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Gegenseitiges Applaudieren gibt es auch an Stammtischen. Öfter werden jedoch Parolen ausgetauscht. Solche Situationen kommen aber auch im Freundeskreis, unter Kollegen und Nachbarn vor.  

Workshop in Bad Tölz für Asylhelfer

Nachfragen hilft gegen  Stammtischparolen

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„Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ – „Die wollen sich doch gar nicht integrieren!“ Was tun, wenn jetzt die Worte fehlen? Zu Gast bei einem Argumentationstraining gegen Stammtischparolen – mit Asylhelfern aus dem Landkreis.

Bad Tölz – „Und jetzt verrate ich Ihnen ein Zauberwort“, verkündet Christian Boeser-Schnebel und hat sofort die volle Aufmerksamkeit im Seminarraum. 14 Menschen, elf Frauen und drei Männer sitzen dort, die meisten von ihnen engagieren sich im Landkreis ehrenamtlich für Flüchtlinge. Boeser-Schnebel, Projektleiter des Netzwerks Politische Bildung Bayern und Dozent an der Uni Augsburg, leitet hier ein Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. „Politik wagen“ heißt das Buch zum Training, das er in den vergangenen fünf Jahren zusammen mit anderen Sozial- und Bildungswissenschaftlern erarbeitet hat. Veranstaltungen wie diese gibt es mittlerweile mehrmals wöchentlich in ganz Bayern. „Wir bekommen wahnsinnig viele Anfragen“, sagt Boeser-Schnebel.

Den Abend in Tölz hat das Kreisbildungswerk organisiert. Die Teilnehmer treffen sich im Tölzer Caritaszentrum, drei Stunden lang sprechen sie über Populismus und wie man ihm begegnet. Das Zauberwort erfahren sie schon nach einer Stunde. Es lautet „warum“. Zuhören und nachfragen statt abstempeln und dagegen reden ist ein Rezept gegen platte Aussagen. „Als Antwort selbst eine Wahrheit zu verkünden, ist heikel“, sagt der Dozent. Fragen zu stellen, sei dagegen „eine großartige Strategie. So lassen wir das Argumentationstraining die anderen machen“. Auf die Parole „Die wollen sich gar nicht integrieren“ könne man also erst einmal einhaken: „Warum bist du dieser Meinung?“ Oder: „Wer will sich nicht integrieren?“ Nur so komme man überhaupt in einen Dialog.

Genau hier liegt ein gesellschaftliches Grundproblem, das Christian Boeser-Schnebel ausgemacht hat: „Wir können uns über die großen Kontroversen im Land oft nicht mehr unterhalten.“ Im Freundeskreis, mit Kollegen und Nachbarn. „Unangenehme Themen werden gemieden. Man bleibt in seiner eigenen Echokammer.“ In einer Gesellschaft, die ständig streitet, bilden sich Fronten – aber in einer, die überhaupt nicht mehr streitet, eben auch, erklärt er. Denn Streit sei lediglich ein offenes Austragen einer Meinungsverschiedenheit – „er muss nicht zwangsläufig feindselig sein“.

Die Asylhelfer und Ehrenamtlichen im Raum haben jedenfalls oft genug Gelegenheit zum Streiten. „Ein Bekannter hat letztens auf der Straße einen dummen Witz über Syrien gemacht. Ich bin einfach weitergegangen. Mir fällt in solchen Situationen oft nicht das Richtige ein“, berichtet ein Mann. Eine Frau, die eine geflüchtete Familie aus Aleppo betreut, sagt: „Es ist oft erschreckend, was man gesagt bekommt. Manchmal frage ich zurück: ,Hast du dein Land schon mal aus Todesangst verlassen müssen?‘“ Ein Rentner, der ebenfalls ehrenamtlich arbeitet, erlebt Ähnliches: „Die wollen keine Afghanen hier haben, kennen aber nicht mal einen persönlich.“ Eine Flüchtlingshelferin ein paar Stühle weiter fasst zusammen, was viele hier umtreibt: „Mir gehen die Argumente aus.“

Geschliffene Totschlagargumente gibt der Wissenschaftler der Gruppe nicht mit nach Hause. „Es geht um die Haltung“, sagt Boeser-Schnebel. „Wir müssen dem Gegenüber die Möglichkeit geben, seine Gesprächsbereitschaft unter Beweis zu stellen.“ Selbstgerechtigkeit und Rechthaberei seien arrogant, Offenheit für andere Sichtweisen gefragt. „Im Zweifel für den Angeklagten.“

Stammtischparolen werden nicht nur bei der Asyl-Thematik gedroschen – auch über „die Politiker“ kursieren ständig Ansagen mit Allgemeingültigkeitsanspruch. Auch deshalb warnt Boeser-Schnebel die Seminarteilnehmer vor dem sogenannten „Grizzly-Modus“: Wenn der große Bär auftaucht, gibt es nur noch Flucht und Verteidigung. „Wer mit Emotionen überflutet wird, ist nicht mehr in der Lage, Argumente aufzunehmen.“ Wenn die Gemüter in einem Streitgespräch hochkochen, helfe oft ein ganz banales Mittel: Fünf Minuten Pause machen.

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