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„Beim Glauben darf es keine Schnellschüsse geben“: Benjamin Bihl, seit Anfang September der neue Kaplan des Tölzer Pfarrverbands. 

Neuer Tölzer Kaplan: Berufung mit Umwegen

Bad Tölz - Mit 27 Jahren promovierter Theologe, mit 29 Priester. Das klingt nach einem schnurgeraden, schnörkellosen Berufungs-Weg. Ganz so war’s freilich nicht bei Dr. Benjamin Bihl. Seit Anfang September ist der 29-Jährige neuer Tölzer Kaplan.

Eigentlich hatte der gebürtige Stuttgarter mit den Fächern Mathematik, Physik und Astronomie geliebäugelt, als er im Gymnasium war. Die Religion war für den langjährigen Ministranten wichtig, aber nicht entscheidend für den Lebensweg. Das habe sich gewandelt, als er festgestellt habe, dass Logik und Naturwissenschaften keinen ausreichend tiefen Blick auf Wesen und Aufbau der Welt erlauben. „Da ist mehr, als wir augenscheinlich sehen.“

Von da an habe er in der Theologie Antworten auf die existenziellen Fragen gesucht. „Das war verbunden mit einem starken Wunsch, Priester zu werden“, sagt er. Als 20-Jähriger sei er deshalb ins Münchner Priesterseminar eingezogen. Auf das Vordiplom folgt dabei das sogenannte Freijahr. Die erste Hälfte verbrachte Bihl an der Uni Münster, die zweite Hälfte – in Kuba.

Über den Freund eines Freundes hatte Bihl die Adresse eines katholischen Pfarrverbands in dem kommunistischen Land bekommen. 170 Kilometer von Havanna entfernt arbeitete der Student nun in einem riesigen Pfarrverband, der 80 Kilometer Durchmesser hatte und 17 Pfarreien umfasste. Eine andere Welt. Der Kirchenbesuch sei außer an Festtagen eher mau gewesen. Man sei viel zu den Leuten gegangen. Er habe in dieser Zeit des Aufbruchs in Kuba viel erlebt und gelernt, berichtet der 29-Jährige. Auch, was es heißt, von der Hand in den Mund zu leben.

Als Bihl in die Überflussgesellschaft Deutschland zurückkehrte, habe ihn am ersten Abend der Anblick eines vollen Kühlschranks schlicht überfordert. „Ich ging dann ohne Essen ins Bett.“

Es sei schwierig gewesen, sich wieder in den Alltag einzugewöhnen. Priester zu werden, konnte sich Bihl nicht mehr vorstellen. Er trat aus dem Seminar aus und suchte sich in München eine Wohnung. Auch der Gedanke an ein Mathe-Studium sei wieder hochgekommen. Bihl blieb der Theologie treu und nahm die Promotion in Angriff. Es war für ihn die richtige Wahl. 2013 trat er wieder ins Priesterseminar ein. Nach der Diakonenweihe an Pfingsten 2015 wurde er heuer am 25. Juni in Freising zum Priester geweiht.

Für die Tölzer interessant: Den Pastoralkurs absolvierte Bihl in der Pfarrei Traunstein, wo er viel Kontakt zum früheren Tölzer Pfarrer Rupert Berger hatte. „Wir waren wahrlich nicht in allem deckungsgleich“, sagt der 29-Jährige offen. „Wir sind aber sehr gut miteinander ausgekommen“. Die Diskussionen mit Berger seien „sehr bereichernd“ gewesen. Und zu diskutieren gab es bestimmt viel. Rupert Berger befürwortete etwa das Diakonat der Frau. Benjamin Bihl ist der Meinung, dass man die durchaus nötige Wertschätzung der Arbeit der Frauen in der Kirche nicht für das Sakrament der Weihe „verzwecken“ dürfe. Ganz generell vertritt er, wenn’s um die Grundlagen des Glaubens geht, die Auffassung, dass es „trotz allen Anpassungsdrucks keine Schnellschüsse geben darf“. Und er spricht von der „Demut vor der Geschichte“. Man solle sich bei allen Kirchenreformen viel Zeit lassen.

Dass er von Traunstein nun nach Bad Tölz kommt, gefällt Benjamin Bihl, der als Hobby übrigens das Schreinern betreibt. Eine Großstadt wie München sei ihm „zu viel“. In Tölz gebe es städtische Strukturen und eine starke kulturelle und traditionelle Prägung. „Mir liegen solche Städtchen“, sagt Bihl. Christoph Schnitzer

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