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Hohe Kosten und praktische Probleme beklagen viele Dachdecker durch eine neue Verordnung zur Entsorgung alten Dämmmaterials. 

Neuregelung zur Styropor-Entsorgung

Teurer Müll auf dem Dach

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Bad Tölz - Dachdecker müssen altes Styropor nach einer EU-Verordnung separat entsorgen, weil das Dämmmaterial ein gesundheitsschädliches Brandschutzmittel enthält. Der teure Müll ärgert auch die Entsorger. Sie sprechen von bürokratischem Unsinn.

 Wenn Markus Greiner eine Tonne Styropor entsorgen wollte, zahlte er bis Ende September noch 160 Euro. Seit 1. Oktober sind es 1200 Euro. Für den Dachdecker aus Kochel „ging da der Wahnsinn los“. Der Wahnsinn, das ist für ihn die EU-Verordnung, die das Flammschutzmittel „Hexabromcyclododecan“ (HBCD) als gefährlichen Abfall einstufte. Gesundheits- und umweltschädlich ist HBCD tatsächlich. Sein Gift setzt sich in Organismen fest und wird weltweit in Fischen und anderen Tieren nachgewiesen. Deshalb ist der Stoff seit 2013 weltweit verboten.

In vielen Flachdächern, die Dachdecker im Landkreis sanieren oder abreißen, taucht er aber nach wie vor auf. HBCD steckt in Dämmmaterialien aus Styropor, die Baufirmen deutschlandweit in finanzielle Nöte bringen. Wegen der neuen Müll-Richtlinie müssen sie die alten Platten separat und damit teurer entsorgen.

Bei Greiner, der die Firma 2001 vom Vater übernommen hat, fällt das Wort „Regulierungswut“ – wie so oft im Zusammenhang mit EU-Verordnungen. Und dabei ist Greiner, wie er selbst sagt, noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. „Die gröbsten Sanierungsfälle hatten wir zum Glück im Frühjahr und im Sommer.“ Mit Mühe habe er einen Entsorger aufgetrieben, der das Styropor annimmt. Viele Transportfirmen weigern sich, Dachdecker bleiben auf den Müll-Bergen sitzen. „Die exorbitanten Kosten“ sind für Greiner das Hauptproblem. In München zahle man bis zu 2000 Euro pro Tonne. „Für manche ist das existenzbedrohend“, berichtet Greiner aus der Branche. Wie der Zentralverband des deutschen Dachdeckerhandwerks mitteilte, mussten zwischenzeitlich hunderte Baustellen im Land stillgelegt werden.

Die WGV Quarzbichl verlangt seit Oktober 1200 Euro für eine Tonne Styropor. Hiesige Betriebe bringen das alte Dämmmaterial in die Greilinger Deponie. Von dort wird es aktuell in die Müllverbrennungsanlage nach Ingolstadt transportiert. Nur durch die Verbrennung können die HBCD-haltigen Platten entsorgt werden, ohne Umweltschäden anzurichten. Geschäftsleiter Reiner Späth wollte die einheimischen Handwerker nicht abweisen. „Als öffentlich-rechtliche Einrichtung sind wir ja für die Bürger da“, sagt er. Deshalb habe man einen Vertrag mit Remondis, dem größten deutschen Recyclingunternehmen, geschlossen. Remondis hat bislang drei Container mit insgesamt 240 Kubikmetern Styropor abgeholt und nach Ingolstadt gefahren.

Dort sitzt Gerhard Meier, Geschäftsführer der Müllverbrennungsanlage. Bei ihm kommen, wie in 13 anderen bayerischen Anlagen, regelmäßig Ladungen mit Styropor an. Der streng sortierte Müll mischt sich im Ofen aber wieder mit anderem Müll. „Das geht gar nicht anders“, sagt Meier. Die Öfen seien für eine reine Styroporverbrennung nicht ausgelegt. „Die werden zu heiß, und das würde die Anlage beschädigen.“

Spätestens hier wird klar: Es ist ein rein rechtliches Problem, ein Rattenschwanz. Eine EU-Bestimmung zieht andere Bestimmungen nach sich, die wenig Sinn ergeben. Für WGV-Chef Späth ist die HBCD-Kategorisierung als gefährlicher Stoff deshalb Unsinn. „Die Entsorgung selbst war ja noch nie problematisch für die Umwelt.“

Für Markus Greiner liegt das Problem oft in der Kalkulation. Aus zwei Kilo des „expandierten Polystyrolschaums“, kurz EPS, der in vielen Dächern steckt, würden schnell mal 15. „Wenn Dächer undicht sind, saugt sich der EPS mit Wasser voll“, erklärt Greiner. Das merke man aber erst beim Abriss. Eine zweite Komplikation bei alten Flachdächern: Das Bitumen, das früher als Isoliermaterial diente, hat das Styropor mit anderen Abdichtungsschichten verklebt. Eine Sortierung wird unmöglich.

Greiner kann nicht warten, bis die Politik Lösungen anbietet. Er setzt – wenn der Kunde mitspielt – auf alternative, teurere Dämmstoffe wie Glas- oder Steinwolle. Das mittlerweile HBCD-freie Styropor auf dem Markt versucht er zu vermeiden. Auch weil Entsorgungsfirmen dahinter oft die die giftige Version befürchten würden. Für Greiner steht fest: „Wir müssen die Kosten weitergeben. Am Ende ist der Kunde der Gelackmeierte.“

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