Online wurde über das Thema 5G ausgiebig diskutiert. Zwei Referenten argumentierten für und gegen den neuen Mobilsfunkstandard. Screenshot
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Online wurde über das Thema 5G ausgiebig diskutiert. Zwei Referenten argumentierten für und gegen den neuen Mobilsfunkstandard.

Online-Kreisversammlung Bad Tölz-Wolfratshausen

Nicht auf einer Wellenlänge: Grüne diskutieren über das Für und Wider von 5G

Es gibt wenig Themen, die so polarisieren wie der neue Mobilfunk-Standard 5G. Auch in der Online-Kreisversammlung der Grünen am Donnerstag hätten die Meinungen dazu kaum unterschiedlicher sein können. Am Ende lehnten die 41 Stimmberechtigten den Antrag des Wolfratshauser Ortsverbands mehrheitlich ab, innerhalb der Partei eine Diskussion zu diesem Thema anzustoßen.

Bad Tölz-Wolfratshausen - Der Kreisverband hatte zwei Referenten eingeladen. Massiv gegen 5G argumentierte Jörg Gutbier, Fraktionsvorsitzender der Grünen in Herrenberg und Vorstandsvorsitzender der Verbraucherschutz-Organisation „Diagnose-Funk“. Eindringlich für 5G warb Benjamin Adjei, Landtagsabgeordneter und Sprecher der Grünen für Digitalisierung. Immer wieder entzündeten sich die Diskussionen an der Frage, was denn nun die vorherrschende Meinung der Wissenschaft sei. Es sei längst durch viele Studien bewiesen, dass die Mobilfunk-Strahlung schon weit unter den geltenden Grenzwerten Schäden am zentralen Nervensystems hervorrufen kann, sagte Gutbier. Ebenso sei durch „breite Studien“ nachgewiesen, dass Mobilfunk das Erbgut schädigen und Krebs verursachen kann. Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern habe sich nicht mehr anders zu helfen gewusst, als einen „Notruf“ an die Weltgesundheitsorganisation und die Vereinten Nationen zu schicken. „Diagnose-Funk“ sei nicht generell gegen Mobilfunk, sondern dafür, die Grenzwerte zu senken.

Viele Studien halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand

Das Bild sei in der Tat völlig klar, entgegnete Benjamin Adjei: „Es gibt keinerlei Hinweise auf die Schädlichkeit des Mobilfunks.“ 32 000 Studien seien zum Thema Elektromagnetische Felder schon erstellt worden, alleine 6800 zum Mobilfunk. Kaum ein Umwelteinfluss sei besser erforscht. Das Problem sei, dass viele Studien einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten.

In einer der bekanntesten Studien seien 3000 Mäuse ihr Leben lang mit Mobilfunk-Strahlung „gegrillt“ worden. Die zulässigen Grenzwerte seien um das 20-fache überschritten worden, Als Folge sei in der Tat ein erhöhtes Herzkrebs-Risiko festgestellt worden. Nicht erwähnt würden dagegen andere kuriose Ergebnisse. Beispielsweise, dass die Mäuse im Schnitt länger lebten. Adjeis Schlussfolgerung: „Das zeigt die Zufälligkeit der Ergebnisse der Studie. Oder will jemand behaupten, dass Mobilfunk-Nutzer eine höhere Lebenserwartung haben?“

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Mobilfunk und Insektensterben

Zu komplett unterschiedlichen Einschätzungen kamen die Referenten auch bei Lucia Schmidts Frage, ob sie einen Zusammenhang zwischen Mobilfunk und dem Insektensterben sehen. Es gebe viele Studien zu diesem Thema, antwortete Gutbier: „Die Ergebnisse sind erschreckend.“ Laut Benjamin Adjei gebe es dagegen keinen Nachweis, „noch nicht mal einen Hinweis auf einen Zusammenhang“. Auch in Gegenden ohne Mobilfunk nehme die Artenvielfalt ab. Dieser Meinung ist auch der Ökologe Wolfgang Goymann: „Es gibt andere Faktoren, die einen Einfluss haben: Landwirtschaft, fehlende Naturschutzgebiete und mit Abstrichen Lichtverschmutzung. Mobilfunk können wir in diesem Zusammenhang vernachlässigen“, sagte er.

Forscherin Anja Teubert-Zitzler kommentierte, sie wisse aus eigener Erfahrung, dass es gute und schlechte wissenschaftliche Veröffentlichungen gebe. Man müsse sich jede Studie genau ansehen. Für Fachfremde sei es schwierig, Studien zum Thema Mobilfunk einzuschätzen – „mich eingeschlossen“.

„Mit der 5G-Gegnerschaft nehmt ihr uns Chancen, setzt nicht auf dieses Thema.“

Nach den jeweils zehnminütigen Referaten mit einem Trommelfeuer an Studienergebnissen, Argumenten und Gegenargumenten befand Zuhörer Hans-Georg Heserer: „Ich bin hin- und hergerissen.“ Am meisten überzeuge ihn das Argument, dass der 5G-Standard für technologischen Fortschritt nicht notwendig sei: „Wir bleiben auch mit dem, was wir haben, wettbewerbsfähig.“ Dies sah auch Rudi Seibt so: „5G ist überflüssig wie ein Kropf.“ Damit Fahrzeuge miteinander kommunizieren können, sei kein 5G notwendig: „Das braucht man nur, wenn man Daten zentral sammeln will, das ist ein Überwachungselement.“ Lucia Schmidt ergänzte, auch die Gegner von Kernenergie seinen anfangs belächelt worden.

Der Geretsrieder Marius Schlosser stellte sich hinter die Aussagen von Adjei: „Eine Partei, die hinter Fridays for Future und der Wissenschaft steht, kann nicht auf pseudowissenschaftliche Studien setzen.“ Fortschrittsfeindlichkeit halte er für „sehr gefährlich“. Er habe selbst noch vor fünf Jahren in der Schule Lehrer erlebt, die Tablets im Unterricht verdammten: „Und dafür werden wir jetzt hart bestraft, das Online-Schooling funktioniert nicht.“ Schlosser appellierte: „Mit der 5G-Gegnerschaft nehmt ihr uns Chancen, setzt nicht auf dieses Thema.“

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