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Wenn die Seele krank ist

Neue Serie: Psychisch kranke Menschen erzählen, was ihnen Sorgen macht

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Laut Statistik gerät jeder Dritte mindestens einmal im Leben in eine so schwere psychische Krise, dass er professionelle Hilfe bräuchte. Trotzdem gelten seelische Krankheiten als Tabu - weil es an Wissen fehlt. Eine neue Serie des Tölzer Kurier will das ändern.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Seine Freunde rieten Rainer Müller davon ab, sich öffentlich zu seiner psychischen Krankheit zu bekennen. Die Vorurteile seien zu groß, das Verständnis zu klein. Doch genau deshalb gibt der Lenggrieser offen zu, an einer leichten bipolaren Störung zu leiden. „Es ist an der Zeit, über psychische Krankheiten zu sprechen.“ Zusammen mit Dr. Arnold Torhorst, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wandte sich Müller an den Tölzer Kurier. Das Ziel der beiden: eine Artikel-Serie über verschiedene Krankheitsbilder, die nicht den Körper befallen, sondern die Seele. Betroffene sollen unter anderem schildern, was für ihre Störung typisch ist und wie sie und ihr Umfeld damit umgehen. Enden soll die Reihe am Tag der seelischen Gesundheit am Mittwoch, 10. Oktober, mit einer Podiumsdiskussion in der Franzmühle.

„Es fehlt an Verständnis und Wissen.“

Eine öffentliche Debatte tut laut Torhorst Not. Noch immer hören einige seiner depressiven Patienten Sätze wie: Nimm dich doch einfach mal zusammen. „Es fehlt an Verständnis und Wissen“, sagt Torhorst. Wie physische Krankheiten auch haben Depressionen – zumindest schwere – eine körperliche Ursache: Im Gehirn der Betroffenen werden zu wenige Botenstoffe produziert. Bei Patienten mit schizophrenen Psychosen beispielsweise gibt es zu viele dieser Neurotransmitter. Oft sind die Betroffenen erblich vorbelastet. Mithilfe von Medikamenten könne man die Patienten aber gut stabilisieren, sagt Torhorst.

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Dr. Arnold Torhorst: Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Die sogenannten psychosomatischen Störungen gelten sogar als heilbar, Verhaltenstherapien sei Dank. Die Betroffenen entwickeln körperliche Beschwerden, die durch psychische Belastungen hervorgerufen werden. Angstneurosen gehören zu dieser Gruppe, aber auch Essstörungen oder chronische Schmerzen. „Es kann jeden treffen“, sagt Torhorst. Ihm zufolge gerät jeder Dritte mindestens einmal in seinem Leben in eine Krise mit Krankheitswert. Glücklicherweise seien die Hausärzte inzwischen für die Problematik sensibilisiert und vermittelten ihre Patienten weiter.

Torhorst behandelt im Schnitt 750 Fälle pro Quartal in seiner Praxis an der Ludwigstraße in Bad Tölz. Dazu zählen auch die Patienten aus dem ReAL-Verbund Isarwinkel, eine psychiatrische Reha-Einrichtung im alten städtischen Krankenhaus. Torhorst rief sie 1995 ins Leben und fungiert zusammen mit seiner Tochter als Geschäftsführer. Ursprünglich wollte Torhorst bereits 1992 eine entsprechende Station in der Stadtklinik etablieren. Doch der Sturm der Entrüstung in der Bevölkerung war groß und vereitelte seine Pläne zunächst. „Viele befürchteten, dass die Kurgäste ausbleiben, wenn psychisch Kranke durch Tölz laufen“, erinnert sich der 71-Jährige.

Heute sei die Akzeptanz in der Gesellschaft größer. Dennoch seien psychische Krankheiten noch immer ein Tabu-Thema, die Vorurteile und Ängste groß. Als Experte sieht sich Torhorst in der Verantwortung, Aufklärungsarbeit zu leisten. Er sagte sofort zu, als Rainer Müller mit seiner Idee einer Artikel-Reihe an ihn herantrat.

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Müller holte sich bei dem Psychiater professionelle Unterstützung, um seine bipolare Störung in den Griff zu bekommen. Torhorst machte Müller zu einem Experten für seine Krankheit. Auch sein Umfeld weiß dank dieser Psycho-Edukation, wann es Zeit ist, „stopp“ zu sagen. „Solche Grenzen sind hilfreich für mich“, erklärt der 67-Jährige. Zusätzlich nimmt er Medikamente. Denn auch bei ihm ist das Gleichgewicht an Botenstoffen im Gehirn durcheinander.

Dank Therapie und Arzneimitteln führt Müller ein normales Leben. Bis vor eineinhalb Jahren arbeitete er voll und engagierte sich ehrenamtlich. Jetzt im Ruhestand fährt er noch immer Kinder mit Handicap morgens zur Schule und holt sie nach dem Unterricht wieder ab. „Nur die wenigsten psychisch Kranken sind schwer gestörte Straftäter“, betont Müller. Viele seien wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, diese Einsicht solle sich endlich im öffentlichen Bewusstsein durchsetzen. „Psychische Krankheiten sind eigentlich etwas ganz Normales“, sagt Müller. So wie körperliche Krankheiten eben auch.

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