Interview mit Camilla Plöckl

Nach tödlichen Unfällen: „Viele E-Biker überschätzen ihr Können“

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Zwei tödliche Unfälle von Pedelec-Fahrern im Tölzer Land haben für Betroffenheit gesorgt. Camilla Plöckl vom Arbeitskreis Radeln fordert Konsequenzen.

Bad Tölz-WolfratshausenMitte November wurde ein 86-Jähriger tödlich verletzt, als er mit seinem E-Bike beziehungsweise Pedelec die B 472 bei Untersteinbach überqueren wollte.Im April starb ein 71-Jähriger, nachdem er am Blomberg mit seinem Elektro-Rad in ein stehendes Auto gefahren war. Zwei Unfälle, die die Tölzerin Camilla Plöckl schockiert haben. Die Vorsitzende des „Arbeitskreis Radeln“ fordert Konsequenzen – wie eine Helm- und Führerscheinpflicht für Pedelec-Fahrer.

Frau Plöckl, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie den Bericht über den tödlichen Unfall eines E-Bikers bei Bad Heilbrunn gelesen haben?

Camilla Plöckl: Ich habe mir gedacht: Warum geht der Mann über die Kreuzung, obwohl es dort eine Unterführung gibt? Ein E-Bike gibt einem wahrscheinlich das Gefühl, dass man irgendwie noch schnell über die Straße kommt.

Verleiten E-Bikes zur Unvernunft?

Camilla Plöckl: Ein ganz klares Ja von meiner Seite. Auf dem Radweg an der Isar kann man jeden Tag beobachten, dass die Leute mit viel zu hohen Wattzahlen fahren. Ein E-Motor ist dafür da, dass man ihn bei Steigungen dazuschaltet. Aber er ist bestimmt nicht dafür da, dass ich auf der Ebene mit 25 Stundenkilometern dahin fahre. Erst recht nicht auf der Isar-Promenade. Dort sollte man eigentlich Schrittgeschwindigkeit fahren. Aber viele Leute wissen nicht mehr, was das ist.

Camilla Plöckl, Vorsitzende des „Arbeitskreises Radeln“

Muss die Infrastruktur angepasst werden, sprich: Sind im Zeitalter der E-Bikes andere Radwege notwendig?

Camilla Plöckl: Radwege sind immer gut. Wenn aber auf der Isar-Promenade Fußgänger und E-Bike-Fahrer nebeneinander sind, wird die Situation noch gefährlicher. Ich erwarte von Radfahrern Rücksichtnahme, und die gibt es dort überhaupt nicht. Mit den E-Bikes ist es noch brutaler geworden. Es wäre sinnvoll, wenn Rad- und Fußwege getrennt sind.

Ist die Stadt Bad Tölz für Änderungswünsche aufgeschlossen?

Camilla Plöckl: In Bad Tölz ist die Situation schwierig. Die Verwaltung ist aber Gott sei Dank sehr entgegenkommend. Wir haben mit dem Arbeitskreis Radeln und der Stadt schon ganz viel bewegt. Wir machen jedes Jahr eine Befahrung, um spezielle Gefahrenstellen anzusprechen. Man muss da dran bleiben.

Abgesehen davon: Was sind die Hauptprobleme beim Fahren mit dem E-Bike?

Camilla Plöckl: Ich bin selbst viel mit dem E-Bike unterwegs und fahre weit. Ich stelle immer wieder fest, dass es zu gefährlichen Situationen kommt. Viele Leute denken, dass sie jetzt alles machen können, aber das ist nicht so. Gerade viele Senioren haben ihr E-Bike nicht im Griff. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass man das Ding erst mal kennlernen muss: Es ist schwerer, es hat schärfere Bremsen.

Sind Sie selbst schon in gefährliche Situationen gekommen?

Camilla Plöckl: Ja, ich bin an einem kleinen Bacherl entlanggefahren, da sind enge Kurven gekommen, und – puh – da ist es dann schon schwierig geworden.

Wie sollte man sich auf das Fahren mit dem E-Bike vorbereiten?

Camilla Plöckl: Man sollte gezielte Übungen machen, um das Rad kennenzulernen. Das heißt: Auf einer Schotterstraße fahren, auf einer Teerstraße fahren, ein Stück abwärts fahren. Ich weiß nicht, inwieweit die Radgeschäfte ihre Kunden in dieser Hinsicht anlernen.

Sollte es einen Führerschein für E-Bike-Fahrer geben?

Camilla Plöckl: Auf alle Fälle, da wäre ich absolut dafür. Wenn man einen Hund hat, sollte man einen Hunde-Führerschein haben, damit man weiß, wie man mit ihm umgeht. Beim E-Bike sehe ich das genauso. Die Leute unterschätzen die Geschwindigkeit und überschätzen ihr Können.

Was halten Sie von einem Nummernschild für E-Bikes?

Camilla Plöckl: Für Mofas oder Roller mit einer bestimmten Geschwindigkeit brauchst du Nummernschilder. Wenn Unfälle passieren, kann man den Leuten habhaft werden. Wenn dich ein E-Biker zusammenfährt, dann kann er einfach abhauen. Mit einem Nummernschild wäre mancher vielleicht etwas vorsichtiger.

Für E-Biker gibt es keine Helmpflicht. Für Sie nachvollziehbar?

Camilla Plöckl: Nein, ich fahre immer mit Helm. Es gab für mich ein Schlüsselerlebnis. Auf dem Weg zum Forsthaus Aquila ist ein Freund von mir gestürzt. Er hatte Gott sei Dank einen Helm auf. Wer weiß, was sonst passiert wäre. Jeder, der schon mal vom Rad gefallen ist, weiß, wie schmerzhaft das ist. Und mit E-Bikes ist man noch schneller dran.

Was halten Sie davon, dass immer mehr Menschen mit dem E-Bike in den Bergen unterwegs sind?

Camilla Plöckl: Ich sehe da eine Gefahr. Man muss in Österreich nur mal auf die Feilkopf-Alm gehen oder bei uns auf die Schwaigeralm – was da E-Biker unterwegs sind... Rauf schaffen es alle – aber runter gibt es ein ernsthaftes Problem.

Kann der Arbeitskreis Radeln gegensteuern?

Camilla Plöckl: Wir haben uns vorgenommen, dass wir im Frühjahr zusammen mit der Verkehrswacht und der Polizei eine Veranstaltung machen. Da werden wir versuchen, ein kleines Übungsgelände zu finden. Ich könnte mir den Dirtpark am Eisstadion vorstellen. Dort lernt man sein Rad kennen.

Sind Sie trotz allem ein E-Bike-Fan?

Camilla Plöckl: E-Bike-Fahren ist was Schönes. Ich bin erst mit dem E-Bike auf dem Bodensee-Königssee-Radweg bis zum Königssee gefahren – wunderschön. Man muss nur aufpassen, weil die Muskulatur nachlässt. Früher bin ich mit dem Rad Steigungen raufgestampft, heute mache ich das nicht mehr. Ich habe festgestellt, dass ich eine Tour zum Königssee mit einem normalen Rad gar nicht mehr schaffen würde. Darum gehe ich ab und zu auf einen Berg.

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Rubriklistenbild: © dpa-tmn / Tobias Hase

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