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Notarzteinsätze

Hier wird nicht gegafft

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Bad Tölz-Wolfratshausen – Ein Gesetz ist im Gespräch, das Gaffern bei Rettungseinsätzen das Leben schwer machen soll. Notärzte, Polizei und Feuerwehr im Südlandkreis haben mit Schaulustigen allerdings wenig Probleme.

Die Landespolitik beschäftigt sich aktuell mit der Spezies des Gaffers. Die bayerische Staatsregierung prüft, ob Rettungseinsätze weniger behindert werden, wenn künftig auch Notärzte sogenannte Platzverweise aussprechen dürfen. Die sind manchmal die letzte Rettung – vor dem Mann, der sich in den Notfallkoffer des Arztes gestellt hat, um einen Blick auf den Schwerverletzten zu erhaschen. Oder vor der Frau, die den Polizist aufforderte, aus dem Weg zu gehen. So könne sie unmöglich die Folgen des soeben geschehenen Unfalls mit ihrem Smart-Phone einfangen. Szenen, die sich tatsächlich so abspielen. Immer wieder in Deutschland. Aber auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen?

„In Bad Tölz gibt es überhaupt kein Problem mit Schaulustigen“, sagt Miklas Drüeke, Vorsitzender des Vereins Tölzer Notärzte. „Natürlich gucken immer ein paar Leute. Aber mehr ist es dann auch nicht.“ Auch bei den Vereinssitzungen seien Gaffer noch nie zum Thema gemacht worden. Drüeke, der in der Asklepios-Klinik arbeitet, ist seit 1992 Notarzt, seit 1998 in Tölz. Statt penetranter Neugier sei er viel häufiger auf Hilfsbereitschaft gestoßen. „Leute, die Decken aus ihren Autos holen, zum Beispiel.“

Solche extremen Beispiele, wie sie bei Notärztekongressen oder in den Medien berichtet werden, hat auch Dr. Rudolf Forstner selbst nie erlebt. Er war 35 Jahre Hausarzt und Notarzt in Lenggries, inzwischen führt sein Sohn die Praxis. „Hier haben die Menschen noch mehr Anstand und ein Gefühl, für das, was sich gehört.“ Es gebe zwar mal jemanden, der sich vordrängle, aber Forstner hat auch schon jemanden im Biergarten reanimiert. Und „die am Nachbartisch haben einfach weitergegessen“.

Tobias Reploh, der nicht nur als Kinderarzt, sondern auch als leitender Notarzt im Tölzer Raum beschäftigt ist, wurde ebenfalls nie durch Gaffer in seiner Arbeit behindert. Reploh sagt aber auch: „Umso spektakulärer der Einsatz, umso mehr Leute bleiben stehen.“ Lärmende Hubschrauber und brennende Dachstühle steigern die Neugier. „Das war schon immer so. Früher haben die Leute halt zugeschaut, jetzt filmen sie mit“, so Reploh. „Wenn viele Handykameras auf dich gerichtet sind, kann das für manche Einsatzkräfte schon belastend sein.“

Drüeke formuliert es härter: „Wer mich bei meiner Arbeit filmt, den verfolge ich strafrechtlich.“ Das könne er nicht mit seinen Persönlichkeitsrechten vereinbaren. Bislang musste der Notarzt noch keine juristischen Schritte einleiten.

Auch Reploh findet, dass den Rettern „insgesamt viel Respekt entgegengebracht wird“. Und er verweist auf den regionalen Faktor. Der Landkreis sei nicht so dicht besiedelt wie eine Großstadt. „Mitten in München versammeln sich schnell mal 200 Menschen.“ Als Münchner Kindernotarzt hatte Reploh einst einen Einsatz nahe eines Möbelhauses bei Parsberg. An einem Einkaufssamstag. „Wir sind vor lauter Schaulustigen fast nicht zur Unfallstelle durchgekommen.“

Gerade auf Autobahnen gebe es das Phänomen, dass Fahrer abbremsen, „um vielleicht einen Tropfen Blut zu sehen“, sagt Josef Mayr, stellvertretender Dienststellenleiter der Tölzer Polizei. Für Autobahnen sind die Kräfte im Landkreis allerdings nicht zuständig. Bei Unfällen auf Bundesstraßen gebe es aber schon auch Schaulustige, die das Auto anhalten und aussteigen. „Aber das sind Einzelfälle, kein massives Problem“, erklärt Mayr. Den Vorschlag der Politik, Notärzte mit der Platzverweis-Befugnis auszustatten, findet er unsinnig. „Die sind doch genug mit ihren Patienten beschäftigt.“

Mobile Sichtschutzwände gegen Gaffer.

Die Feuerwehr kann Sichtschutzwände aufbauen, um Unfallopfer vor Blicken und Smart-Phones zu schützen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemand mit dem Handy vorgeprescht wäre. Die Leute stehen bei uns nicht direkt an den Schläuchen“, sagt auch René Mühlberger, Führungskraft bei der Tölzer Wehr. Viel öfter würden sich Autofahrer über Absperrungen und Umleitungen aufregen.

Rudolf Forstner sprach die Schaulustigen bei seinen Einsätzen einfach an, ob sie die Infusion halten können. „Die meisten waren durchaus willens zu helfen, und andere dachten, da schleich ich mich lieber.“

Tobias Gmach und 

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