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Das neue Organspende-Gesetz wird auch im Landkreis kontrovers diskutiert. 

Mediziner und Pfarrer nehmen Stellung

Neues Organspende-Gesetz: Im Tölzer Land gehen dazu die Meinungen auseinander

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Der Bundestag hat am Donnerstag ein neues Organspende-Gesetz verabschiedet. Die Meinungen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen dazu gehen auseinander.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Dr. Doris Gerbig ist nicht glücklich mit der Bundestags-Entscheidung zur Organspende. „Aus Sicht der vielen Menschen, die auf ein Spenderorgan warten“, findet sie es bedauerlich, dass die Abgeordneten die „doppelte Widerspruchslösung“ abgelehnt haben. Demnach wäre jeder Mensch, der dem nicht ausdrücklich widersprochen hat, als Spender in Frage gekommen.

Dr. Doris Gerbig

„Kein Mensch wäre gezwungen worden, Organspender zu werden“, sagt die Chefärztin an der Heilbrunner Fachklinik. „Man hätte ja auch die Freiheit, Nein zu sagen. Aber sich einmal im Leben Gedanken darüber zu machen, ob er zu diesem letzten Akt der Menschlichkeit bereit ist, das kann man von einem mündigen Bürger schon verlangen.“

In die Heilbrunner Fachklinik kommen jährlich etwa 600 transplantierte Menschen zur Nachsorge-Reha. 100 bis 120 Menschen werden behandelt, nachdem sie selbst eine Niere gespendet haben, weitere 100 bis 200 sollen während der Wartezeit auf eine Spenderniere fit gehalten werden.

Gerbig erlebt die Situation der Betroffenen hautnah mit. „Menschen bekommen acht, zehn, zwölf Jahre Dialyse. In dieser Zeit nehmen die Begleiterscheinungen wie Müdigkeit immer mehr zu, die Berufsfähigkeit wird geringer.“ Zu beobachten, wie sich der Zustand eines Patienten verschlechtere, bis er als nicht mehr geeignet für eine Transplantation gelte und von der Warteliste genommen werde, „das tut richtig weh“, so die Medizinerin.

Widerspruchslösung wäre eine „unbürokratische Lösung“ gewesen

Weil es an Spenderorganen mangelt, würden sich immer öfter nahe Angehörige zur Lebendspende entschließen, also eine eigene Niere hergeben. „Da nimmt ein völlig Gesunder ordentlich Leid auf sich.“

Umgekehrt beobachtet Gerbig, wie Menschen nach einer Transplantation „aufsteigen wie Phönix aus der Asche“. Die Widerspruchslösung wäre aus Gerbigs Sicht eine unbürokratische Lösung gewesen, um die prinzipiell große Organspendebereitschaft der Bevölkerung in die Realität zu überführen.

Die nun beschlossene „Zustimmungslösung“ sei zu akzeptieren, sagt Gerbig. Das Gesetz sieht vor, dass Menschen Info-Material bekommen, wenn sie einen Personalausweis beantragen und sich bei der Abholung vor Ort in ein Online-Register eintragen können – mit einem Ja oder Nein. „Eine Verwaltungsbehörde ist sicher nicht der richtige Rahmen für so eine Frage“, findet die Spezialistin. Immerhin: Dass ein Online-Register eingeführt werde, sei „schon mal gut“. Insgesamt kann Gerbig in dem Gesetz aber keinen großen Fortschritt erkennen.

Kirchen sind gegen Widerspruchslösung

Gegen die Widerspruchslösung hatten sich die Kirchen ausgesprochen. Auch dem evangelischen Dekan Martin Steinbach aus Bad Tölz wäre dabei nicht wohl gewesen. Selbst besitzt Steinbach zwar einen Organspendeausweis. „Aber generell bin ich ein Typ, der nicht alles vorplant – und so ist es, glaube ich, bei vielen Menschen.“ Persönlich hätte Steinbach die Sorge, dass bei einer Widerspruchslösung die Organentnahme von Zufällen abhängt – etwa, ob man Zeit gefunden hat, seinen Willen zu dem Thema irgendwo festzuhalten, oder ob man zum Todeszeitpunkt gerade den Spenderausweis dabei hatte. „Mir wäre lieber, wenn mit den Angehörigen Rücksprache gehalten wird.“

Auch der katholische Dekan Thomas Neuberger hätte die Widerspruchsregelung nicht befürwortet. „Es gibt in vielen Bereichen den Trend zu sagen: Etwas gilt als stillschweigend angenommen, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht“, sagt der Dietramszeller. Doch darin sieht er „einfach nur einen Weg, um möglichst einfach durchzukommen. Es entlastet einen von der Verpflichtung, eingehend aufzuklären“. Das sei aber gerade bei einem wichtigen Thema wie der Organspende dringend nötig. „Man sollte genau wissen, wie das Prozedere ist, und auch, welche Auswirkungen es auf die Angehörigen und das Abschiednehmen hat. Dann kann man bewusst sagen: Ich möchte es, oder ich möchte es nicht.“

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