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Vergessene Geschichte(n) und rare Fotos aus Bad Tölz auf 165 Seiten

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Das Tölzer Turnvereinsmitglied Max Duffek wettete, dass es sich auf eine Million Arten durch die Welt bewegen könne. Das ist eine davon. Der Mann bestritt so seinen Lebensunterhalt.
Das Tölzer Turnvereinsmitglied Max Duffek wettete, dass es sich auf eine Million Arten durch die Welt bewegen könne. Das ist eine davon. Der Mann bestritt so seinen Lebensunterhalt. © Foto: Stadtarchiv Abensberg

„Bad Tölz – Rare Fotos, vergessene Geschichte(n) – 1920 - 1950“: So heißt das neue Buch von Christoph Schnitzer, Sebastian Lindmeyr und Martin Hake. Auf 165 Seiten gibt es echte Perlen der Tölzer Geschichte zu entdecken.

Bad Tölz – Der rauschende Beifall nach der Präsentation seines neuen Buches „Bad Tölz – Rare Fotos, vergessene Geschichte(n) – 1920 - 1950“ machte Christoph Schnitzer erkennbar ein wenig verlegen. Verdient war der Zuspruch der Zuhörer allemal, denn schon die wenigen Fotos und Textpassagen, die der Kurier-Redakteur präsentierte, lassen ahnen, wie viel Arbeit in diesem neuen, zweiten Band steckt.

Die enge Beziehung von Hans Scholl nach Bad Tölz

Allerdings hat Schnitzer zwei kompetente Unterstützer. Da wäre einmal Martin Hake, pensionierter Maschinenbau-Ingenieur, der sich in Bad Tölz vor allem mit seinen Recherchen und Kenntnissen über Nobelpreisträger Thomas Mann einen Namen gemacht hat. „Er schwimmt mit kraftvollen Stößen durch die Tiefen des Internets“, urteilt Schnitzer über seinen Mitstreiter. Hake vor allem sind etwa die historisch bedeutsamen Erkenntnisse über die engen Beziehungen zwischen Hans Scholl, dem Begründer der NS-Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, und der Stadt Bad Tölz zu verdanken. Hake war’s auch, der Klaus Borchers ausfindig machte, den mutmaßlich einzig noch lebenden Tölzer, der – damals zehnjährig – Hans Scholl bei dessen zahlreichen Besuchen in der Isarstadt erlebte. Das im Video festgehaltene Interview mit dem vitalen 91-jährigen Klaus Borchers sei „ein Höhepunkt der zweijährigen Recherche“, urteilt Schnitzer.

Für die Präsentation und das neue Buch erhielten sie verdienten Beifall: (v.li.) Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr, Autor Christoph Schnitzer und Rechercheur Martin Hake.
Für die Präsentation und das neue Buch erhielten sie verdienten Beifall: (v.li.) Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr, Autor Christoph Schnitzer und Rechercheur Martin Hake. © Hans Staar

300 Fotos und ihre Geschichte vor dem Vergessen bewahrt

Nicht minder bedeutungsvoll bei den Recherchen für die Neuerscheinung ist Sebastian Lindmeyr. Freimütig bekennt der Stadtarchivar, dass er durchaus stolz auf das Buch ist. Gleichzeitig betont er aber: „Ein Kunde wie Christoph Schnitzer ist ein Riesen-Glücksfall für jeden Archivar. Er profitiert von meiner Arbeit, aber eben ich auch von seiner. Wir spielen uns die Bälle gegenseitig zu.“

Das Hauptverdienst der Beteiligten ist wohl, dass sie eine Vielzahl berichtenswerter Begebenheiten oder Ereignisse zutage gefördert und auf 165 Seiten und mit mehr als 300 Fotos erst einmal vor dem Vergessen bewahrt haben. Glücklich gemacht haben sie damit Claus Janßen, den Vorsitzenden des Historischen Vereins, der in seiner Begrüßungsrede wirkte wie ein Bub kurz vor der Weihnachtsbescherung: „Freuen Sie sich mit mir auf diesen Band!“

Die Sache mit den Tölzer Leichenwagen

Zu den Episoden, bei deren Vorstellung etliche Zuhörer ein Kichern nicht unterdrücken konnten, gehört eine im Grunde sehr delikate: Brieflich erkundigte sich anno 1929 die Tölzer Stadtverwaltung bei diversen Kurorten, wie diese mit verstorbenen Kurgästen umgingen. Pensionsbesitzer hatten gefordert, dass der städtische Leichenwagen möglichst nur nachts und in aller Stille die Toten abholen sollte. Die Stadtverwaltung prüfte alle Vorschläge – und verwarf sie. Der Leichenwagen wurde für 90 Reichsmark ein wenig aufgehübscht – und fuhr weiterhin tagsüber.

Erinnerungen an die Tölzer Motorsporttage

Auf fünf Seiten erinnert das Buch an die Tölzer Motorsporttage anno 1927 und 1928, deren Höhepunkt ein Rennen für Solofahrer und Seitenwagengespanne war. Bis zu 8000 Zuschauer sollen die Rennstrecke zwischen der Einbachmühle und der Anhöhe bei Schwaig gesäumt haben. Die Maschinen erreichten auf der damals noch nicht asphaltierten Strecke Geschwindigkeiten von deutlich über 80 Stundenkilometern. Ein grauenhafter Unfall beendete das Spektakel ein für allemal. Ein Gespann war gegen einen Baum gerast, Fahrer und Beifahrer kamen ums Leben. Gaffer sollen einem der Sterbenden sogar auf die Hände getreten sein.

Die Geschichte von zwei bemerkenswerten Frauen

Erinnert wird im Buch auch an zwei bemerkenswerte Frauen: Elise Heufelder, die 1919 für die neu gegründete Bayerische Volkspartei als erste Frau in den Tölzer Stadtrat gewählt wurde. Und schließlich Christl-Maria Schultes, aufgewachsen im Forsthaus Oberenzenau. Sie machte sich als Kunstfliegerin einen Namen – und endete tragisch: 1931 stürzte sie beim Versuch einer Weltumrundung bei Passau ab. Die Amputation des schwer lädierten linken Beines beendete die Pilotenkarriere.

Max Duffek und seine kuriose Wette: Fortbewegung auf eine Million Arten

Aus dem Dunkel der Vergangenheit emporgeholt haben die Autoren Max Duffek. Der gebürtige Abensberger wettete nach seiner Gehilfenzeit in einer Tölzer Konditorei mit Turnvereinskameraden, er könne sich auf eine Million Arten fortbewegen. Bilder zeigen ihn im Handstand auf der Kühlerhaube eines Autos, reitend auf einem Staußenvogel, fahrend auf einem Rasenmäher. Duffek verbrachte den Rest seines langen Lebens damit, die Wette zu gewinnen und sich in aller Welt selbst zu vermarkten.

Band 3 ist bereits in Arbeit

Außerdem geht’s um Tölzer Käse, die Franzmühle, das Schwimmbad Eichmühle, das Drama um die neue Feuerspritze und den Großbrand bei der Firma Moralt, das Walchenseekraftwerk, die Flößerei, weshalb Karl Valentin Bad Tölz nicht ausstehen konnte und und und... „Das Buch hat die Leistungsfähigkeit der Tölzer Historiker unter Beweis gestellt“, sagt Christof Botzenhart, Kulturbeauftragter des Stadtrats. „Eine ganz, ganz große Leistung – mit einem irren Aufwand.“ Verraten sei, dass Schnitzer bereits Material für Band 3 (ab 1950) sammelt. Er soll 2023 erscheinen. (hst)

Das Buch: Bad Tölz – Rare Fotos, vergessene Geschichte(n) – 1920-1950, Preis: 24,80 Euro. Erhältlich im örtlichen Buchhandel, Geschäftsstelle Tölzer Kurier, Tankstelle Schnitzer, Ludwigstraße 36 sowie im Internet auf www.isarfloesser.de

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