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Beliebt, aber auch umstritten sind die geländegängigen SUVs, die auch in Städten immer häufiger werden.

„SUV ist nicht gleich SUV“

Nach Unfall mit Porsche-SUV: Autohändler im Landkreis um Ehrenrettung der Offroad-Fahrzeuge bemüht

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Am SUV scheiden sich die Geister. Autohändler im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bemühen sich nun um eine Ehrenrettung der Offroad-Fahrzeuge.

Bad Tölz-WolfratshausenNachdem ein Porsche Macan in Berlin auf einen Gehsteig gerast ist und vier Menschen getötet hat, stehen SUVs im Kreuzfeuer. „Das hat der SUV nicht verdient“, meint der Tölzer Autohändler Johann Taubenberger und mit ihm mehrere Kollegen aus dem Landkreis. Andreas Scharli von der Energiewende Oberland dagegen teilt die Kritik am „Sport Utility Vehicle“.

„An den Haaren herbeigezogen“ sei die Sicherheitsdebatte um SUVs, sagt der Jachenauer Volvo-Händler Anton Gerg, und Toyota-Händler Thomas Auer aus Bad Tölz stimmt zu: „Wenn ein Fiat Panda angerast kommt, möchte ich auch nicht im Weg stehen.“ Im Ernstfall könne es für den Betroffenen sogar schlimmer sein, von einem Golf als von einem Tiguan erfasst zu werden, ergänzt Kruno Bacurin, Verkaufsleiter im Wolfratshauser Autohaus Bader Mainzl. „Beim Golf knallt man in die Windschutzscheibe, beim Tiguan auf die Motorhaube, und die gibt nach.“ Und als Fahrzeuginsasse „bin ich auch froh, wenn ich in einem SUV sitze und dadurch einen Überschlag überlebe“.

Genau diesen Gedanken findet Andreas Scharli, Energieberater bei der Energiewende Oberland, etwas egoistisch: „Im SUV schütze ich mich und meine Familie und im Umkehrschluss gefährde ich andere mehr.“ Scharli hält die Sicherheitsdebatte um die Geländewagen daher für berechtigt.

Thomas Auer kritisiert dagegen, dass der schreckliche Unfall in Berlin „politisch instrumentalisiert“ werde, um Stimmung gegen den SUV zu machen. Tatsächlich: Mehr als der Sicherheitsaspekt steht bei der Debatte um SUVs der Umweltgedanke im Mittelpunkt. Zu Recht, wie Andreas Scharli findet. „Mehr Gewicht, mehr Dreck“, fasst er knapp zusammen.

Auer dagegen betont: „SUV ist nicht gleich SUV.“ Als SUV gelte eigentlich jeder Wagen, „sobald er etwas höher gestellt ist und eine leichte Offroad-Optik hat“. Doch nach seiner Schätzung haben weniger als zehn Prozent davon zum Beispiel Allrad-Antrieb. Und selbst wenn: Der große Toyota RAV 4 verbrauche in der 4x4-Version „unter 6 Liter Benzin“. Und mit Hybrid-Antrieb seien die Toyota-SUVs ohnehin „sauberer als viele andere Fahrzeuge“. Ähnlich argumentiert der Jachenauer Gerg. Die Volvo-SUV-Modelle hätten lediglich einen Zwei-Liter-Motor – „relativ klein“, sei das und „vom Umweltgedanken her sehr gut“.

Bacurin führt Vergleichszahlen ins Feld. Ein T-Roc – also ein VW-SUV – mit 115 PS komme auf einen kombinierten Durchschnittsverbrauch von 5,2 Litern, ein vergleichbarer Golf auf 5,0 Liter. Der Unterschied sei nicht so groß, dass man den SUV pauschal als „Umweltverpester“ bezeichnen könne. Ob man einen SUV für 100 000 Euro oder einen Lamborghini brauche, sei eine andere Frage. „Aber wo fange ich da an, wo höre ich auf?“

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Der größere Luftwiderstand und das höhere Gewicht würden den Treibstoffverbrauch beim SUV etwas erhöhen, räumt Taubenberger ein. „Aber das wird dadurch kompensiert, dass man mit dem SUV entspannter fährt“, glaubt der Tölzer Autohändler – im Gegensatz zu Energieberater Scharli, der sogar überzeugt ist, dass die gefühlte Sicherheit im SUV zu einem „aggressiveren Verkehrsverhalten“ führe.

Übereinstimmend berichten die Autohändler, dass die Nachfrage nach SUVs hoch sei. „Es geht nicht nur ums Outfit und Prestige“, glaubt Gerg. Den vergangenen schneereichen Winter nennt der Jachenauer Gerg als bestes Beipiel dafür, dass ein Geländewagen in der Region sinnvoll sein könne. Gerade Ältere schätzten das komfortable Einsteigen beziehungsweise das aufrechtere Sitzen, weil mehr Platz zwischen Sitz und Fahrzeugboden ist. Einen Sportflieger, einen Wohn- oder einen Pferdeanhänger „kann man eben nicht mit einem normalen Golf ziehen“, ergänzt Bacurin. Genauso etwas hinterfragt Scharli allerdings. „Dass ein Landwirt oder Förster eine Zugmaschine braucht, ist klar. Aber wenn Pferde durch die Gegend kutschiert werden, ist das bloß ein Hobby.“

Freilich seien SUVs auch eine „Modeerscheinung“, gibt Taubenberger zu. Für ihn ist das ebenfalls legitim. „SUVs sind in der Regel hochpreisig – das tut unserer Wirtschaft besser, als wenn alle einen Kleinwagen fahren würden.“

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Besser als SUVs anzuprangern wäre es aus seiner Sicht „generell zu hinterfragen, welche Autofahrten nötig sind.“ Mit dem SUV bloß „zum Bäcker, zum Kindergarten oder zum Zigarettenholen“ zu fahren, sei natürlich schlecht. Da kommt er wieder auf einen Nenner mit Andreas Scharli. Die Energiewende gelinge nur, wenn die Menschen generell auf Autofahrten verzichten. „Muss man immer überall hin?“, fragt der Energieberater. „Die Leute schnallen sich E-Bikes aufs Auto oder stehen im Stau, um an einem See ein Instagram-Foto zu machen. Da wäre ein ,Weniger ist mehr‘ angesagt.“

Für ein SUV-Verbot plädiert er aber nicht. „Ich würde lieber auf Anreize und den Spaßfaktor setzen“, sagt er. „Ich habe zum Beispiel seit Kurzem ein Dienst-Pedelec. Es ist irrsinnig belebend, wenn man damit morgens zur Arbeit fährt.“

3502 Geländwagen im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen

Wie viele SUVs gibt es im Landkreis? Das lässt sich nicht so leicht beantworten. Denn die Statistik der Zulassungsstellen erfasst nur die Fahrzeuge, bei denen die Fahrzeugklasse „M1G“ in den Papieren steht. Die gilt für Geländewagen mit bestimmten Merkmalen wie Allradantrieb oder Differenzialsperre. Davon gab es laut Landratsamt zum 31. Juli 2018 im Landkreis 3040, ein Jahr später schon 3502. Das waren 5,2 beziehungsweise 5,6 Prozent der zugelassenen Pkw. Nicht eigens erfasst sind aber unter „SUV“ firmierende Modelle, die nur optisch Merkmale eines Offroad-Pkw aufweisen.

ast

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