Annette Erhart vom Lenggrieser Helferkreis 

Nach den Übergriffen auf Frauen in Köln

„Gebt den Asylbewerbern eine Chance“

Bad Tölz-Wolfratshausen – Nach den Übergriffen auf Frauen in Köln befürchten die Helferkreise im Landkreis, dass Flüchtlinge nun unter Generalverdacht gestellt werden.

Die Ereignisse im sonst so fernen Köln beschäftigen auch die Menschen in der Region. In der nordrhein-westfälischen Domstadt haben Männer – wohl überwiegend nordafrikanischer und arabischer Herkunft – an Silvester offenbar weit über 100 Frauen sexuell bedrängt und ausgeraubt. In Bad Tölz wurde zum Jahreswechsel ebenfalls eine 18-Jährige belästigt – dabei handle es sich aber um einen Einzelfall, wie Bernhard Gigl, Leiter der Tölzer Polizei, betont.

Wie berichtet, hatte ein Pakistani (20) die Tölzerin im „Brucklyn“ sehr aufdringlich angetanzt und unsittlich berührt, woraufhin der Türsteher den jungen Mann aus dem Club am Amortplatz geworfen hatte. „Von Zuständen wie in Köln oder Hamburg sind wir aber weit entfernt“, sagt Gigl. Zwar habe es in den vergangenen Monaten eine handvoll „Beleidigungen auf sexueller Basis“ gegeben. „Wir haben aber keinen einzigen Fall von sexueller Nötigung oder gar Vergewaltigung.“ Dazu zählen laut dem Polizei-Chef Übergriffe, die mit körperlicher Gewalt und Drohungen einhergehen und den Tatbestand eines Verbrechens erfüllen. „Insgesamt sind unsere Erfahrungen mit Asylbwerbern nach wie vor überwiegend positiv.“

Das liege auch daran, dass die meisten der aktuell rund 1700 Flüchtlinge im Landkreis dezentral untergebracht sind, vermutet Waltraud Bauhof, die sich im Dietramszeller Helferkreis federführend engagiert. Das Grundproblem in so einer Großstadt wie Köln seien die Massenunterkünfte, in denen oft sehr viele alleinstehende junge Männer auf engstem Raum zusammenlebten. Wenn dann ein gewisser „sexueller Notstand“ hinzukomme, eskaliere die Situation schnell, glaubt Bauhof.

In Dietramszell könne von solchen Problemen keine Rede sein: „Das Erste, was ich frage, wenn ich neue Asylbewerber in Empfang nehme, ist, ob sie ein Problem damit haben, dass ich eine Frau bin“, sagt Bauhof. Bislang habe sich daran noch niemand gestört – ebenso wenig wie an ihrem Hinweis, dass in Deutschland Frauen und Männer gleichberechtigt seien. „Gebt den Asylbewerbern eine Chance“, plädiert die 75-Jährige.

Auch Ingrid Spindler vom Heilbrunner Helferkreis warnt davor, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Schlechte Erfahrungen hat sie bislang nicht gemacht. „Im Gegenteil, die Menschen sind dankbar für die Hilfe, die sie bekommen.“ Um solchen Ereignissen wie in Köln vorzubeugen, wünscht sich Spindler mehr Dolmetscher, um die Asylsuchenden in ihrer Muttersprache besser über die Rechtslage in Deutschland aufklären zu können.

Wie in Bad Heilbrunn wohnen auch in Kochel überwiegend Familien, die auf Asyl hoffen. „Diese Gruppe ist meist einfacher zu integrieren als alleinstehende junge Männer“, sagt Ralf Kriegl vom örtlichen Helferkreis. Probleme gebe es bis auf ein paar wenige Ausnahmen nicht mit den Flüchtlingen. „An sexuellen Übergriffen ist mir nur ein eher harmloser Fall bekannt“, erzählt Kriegl. So habe an der Benediktbeurer Mittelschule ein Asylbewerber eine Schülerin relativ anzüglich „angemacht“. Aber auch junge Männer aus Deutschland verhielten sich ab und zu unangebracht gegenüber dem anderen Geschlecht, sagt Kriegl.

So sieht es auch Rita Knollmann vom Tölzer Helferkreis. „Das ist ein Thema, das es bei Deutschen auch gibt.“ Die Helfer machen um die Vorfälle in Köln kein großes Aufhebens. „Wir diskutieren darüber, aber da wird nichts hochgespielt.“

Annette Ehrhart vom Lenggrieser Helferkreis betrachtet die Geschehnisse mit Sorge. „Es ist ganz furchtbar, was da passiert ist.“ In Lenggries selber habe sie keine Veränderung festgestellt. „Es gab keine Reaktion, weder aus der Bevölkerung noch aus dem Helferkreis. Köln ist weit weg.“ Sie wehre sich dagegen, dass Flüchtlinge dafür verantwortlich gemacht werden, obwohl es keine Beweise dafür gebe. Das sagt auch Frank Michael Orthey vom Sachsenkamer Helferkreis: „Die unklare und teilweise spekulative Informationslage trägt zur Mythenbildung bei.“ So würden Polarisierungen und unangemessene Vereinfachungen gefördert – einschließlich der Bestätigung von Vorurteilen. „Das ist aus meiner Sicht erwartbar“, sagt Orthey. „Es ist aber auch tragisch und bedauerlich, weil es die vielen bereits erfolgreichen Integrationsanstrengungen von Helfern und Helfergruppen schmälert – ohne inneren Zusammenhang.“

Silke Scheder und Melina Staar

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