+
Diagnose per High-Tech: Eine Videobrille zeichnet die Augenbewegungen eines Patienten beim Betrachten bestimmter Bilder auf. Das hilft Dr. Rüdiger Ilg, dem Leiter der Neurologie, die Ursachen von Schwindel festzustellen.

Asklepios-Stadtklink

Neurologie als Aushängeschild

Bad Tölz - Die Tölzer Asklepios-Stadtklinik ist offiziell Lehrkrankenhaus der TU München. Die vor eineinhalb Jahren ins Leben gerufene Neurologie-Abteilung, in der Medizinstudenten nun ihr Praktisches Jahr absolvieren können, ist ein Aushängeschild des Krankenhauses.

„Der Preis dieses Geräts geht schon in die Richtung eines kleinen Fertighauses“, erklärt Privatdozent Dr. Rüdiger Ilg. Das große Metallgestell mit Laufband, Schienen und Hebegurtsystem macht das Gehen deutlich leichter – beziehungsweise den Patienten, der vom eigenen Körpergewicht 50 Kilogramm weniger zu tragen hat, wenn er hier etwa nach einem Schlaganfall wieder erlernen muss, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Beim Rundgang durch die Neurologie an der Asklepios-Stadtklinik hat Chefarzt Ilg modernste Technik vorzuweisen. Ein paar Räume weiter ist das „Schwindelsystem“ aufgebaut. Ein Patient bekommt eine Videobrille aufgesetzt. Wenn er dann auf einem großen Bildschirm diverse grafische Darstellungen ansieht, zeichnet die Brille seine Augenbewegungen auf. Das hilft dem Arzt zu diagnostizieren, ob ein Schwindelgefühl auf eine Störung des Gleichgewichtsorgans zurückzuführen ist oder auf eine Durchblutungsstörung im Gehirn – also unter Umständen einen Schlaganfall. Der ist freilich nicht die einzige Diagnose, wegen derer Menschen in der Neurologie behandelt werden. Andere leiden unter Hirnblutungen, Alzheimer, Demenz, Parkinson, multipler Sklerose oder Meningitis.

Größe und Ausstattung sind entscheidende Kriterien, um als Lehrkrankenhaus anerkannt zu werden. Die Technische Universität (TU) habe etwa großen Wert auf ein eigenes Labor, eine elektrophysiolgische Diagnostik, Magnetresonanztomographie sowie eine Stroke Unit (Schlaganfall-Spezialeinheit) und Computertomographie mit 24-Stunden-Bereitschaft gelegt, sagt Klinik-Geschäftsführer Joachim Ramming.

Technik allein reicht freilich nicht. Entscheidend sei vor allem das „ausgereifte Konzept“ gewesen, das Ilg für die Ausbildung im Praktischen Jahr (PJ) vorgelegt habe. Auch eine „ausreichende Personaldecke“ sei eine Voraussetzung gewesen. „Die soll gewährleisten, dass die Nachwuchsärzte nicht als Hilfskräfte eingesetzt werden, sondern tatsächlich lernen können.“ Ungewöhnlich schnell – innerhalb weniger Monate – habe die TU kürzlich die Asklepios-Stadtklinik als Lehrkrankenhaus anerkannt, so dass hier ab dem kommenden Semester je zwei Studenten pro Dritteljahr ihr PJ absolvieren können.

Für das Krankenhaus ist das ein weiterer wichtiger Baustein, um seine neurologische Abteilung zu einem Aushängeschild zu machen. Ein Pfund, mit dem die Klinik wuchern kann, ist die seltene Kombination von Akut- und Rehaklinik. „Damit decken wir unter einem Dach das gesamte Spektrum von der Erstdiagnose bis zur abgeschlossenen Rehabilitation ab“, erklärt Ilg. Erste Therapiemaßnahmen stehen für den Patienten in der Abteilung für Neurologie und neurologische Frührehabilitation an, wo sich Kranken- und Rehazimmer auf den beiden Seiten desselben Flurs befinden – ein Konzept der kurzen Wege.

Eine direkte Verbindung gibt es auch zur Rehastation, wo die Patienten nach der Akutbehandlung wieder zur Selbstständigkeit geführt werden sollen. „Hier verfolgen wir zwei Ziele“, sagt Ilg. „An erster Stelle die Restitution, also die Wiederherstellung ausgefallener Funktionen. Wenn das nicht geht, streben wir die Kompensation an, dass heißt, dass benachbarte Hirnareale die Funktionen übernehmen. Das Gehirn ist extrem lernfähig, das hat man früher unterschätzt. Aber dazu braucht man viel Training und Geduld.“

Auch dazu steht jede Menge High-Tech zur Verfügung, zu bewundern in einem „Wandelhalle“ genannten großen Gang, der fast wie ein Fitness-Studio wirkt, mit all seinen Geräten zum Trainieren von Armen, Beinen, Händen und Füßen. Doch statt gleich Gewichte zu stemmen, müssen sich hier viele Menschen mit viel kleineren Aufgaben zufrieden geben. Wer an seine Finger nur einen kleinen Restimpuls für eine Bewegung senden kann, dem hilft ein elektronischer Handschuh mit eingebauten Sensoren. Der überträgt auch winzige Bewegungen auf einen Monitor, wo der Patient in einer Art Computerspiel Äpfel pflücken oder einen Wäschekorb füllen kann. „Diese sichtbaren Ergebnisse bedeuten eine große Motivation, so dass der Patient die Übung häufiger wiederholt“, sagt Ilg. „Und die Zahl der Wiederholungen ist entscheidend für den Erfolg.“

Auch viel vermeintlich Selbstverständliches wird in der Rehastation eingeübt. „Eine Lähmung ist eine Sache“, sagt Ilg. „Doch die wirkliche Funktion wiederherzustellen, dass man mit seiner Hand einen Schlüssel umdrehen oder schreiben kann, ist wieder etwas anderes.“ Lehrküche und Haushaltstraining dienen zudem dazu, Alltagsfertigkeiten einzuüben.

Die Anerkennung zum Lehrkrankenhaus ist für die Asklepios-Stadtklinik zwar ein Erfolg, aber kein Grund, sich zurückzulehnen. Das nächste Ziel ist schon gesteckt: „Dr. Ilg hat die volle Weiterbildungsermächtigung beantragt“, informiert Ramming. „Damit können zukünftig auch Fachärzte ausgebildet werden.“

Andreas Steppan

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Der Tölzer Kurier auf dem „Summer Village“
Der Tölzer Kurier auf dem „Summer Village“
Illegales Zeltlager bei Bad Tölz
Zelten im Natur- oder Landschaftsschutzgebiet ist verboten. Das hinderte mehrere rumänische Familien aber nicht darin, am Dienstag in der Nähe von Roßwies ihr Lager …
Illegales Zeltlager bei Bad Tölz
Täter randalieren, zündeln und töten Frösche
Eine Spur der Verwüstung hinterließen bislang unbekannter Täter auf einem Gartengrundstück in Reichersbeuern. Auch für den Tod einiger Tiere sind die Rowdys …
Täter randalieren, zündeln und töten Frösche
1728 Flüchtlinge in den Unterkünften im Landkreis
1728 Flüchtlinge in den Unterkünften im Landkreis

Kommentare