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Beim Schlussapplaus (v.li.): V olker Giesek (Klavier), Peter Zoelch (Saxophon und Klarinette), Harald Scharf (Kontrabass) und Solist Stefan Noell (Schlagzeug und Gesang).

Närrisch sein und blind harmonieren

Interessante Kombination: Peter Zoelch brachte kürzlich wieder einmal eine hörenswerte Formation auf die Bühne.

Bad Tölz – Zur Konzertreihe „Peter Zoelch & Friends“ lädt der Tölzer Jazzmusiker Peter Zoelch immer wieder andere, in der Szene bekannte Solisten in den Tölzer Kleinen Kursaal ein. Auf diese Weise bietet er den Tölzer Jazzfreunden stets neue, reizvolle Zusammensetzungen an. Weil das naturgemäß keine eingespielten Formationen sind, kommt dabei regelmäßig ein spannendes und verblüffendes Improvisieren zustande.

Am Freitag trat Zoelch zusammen mit dem Münchner Songschreiber, Drummer und Percussionist Stefan Noelle auf. Noelle ist ein bekennender Verehrer des Entertainers Sammy Davis jr. und hat ihn 1989 zusammen mit Frank Sinatra und Liza Minelli noch selbst in München erlebt. Zusammen mit Peter Zoelch, Volker Giesek (Klavier) und Harald Scharf (Kontrabass) intonierte er eine brillant virtuose Musik, die das begeisterte Publikum in seinen Bann zog.

Stefan Noelle traktiert sein Schlagzeug nicht wie ein wütender Berserker, sondern behandelt es so sanft und zärtlich wie eine Geliebte. Delikat, zart swingend und federnd macht er das Schlagzeug zum impulsgebenden Soloinstrument, erzeugt mit Groove und Klangmalereien eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Die thematische Klammer seines Liederabends bildet ein zu Musik gewordenes Lebensgefühl von „to be foolish“, was sich mit „närrisch sein“ übersetzen lässt und womit Noelle offenbar auch jene Lebensphase meint, in der man seine Eltern eher peinlich findet.

Stefan Noelle singt auch, doch das ist eher seine Schwäche: Seine Stimme hat einen größeren Tonumfang als die von so manch anderem, bekannterem „Star“, und Noelle kann sogar Vogelstimmen eindrucksvoll imitieren, doch sie ist allzu neutral und wenig charakteristisch. Nicht unbedingt Stimmbildung im klassischen Sinne, doch beispielsweise Rauheit oder Abgründigkeit, Schmelz, Betörung oder Sex-Appeal machen das Besondere einer Stimme aus.

Der größte Reiz solcher Jazzkonzerte besteht ja darin, wie glänzend eine so zusammengewürfelte Gruppe von eigenständigen Vollblutmusikern blind miteinander harmoniert, wie sie sich die Bälle zuspielen und mit effektvollem Improvisieren und bravourösen Solos ihr begeistertes Publikum zu spontanem Szenenapplaus hinreißen.

Der Kleine Kursaal war übrigens bis auf den letzten Platz gefüllt. Gleichwohl drängt sich eine Frage auf, ob überhaupt und welche Zukunft der Jazz in Bad Tölz haben kann: An die 90 Prozent der Zuhörer sind deutlich jenseits der 60, gehören also einer Nachkriegsgeneration an, für die der Jazz für eine Abgrenzung gegenüber den Alten und für eine neue Freiheit und Leichtigkeit des Seins stand. Dieses Gefühl lässt sich länger konservieren, doch was kommt danach? Rainer Bannier

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