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Auf Wildblumenwiesen wie dieser im Tölzer Farchet bei der Schreinerei Scholz finden Bienen & Co. Nahrung. Außerdem bieten sie Lebensraum für unzählige Tierarten. 

Natur-Projekt

Hier blüht dem Landkreis was

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Bad Tölz – Bunte Begonien, sauber geschnittener Rasen: So schauen die meisten öffentlichen Grünflächen aus. Für Bienen & Co. ist da wenig zu holen. Das soll sich ändern durch das Projekt „Blühender Landkreis“. Die Auftaktveranstaltung gab’s gestern im Landratsamt. Die Stadt Bad Tölz ist mit ihren Überlegungen aber schon etwas weiter.

Walter Wintersberger, Kreischef des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), freute sich. Im großen Sitzungssaal des Landratsamts reichten die Stühle kaum aus, um den knapp 100 Interessierten Platz zu bieten. Gemeinsam mit dem LBV hatten die Kreisimker und der Gartenbau-Kreisverband zu dem Treffen eingeladen. Unter den Gästen waren auch einige Bürgermeister, die sich informieren wollten, ob das Projekt auch etwas für ihre Gemeinde wäre.

Ziel ist es, „bunte Meter“ zu schaffen, also Flächen, auf denen heimische Wildblumen blühen. „Statt Einheitsgrün wollen wir Blumen und Pflanzen, die bienen- und hummelfreundlich sind“, erklärte Gartler-Kreischef Jürgen Gürtler. Wie viele dieser Flächen in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden sind, hat Kreis-Imkerchef Georg Kellner beobachtet, der 1967 mit der Bienenzucht begonnen hat. „Wir brauchen dringend Blühwiesen. Hätten wir mehr Artenvielfalt, würde es den Bienen auch besser gehen.“ Für mehr Biodiversität plädierte auch Wintersberger. Das „Netz des Lebens der Natur“ sei einst aus unzähligen Fäden gewebt gewesen. „In den letzten Jahrzehnten sind viele dieser Fäden gerissen. Das Netz hat Lücken bekommen – und gerade die Insekten sind von dieser negativen Entwicklung besonders betroffen.“ Jede Kommune könne aber dazu beitragen, dass „dieses Netz des Lebens wieder stabiler wird“.

Wie die Umwandlung von Grünstreifen und Rabatten zu Wildblumenparadiesen konkret funktioniert, erläuterte Biologe und Wildpflanzenexperte Reinhard Witt, der schon einige Kommunen auf diesem Weg begleitet hat. Er zeigte auch ganz konkrete Vorteile der Veränderung auf: Nach der Anfangsphase geringer Pflegeaufwand, dadurch niedrigere Kosten und: „Wenn Ihnen ein Lastwagen in die Verkehrsinsel reinrauscht, sind die Begonien hin, aber die Wildblumen, die sich natürlich vermehren, nicht.“ Setze man auf die richtige Saatmischung, so Witt, „schaffen Sie auf einer Verkehrsinsel einen Lebensraum für 300 bis 500 Tierarten“.

Bereits seit 1998 setzt die Gemeinde Haar im Landkreis München auf eine nachhaltige Strategie bei öffentlichen Grünflächen. Der dortige Umweltbeauftragte, Michael von Ferrari, hatte gestern viele Bilder mitgebracht. Rund 40 Flächen mit einer Gesamtgröße von vier Hektar wurden in Haar mittlerweile zu Magerflächen umgewandelt. „Das hört sich nicht nach so viel an, aber für mich zählt jeder Quadratmeter, der der Natur zurückgegeben wird.“ Der Humus wurde dafür abgetragen, danach wurden die heimischen Wildpflanzen auf dem Kiesboden ausgebracht. „Klassische Blumenrabatten gibt es schon auch noch. Aber sie werden weniger“, sagte von Ferrari. Das spart der Gemeinde spürbar Geld: Für die verbliebenen 18 Rabatten mussten im vergangenen Jahr 57 000 Euro – beispielsweise um Pflanzen zu kaufen – aufgewendet werden. Das sind 186 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Die Pflege der Magerflächen kostet gerade einmal 1,30 Euro pro Quadratmeter.

Mittlerweile gibt es in Haar auch Bürger, die Patenschaften für Blühflächen übernehmen, Schulen gestalten ihre Pausenhöfe naturnah um. Natürlich sei aber auch mit der einen oder anderen Beschwerde aus der Bürgerschaft zu rechnen, wenn die Kommune gepflegten Rasen und Mutterboden durch Kies und Sand als Unterbau für die Magerflächen ersetzt, merkte Witt an. „Das versteht vielleicht der eine oder andere nicht“, aber das gebe sich schon, ermutigte er die Bürgermeister.

Auch von Ferrari hofft, dass es viele Nachahmer der Gemeinde Haar gibt. Er könne es nur empfehlen, „denn: Da blüht Ihnen was.“

Der LBV hofft nun, dass sich einige Gemeinden melden, die Interesse an dem Projekt haben und dieses unter Begleitung von Witt umsetzen. Zu diesem Weg entschlossen hat sich bereits die Stadt Bad Tölz: Sie lässt gerade ein Pflegekonzept für naturnahe Grünflächen erstellen.

Stadt Bad Tölz erarbeitet Konzept für naturnahe Grünflächen

Die Stadt Bad Tölz will wilder werden – zumindest wenn es um die Gestaltung von Rabatten, Straßenrändern und anderen öffentlichen Grünflächen geht. Die Lenggrieser Landschaftsgärtnerin Franziska Bauer wurde damit beauftragt, alle städtischen Grünanlagen unter die Lupe zu nehmen und aufzuzeigen, wie man sie in naturnahe Blühflächen umwandeln kann. „Der Bund Naturschutz ist eigentlich schon lange dran, mit dem Bauhof ein Konzept zu erarbeiten“, sagt Grünen-Stadtrat Franz Mayer. Die Gespräche seien „konstruktiv, aber auch kontrovers gewesen“, schildert der Tölzer. Irgendwie kam man jedenfalls nicht auf einen gemeinsamen Nenner. „Da haben wir gesagt, wir holen jemand Externes, der uns unterstützt“, so der Stadtrat. Die Kommune setze hier nicht auf „klein, klein. Sondern wir schauen, dass wir was möglichst Sinnvolles für alle unsere Flächen auf die Beine stellen“. Und Flächen gibt es im Stadtgebiet viele – angefangen bei den Verkehrsinseln und Kreisverkehren über die Grünstreifen an der Straße und die Leiten an der Karwendelstraße bis hin zum Vollmöllerpark an der Benediktbeurer Straße. Mitgetragen wird die naturnahe Umgestaltung vom Bauamt, der Tourist-Info, aber beispielsweise auch den Tölzer Kräuterpädagoginnen. Die Bestandsaufnahme wird sich noch bis ins nächste Jahr ziehen, um alle Vegetationsperioden mitzunehmen. Mayer: „Aber die ersten Pflegemaßnahmen werden wir schon heuer festlegen.“

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