Wäre ein Notabitur ohne reguläre Abschlussprüfungen vergleichbar mit der bisherigen Allgemeinen Hochschulreife? Sowohl Schüler als auch Schulleiter aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind sich unschlüssig.
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Wäre ein Notabitur ohne reguläre Abschlussprüfungen vergleichbar mit der bisherigen Allgemeinen Hochschulreife? Sowohl Schüler als auch Schulleiter aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind sich unschlüssig.

Auswirkungen der Corona-Pandemie

Bad Tölz-Wolfratshausen: Notabitur wie in Kriegszeiten?

  • Felicitas Bogner
    vonFelicitas Bogner
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Sollen die Abitur-Prüfungen abgesagt werden? Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft jedenfalls plädiert für ein Notabitur bei weiter steigenden Infektionszahlen. Im Landkreis herrscht darüber Unsicherheit.

Bad Tölz-Wolfratshausen – In sechs Wochen, am 12. Mai, findet bereits die erste schriftliche Abiturprüfung in Bayern statt. Die Forderung der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) lässt die bereits dafür büffelnden Schüler nun aufhorchen. Wie kürzlich bekannt gegeben, plädiert die GEW bei weiter steigenden Infektionszahlen für ein Notabitur. Das bedeutet, dass die klassischen Prüfungen zur Allgemeinen Hochschulreife entfallen und lediglich die Leistungen aus dem Unterricht bewertet werden. In Deutschland wurde bisher zweimal auf diese Lösung zurückgegriffen – jedoch nie außerhalb von Kriegszeiten.

Zuletzt gab es in Deutschland ein Notabitur im Krieg

„Wir nehmen es, wie es kommt“, sagt der Schulleiter des Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums, Alexander Göbel, zu der Idee. Dennoch müsse so eine Entscheidung „sehr gut überlegt sein“. Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre weiß Göbel, dass „sich die Noten unter dem Schuljahr nur in Ausnahmefällen entscheidend von den Abiturprüfungs-Ergebnissen unterschieden“. Trotzdem stehe „die Frage der Vergleichbarkeit“ im Raum, meint Göbel. „Aber das ist eine rein politische Entscheidung.“ Ob ein Notabitur aktuell die richtige Entscheidung ist, könne er nicht klar sagen: „Man kann diesbezüglich in beide Richtungen argumentieren.“ Doch sollte man mit Blick auf die Infektionszahlen dazu gezwungen sein, bei den Prüfungen zu reagieren, fände Göbel die Idee sogar „ganz charmant“.

Schulleiter des Tölzer Gabriel-von-Seidl-Gymnasiums, Alexander Göbel.

Nadine Gründl besucht die zwölfte Klasse des St.-Ursula-Gymnasiums Hohenburg. Sie steckt bereits in den Vorbereitungen für die näherrückenden Prüfungen. „Ich weiß nicht so ganz, was ich von der Überlegung eines Notabiturs halten soll“, sagt sie. Auf der einen Seite würde sie sich freuen. Denn Notabitur bedeutet auch, „dass der Prüfungsdruck wegfällt. Es war die letzten Monate sowieso sehr anstrengend mit dem ewigen Hin und Her“, sagt die Heilbrunnerin. Doch eine Befürchtung bleibt: „Es wäre schade, wenn man abgestempelt wird, dass man es leichter hatte, zum Abitur zu kommen als andere.“ Daher würde die 18-Jährige tatsächlich gerne die Prüfungen schreiben. „Mit Schnelltest eben.“

Tölzer Schulleiter: „“Entscheidung muss sehr gut überlegt sein.“

Vitus Neumaier (18) steht ebenfalls kurz vor dem Abitur. Er besucht das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking. Im Januar machte er bereits in den sozialen Medien auf die schwierige Situation der Abiturienten aufmerksam. Sein offener Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Kultusminister Michael Piazolo (FW) schlug hohe Wellen und wurde auf Instagram bereits über 12 000- mal geliked. Die Politiker reagierten bis heute jedoch nicht (wir berichteten).

Ickinger Schulleiter: „Man darf die Abiturienten jetzt nicht noch mehr verunsichern.“

Zum Vorschlag der GEW sagt Neumaier: „Ich habe mich durch den Brief mit vielen Schülern ausgetauscht. Die Mehrheit würde ein Notabitur begrüßen.“ Er selbst denke, dass es „gehupft wie gesprungen“ sei, ob man die Prüfungen schreibe oder eine Durchschnittsnote für die Vorleistungen erhalte. Einige befürchten, dass das Abitur schwieriger sei, da ihnen viel Stoff fehle, der in den Wochen vor den Prüfungen nun noch aufgeholt werden muss. Was dem 18-Jährigen jedoch viel mehr auf der Seele brennt: „Es wäre enorm wichtig, dass Schüler jetzt endgültig wissen, wie es mit dem Abi abläuft. Die Unsicherheit ist das Schlimmste.“

 Leiter des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums, Stefan Nirschl.

Das sieht der Leiter des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums, Stefan Nirschl, genauso. Aber er beruhigt: „Man darf die Abiturienten jetzt nicht noch mehr verunsichern. Das Kultusministerium hat klar gesagt, dass die Prüfungen stattfinden.“ Nirschl ist überzeugt, dass das Abitur mit regulären Abschlussprüfungen gut funktionieren werde. „Das hat auch vergangenes Jahr geklappt.“ Er weiß zwar auch, „dass dieser Jahrgang mehr Komplikationen hatte als diejenigen, die 2020 Abitur geschrieben haben“. Aber der Schulleiter gibt zu bedenken, dass der Lehrplan entsprechend abgespeckt wurde. „Dadurch haben wir einige Wochen gewonnen.“

Bevor der Wechselunterricht wieder gestartet ist, forderte das Homeschooling viele Eltern im Tölzer Land.

Weitere Informationen zur aktuellen Corona-Lage im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lesen Sie hier.

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