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NS-Erbe vom Speicher: Im Stadtmuseum zeigt Elisabeth Hinterstocker zwei Gipsmodelle für die erste Junkerschule im Badeteil. Das vordere wurde zum Teil umgesetzt, das hintere, kasernenartigere weist den Weg zur zweiten Junkerschule auf der heutigen Flinthöhe. Im Hintergrund ist der Entwurf für einen Festsaal mit Säulenkolonade zu sehen. 

Ausstellung im Stadtmuseum 

Nazi-Visionen für ein großes Tölz

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Ein klobiges Mahnmal auf dem Kalvarienberg. Und ein burgartiges „Kreishaus“ am Hang vom Hotel Kolbergarten bis zum Taubenloch: Hätte die Nazi-Herrschaft länger angedauert, hätte sich das Gesicht von Bad Tölz dramatisch verändert. Welche Pläne dafür in der Schublade lagen, das zeigt aktuell eine Ausstellung im Tölzer Stadtmuseum.

Bad Tölz„Bauprojekte der Hybris“ ist der Titel der aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum: Es scheint, als solle das Fremdwort verschämt verschleiern, worum es geht. Hybris, also Selbstüberschätzung und Größenwahn, war freilich prägend für die nationalsozialistischen Baupläne in Bad Tölz. Man hätte es aber auch deutlicher benennen können: Das Stadtmuseum zeigt, wie Stein gewordene Nazi-Ideologie Tölz teils geprägt hat und noch weiter hätte umkrempeln können.

Museumsleiterin Elisabeth Hinterstocker hat in diesem Zusammenhang echte Raritäten entdeckt: Gipsmodelle für Nazibauten. Die lagen, verborgen in Holzkästen, auf dem Speicher des Stadtmuseums. „Fast überall wurden nach dem Krieg alle Objekte, auf denen ein Hakenkreuz war, vernichtet“, sagt Hinterstocker. Ob die Tölzer Gipsmodelle seit den 1930er-Jahren bewusst im damaligen Rathaus aufbewahrt wurden, ob man sie schlicht in ihren Holzkästen vergessen hat, ob sie zu einer späteren Zeit dort hingebracht wurden: Das liegt im Dunkeln.

Nun sind die drei sehr detailliert gearbeiteten Modelle erstmals öffentlich zu sehen. Zwei davon sind unterschiedliche Varianten der ersten Tölzer „Reichs-Führerschule“ im Badeteil. Ein Modell wurde zum Teil umgesetzt: Ein Karree, an der Vorderseite offen mit einer Art Palais in der Mitte. Der spätere VKH-Hauptbau wurde 1992 abgerissen. 1934 bezog der erste Jahrgang mit 100 Junkern das Schulungszentrum, es war eine von vier Junkerschulen neben Klagenfurt, Braunschweig und Prag. Die zwei äußeren Flügel des Baus sind noch heute zu sehen, wenn auch in stark veränderter Gesamterscheinung: die Asklepios-Stadtklinik.

Ganz unabhängig von der dahinterstehenden Ideologie und der Bestimmung des Gebäudes findet Hinterstocker diesen Entwurf noch halbwegs „bürgerlich“ und mit architektonisch interessanten Aspekten: „ein Nutzbau, kein schlechter Entwurf“.

Im Vergleich dazu wirkt das daneben ausgestellte Alternativmodell schon deutlich „kasernenartiger und martialischer“, so Hinterstocker. Ein Vierseitbau mit Appellplatz, Wachturm mit Hakenkreuz und Reichsbanner, einem Balkon für Ansprachen sowie mit turmbewehrter Zufahrt. Im Badeteil wurde diese Variante nie umgesetzt. Sie verweist dafür schon in Richtung der von 1935 bis 1937 mit von der Leine gelassenem Größenwahn errichteten zweiten Junkerschule an der Sachsenkamer Straße – ein Prestigebau mit Unterrichtsräumen, Audimax, Kino, Reithalle, Schwimmbad, Kegelbahn, Tennisplätzen und marmorvertäfelter Elektrozentrale.

Etwas rätselhaft ist für Hinterstocker noch das dritte Gipsmodell: ein Festsaal mit Säulenkolonaden, von dem sie nicht weiß, wo er vorgesehen war. Denkbar sei, dass man so den Saal im „Bruckbräu“ umgestalten wollte. Von der monumentalen Ästhetik her erinnert der Entwurf Hinterstocker an den „Führerbau“ in München.

Während Hinterstocker der Architektur für die erste Junkerschule noch einen gewissen praktischen Nutzen zuspricht, hätten sich die Pläne für weitere NS-Bauten „weit von dem entfernt, was in irgendeiner Form benötigt wurde“. Von den Proportionen her misslungen und stilistisch „eine krude Zusammenstellung“ hält die Museumschefin die Skizzen aus der Feder des damaligen Stadtbaumeisters Eugen Rösner, die ein NS-Mahnmal auf dem Kalvarienberg zeigen. „Es hätte wohl eine Art Walhalla werden sollen – ein enorm massives Teil mit seltsamen Pyramidenstümpfen, fast orientalisch anmutend.“ Eine Treppe mit 250 Stufen hätte frontal zu der Pilgerstätte hinaufführen sollen. Kirche und Kapelle sollten abgerissen werden.

Das gleiche Schicksal hätte das Hotel Kolbergarten ereilt, wären die Pläne für ein „Kreishaus“ umgesetzt worden, das sich – halb Trutzburg, halb Mittelalter-Palast – über hohen Kaimauern am Isarufer bis weit die Böschung hinauf erstreckt hätte. Den Planentwürfen nach wäre es für riesige Kundgebungen und Politinszenierungen geeignet gewesen. Bei allen Planungen galten Hinterstocker zufolge zwei Devisen: „Je mehr desto besser“ sowie „Groß, größer, am größten“.

Warum waren derartig gigantomanische Projekte gerade in Tölz vorgesehen? Hinterstocker denkt, dass viele Städte sich im Sinne der NS-Ideologie architektonisch verändern sollten – aber Tölz wohl ganz besonders. „Es gab hier schon relativ früh vereinzelte NSDAP-Anhänger“, sagt sie. Zudem habe sich der schöne, repräsentative Ort vor dem Alpenpanorama, der nicht umsonst Kurgäste vom russischen Adeligen über Marc Twain bis hin zum Ölmillionär anlockte, wohl besonders gut zur Selbstinszenierung des Regimes geeignet. Die Rathausführung sei ihrerseits den NS-Bauherren entgegengekommen, habe darin eine Chance gesehen. „Man dachte, die Zukunft der Stadt liegt in diesem neuen Reich.“

Heute hält es Hinterstocker für angebracht, sich beim Betrachten der Architekturentwürfe „zu hüten, emotional zu werden“. Die Ausstellung solle vielmehr sachlich bewusst machen, wie schnell sich eine Stadt und mit ihr die Gesellschaft wandeln kann. Das sieht man zum Beispiel an einer Reihe von Fotos, die in einem der beiden Ausstellungsräume an die Wand projiziert werden. Statt Trachtenumzügen prägten plötzlich Massenaufmärsche das Stadtbild – mit einem Meer an Hakenkreuz-Fahnen.

Ausstellung und Vortrag

Die Ausstellung ist noch bis Sonntag, 19. Februar, zu sehen. Mit demselben Themenfeld befasst sich der Vortrag „Braune Expansion“ von Dr. Susanne Meinl, zu dem der Historische Verein am Dienstag, 7. Februar, um 19.30 Uhr ins Stadtmuseum einlädt. Die Zeitgeschichtlerin zeigt, wie sich NS-Größen, darunter der Reichsleiter und Hitler-Sekretär Martin Bormann, der schönsten Flecken Oberbayerns bemächtigten. Es entstanden Villenareale für die braune Prominenz, Kasernen und Schulungsstätten. Meinl stellt eine Verbindung zwischen den Tölzer NS-Bauten und den Bauprojekten der NSDAP in Pullach, München und am Obersalzberg her.

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