffwechselstörungen nicht mehr aufstehen können – was natürlich keinesfalls entschuldige, solche Tiere am Bein auf den Tiertransporter zu hieven. Bei einem Großbetrieb sei die Wahrscheinlichkeit größer, „dass der Tierschutz auf der Strecke bleibe „und die Dinge aus dem Ruder laufen. Bei 1700 Tieren wird es einfach unübersichtlich.“

Im Landkreis schlachten viele Metzger selbst

Im Landkreis hat Unterholzner hingegen den Eindruck, „dass das einzelne Tier noch etwas zählt“. Tierquälerei wie im Allgäu erschrecke die hiesigen Bauern genauso wie alle anderen. „Man hält das für Auswüchse.“ Ein Milchviehbetrieb im Landkreis halte im Schnitt 65 Kühe, bei den größten seien es 200. „Man bewirtschaftet den eigenen Grund und vielleicht noch den vom Nachbarn.“

Der Strukturwandel mache freilich auch vor der Region nicht halt. „In Hornstein bei Deining, wo ich aufgewachsen bin, gab es früher zehn Betriebe. Heute ist es nur noch einer.“ Als Kind sei es normal gewesen, dass er in jeden Stall hineinschauen konnte. „Wenn es irgendwo einen Missstand gegeben hätte, hätten die Nachbarn gesagt: Wie geht’s denn bei dem zu?“ Das sei heute anders.

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Als ausgesprochen gut beschreibt Unterholzner die Bedingungen in den Schlachtstätten im Landkreis. Der letzte Schlachthof des Landkreises schloss 2006 in Bad Tölz. Doch relativ viele Metzger betreiben noch immer kleine Schlachtstätten vor Ort. „Aus Sicht des Tierschutzes ist das sehr gut, weil den Tieren weite Transporte und lange Wartezeiten erspart bleiben.“ Die zugelassenen Schlachtstätten überprüfe das Veterinäramt in festem Turnus.

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Für das Schächten, also das betäubungslose Ausbluten des Tiers nach islamischer oder jüdischer Vorschrift, gebe es im Landkreis „keine Zulassung“, sagt Unterholzner, „und ich kenne auch keinen Metzger, der das unterstützen würde“.

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Kontrollen hätten ergeben, dass auch beim Schlachten von Schafen und Rindern zum islamischen Opferfest die Tierschutzbestimmungen eingehalten werden.

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