Ein digitaler Strommesser: Mit Modem lassen sich Daten überall hin übertragen. dpa

Einführung der Elektronischen Stromzähler beginnt 

Weniger Ferraris auf der Stromautobahn

Schon mal was von Smart-Meter gehört? Zwei Drittel der Deutschen werden nun verneinen. Dabei beginnt heuer der verpflichtende Einbau dieser „intelligenten Stromzähler“. Hohe Kosten, wenig Effizienz, sagen Tölzer Stadtwerke und Verbraucherzentrale München.

Bad Tölz – Seit einem Jahr gilt das Bundesgesetz, wonach ab 2017 schrittweise intelligente Messsysteme eingeführt werden sollen. Sinn ist, wie SPD-Bundestagsabgeordneter Klaus Barthel auf Anfrage mitteilt, den Stromverbrauch transparent zu machen und dazu zu motivieren, effizient mit Energie umzugehen. Ab 2017 sind alle Stromkunden mit einem Verbrauch von mehr als 10 000 Kilowattstunden (kWh) im Jahr betroffen, ab 2020 sind alle größeren Haushalte und Geschäfte mit mehr als 6000 kWh an der Reihe. Zur Orientierung: Ein Vier-Personen-Haushalt benötigt rund 4200 kWh im Jahr.

Intelligent heißt, dass die Daten per Modem an einen zentralen Rechner übertragen werden. Dort werden sie aufbereitet und an den jeweiligen Stromversorger und Kunden übermittelt. Vorteil: Theoretisch können Smart-Meter auch Signale empfangen und elektrische Geräte (Beispiel Waschmaschine) in einem vernetzten Haus zum billigeren Nachttarif automatisch an- und ausgeschaltet werden.

Der herkö mmliche Ferraris-Zähler. Er soll vom Smart-Meter abgelöst werden.

Da der Anteil der erneuerbaren Energien immer mehr steigt, die wiederum stark wetter- und tageszeitenabhängig sind, hält Gesetzes-Befürworter Barthel eine Verknüpfung von Stromerzeugung, -Verbrauch und -Netzen für unvermeidlich. Zumal ja, so betont auch sein CSU-Kollege Alexander Radwan Kleinhaushalte (unterhalb 6000 kWh) ausdrücklich von der Austauschpflicht der alten halbmechanischen Stromzähler (sogenannte Ferraris-Zähler) ausgenommen sind. Radwan: „Ich bin beim Thema Zwangsbeglückung sehr zurückhaltend und setze da eher auf den Markt und freiwillige Lösungen.“

Geschäftsführer Walter Huber von den Tölzer Stadtwerken, die für den Einbau zuständig sind, zweifelt allerdings, ob es bei dieser Freiwilligkeit bleibt. Er schätzt die Zahl der Klein-Verbraucher unter 6000 kWh etwa auf die Hälfte. Es sei doch unlogisch, wenn der Gesetzgeber auf den Zugriff auf diese Hälfte verzichte, wenn er doch Energie sparen wolle.

Huber hat ein ganzes Bündel an Kritikpunkten an dem neuen Gesetz. Es gebe im Handel noch gar keine Geräte, die man einbauen könne. „Die müssen noch entwickelt werden.“ Darum werde man in Tölz heuer bestimmt noch keine 10 000-kWh-Haushalte „beglücken“ können. Die Einbau- und Betriebskosten würden für den Endverbraucher „mit Sicherheit“ höher sein als die Ersparnis. Der Stromverbrauch der Millionen von deutschen Modems, sagt Huber, sei so hoch, dass allein dafür ein Kleinkraftwerk ausgelastet sein werde. Die intelligenten Stromzähler, sagt Huber, müssten nach sechs Jahren ausgetauscht werden. Die alten Ferraris, benannt nach ihrem Erfinder Galileo Ferraris, hielten 32 Jahre und müssten nur alle 16 Jahre geeicht werden.

Die zusätzlichen Kosten für die Verbraucher und der nicht erkennbare Vorteil für den Bürger sind auch zwei Punkte, die die Verbraucherzentrale München in einer Stellungnahme kritisiert. Und, ganz wichtig, „die fehlende Datensicherheit“. Für Hacker seien die Smart-Meter „grundsätzlich erreichbar“. Aus den gespeicherten Messwerten könnten Rückschlüsse auf Alltagsgewohnheiten und Lebensstandards geschlossen werden. Die Daten könnten auch für die Werbeindustrie von Interesse sein. Walter Huber nennt einen großen Suchmaschinen-Konzern, der sich schon erboten habe, für Messstellenbetreiber die Kosten für den Geräteeinbau zu übernehmen. Im Gegenzug würden die Daten ausgewertet. Der Geschäftsführer verweist auf die Niederlande, wo aus Datenschutzgründen ein ähnlich lautendes Gesetz gekippt wurde.

Über die Datensicherheit habe man im Vorfeld eingehend diskutiert, sagt Radwan, der die Kritik der Tölzer Stadtwerke gerne schon früher anlässlich eines Besuchs gehört hätte. Durch das „Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik“ seien entsprechende Sicherheitsstandards für die neuen Smart-Meter erarbeitet worden. So recht beruhigen kann das Walter Huber nicht: Das BSI, sagt er trocken, habe auch den mehrfachen Angriff von Hackern auf den Bundestag nicht verhindern können.

Von Christoph Schnitzer

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