Justizia ist im Fall eines versuchten Mordes in Bad Tölz gefragt.
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Justizia ist im Fall eines versuchten Mordes in Bad Tölz gefragt.

Zweiter Tag in Prozess: „Er ist mit seiner Krankheit genug gestraft“

Nach versuchtem Mord in Tölz: Eltern bitten um milde Strafe für ihren Sohn

  • Nina Gut
    VonNina Gut
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Vergangenes Jahr versuchte ein Tölzer, seine Eltern umzubringen. Am zweiten Prozesstag sagten nun Mutter und Vater aus.

Bad Tölz/München – Immer wieder stockt die Stimme der 61-Jährigen, wenn sie von ihrem Sohn erzählt. „Ich konnte nicht mehr, war kaputt“, sagt sie. Denn der Sohn (33) war aggressiv gegen Mutter und Vater, schlug den Vater, bedrohte beide, unterstellte ihnen die schlimmsten Dinge. „Er hat uns als Feinde gesehen.“ Im September 2020 eskalierte die Situation.

Der 33-Jährige stach auf seine Eltern ein und verletzte sie schwer.

Der Tölzer steht seit dieser Woche vor dem Landgericht München II – ihm wird versuchter Mord vorgeworfen. Allerdings geht es nicht um eine Strafe, sondern um die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie. Er ist schuldunfähig, denn er leidet an Schizophrenie.

„Mit 18 ist er ein anderer Mensch geworden“

Am zweiten Prozesstag am Mittwoch nun schilderte die Mutter die Entwicklung ihres Sohnes. In der Schule tat er sich demzufolge schwer, machte eine Lehre zum Metzgereifachverkäufer und hatte anschließend wechselnde Jobs. Als er etwa 18 Jahre alt war, habe er sich verändert. „Er ist ein anderer Mensch geworden“, sagte die Mutter. Er habe sich zurückgezogen, sei nur in seinem Zimmer gesessen und habe alles abgedunkelt. Er fragte sie immer wieder, ob sie auch die Leute sehe. Dabei war niemand anwesend. Er sprach auch von einem „Kitzeln im Kopf wie mit einer Feder“. Ein Neurologe diagnostizierte schließlich Schizophrenie. „Mir ist schlecht geworden, als ich das las“, sagt die Mutter.

Seither gab es Therapieversuche und Klinikaufenthalte. Alles scheiterte. Stattdessen wurde es immer schlimmer mit der Krankheit, und die Angst der Eltern immer größer. Stimmen in seinem Kopf sagten dem Tölzer, dass er sich vor den Zug werfen oder sich verbrennen solle. Er sei nur noch misstrauisch gewesen, „als ob wir ihm was Böses wollen“. Er unterstellte den Eltern zu Unrecht Misshandlungen in der Kindheit. „Man kam nicht mehr an ihn ran.“ Am Gesicht habe sie ihm angesehen, „wenn er anders war“. Er sei dann ein Fremder gewesen.

Vater muss notoperiert werden

Am Abend des 3. September 2020 war er noch ganz friedlich. Nachdem er in seine Wohnung auf der anderen Straßenseite gegangen war, sahen die Eltern fern, die Mutter schlief auf der Couch ein. In der Nacht weckte sie ein Geräusch und sie setzte sich auf. „Ich sah im Dunkeln jemanden auf mich zukommen.“ An der Figur erkannte sie ihren Sohn. Instinktiv ließ sie sich auf den Rücken fallen und zog die Füße hoch. Sie spürte zwei bis drei Schläge gegen den Oberschenkel. Der Angreifer verschwand Richtung Schlafzimmer, kehrte bald zurück und versetze ihr erneut Schläge. Als sie „Hilfe!“ schrie, hörten die Schläge auf, der Sohn verschwand.

Ihr Mann (63) machte das Licht an – und stand blutüberströmt und mit zerfetztem T-Shirt vor ihr. Da erst wurde den Eltern klar, dass ihr Sohn mit einem Messer auf sie eingestochen hatte. Der Vater hatte schwere Verletzungen am Bauch und musste notoperiert werden.

Nach den Zeugenaussagen seiner Eltern stand der Sohn auf und entschuldigte sich unter Tränen. „Ich werde Mama und Papa das nie wieder antun.“ Beide Eltern baten um ein mildes Urteil, der Sohn sei „mit seiner Krankheit genug gestraft“. Richter Thomas Bott erklärte ihnen, dass es allerdings gar nicht um Strafe gehe, sondern darum, ob der 33-Jährige auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie muss. Der Prozess dauert an.

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